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Rekordversuch Waterworld: Vom Leben in einer Wasserkugel

 ·  Seit einer Woche lebt David Blaine in einer Wasserkugel. Im Jahr 2000 harrte er sieben Tage in einem Eisblock aus, im Jahr 2003 lebte er 44 Tage ohne Nahrung in einem hängenden Glaskasten. Und jetzt ist er wieder in seinem Element, wenn auch einem neuen.

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Dem Blubbern kann sich niemand entziehen. Spät am Freitag abend schauen nicht nur die Mütter aus Brooklyn mit ihren vier Kindern und die jungen Paare aus New Jersey zu, wie David Blaine es sich in seiner mit Wasser gefüllten Acrylkugel am Lincoln Center gemütlich macht. Auch die Besucher der Metropolitan Opera scheinen diesem Schauspiel viel abgewinnen zu können: Von der Balustrade im ersten Stock sehen sie auf den Magier und Aktionskünstler herab, der seinen kleinen Wasserglobus auf den Platz zwischen Philharmonie, Ballett und Oper gesetzt hat, ins Herz der New Yorker Hochkultur.

"Schauen Sie genau hin", sagt Martin Stepanek und zeigt auf die Riege der Abendkleider. "Sie stehen sogar in Zweier- und Dreierreihen!" Stepanek, Freediving-Weltrekordhalter in gleich mehreren Disziplinen, kann zufrieden sein mit seinem gelehrigsten Schüler, der seit Montag wie ein Goldfisch im Wasserglas schwebt und an diesem Sonntag abend unter den Augen von noch mehr Zuschauern (der Fernsehsender ABC ist zugeschaltet) wieder auftaucht.

Rekordversuch im Luftanhalten zum Abschluß

Hoffentlich jedenfalls: Denn Blaine will nach einer Woche unter Wasser nicht einfach nur nach oben kommen und endlich mal wieder etwas Vernünftiges essen. Vorher will er auch noch den Rekord im Luftanhalten unter Wasser brechen. Und damit es an Theatralik nicht fehlt, wird er sich mit 75 Kilogramm schweren Ketten fesseln lassen, die er in den ersten vier Minuten seines Versuchs lösen will, bevor er weitere fünf Minuten im Wasser verharrt - denn der Rekord liegt bei acht Minuten und 58 Sekunden.

David Blaine fesselt wieder einmal viele Zuschauer. Im Jahr 2000 harrte er sieben Tage in einem Eisblock aus, im Jahr 2003 lebte er 44 Tage ohne Nahrung in einem hängenden Glaskasten an der Themse in London. Und jetzt ist er wieder in seinem Element, wenn auch einem neuen.

„Sein Kopf ist nie über Wasser“

Auch auf den flüssigen Aggregatzustand hat er sich gut vorbereitet. Vor einem halben Jahr kam er zum ersten Mal zu "Performance Freediving International", dem Team von Stepanek, dem einige der besten "breath-hold diver" (Apnoetaucher) der Welt angehören. Stepanek zum Beispiel kann ohne jegliche technische Hilfe mehr als acht Minuten unter Wasser verbringen. In Vancouver, in La Paz und auf den Cayman-Inseln haben sie mit Blaine trainiert: "Sehr viel Fitness. Außerdem haben wir alle Muskeln gestärkt, die das respiratorische System unterstützen", sagt Stepanek. Zudem haben sie ihn so präpariert, daß er es möglichst lange mit wenig Sauerstoff aushält.

Aber etwas Sauerstoff braucht Blaine dann doch. Gerade taucht er in seiner Zweieinhalb-Meter-Kugel nach oben. Ein Deckel wird geöffnet, und einige Helfer machen sich an seinem Helm zu schaffen. "Sein Kopf ist nie über Wasser", versichert Stepanek. Aber sein Taucherhelm, der ihm über ein Mikrofon auch die Kommunikation mit draußen ermöglicht, muß ab und zu ausgewechselt werden. Denn in den letzten Tagen ist Wasser in den Helm eingedrungen. Daher trägt er nun oft wieder eine einfache

Tauchermaske. Auch über sie bekommt er Sauerstoff

"Nein, nicht Sauerstoff: Luft!" Martin Stepanek muß die Kritiker korrigieren. Andere Apnoetaucher hatten behauptet, es sei keine Kunst, neun Minuten lang die Luft anzuhalten, wenn man vorher hochkonzentrierten Sauerstoff inhaliert hat. Er atme aber nur die normale Atemluft, versichern die Mitglieder des Blaine-Teams, die vor allem damit beschäftigt sind, die in langen Schlangen wartenden Schaulustigen geordnet an der Kugel vorbeidefilieren zu lassen, so daß sie dem Dreiunddreißigjährigen zuwinken und ihm handgemalte Sprüche hinhalten können. Ein Junge fragt seine Mutter: "Und wie geht er auf Toilette?"

Die Mutter lacht, aber die Frage zielt ins Zentrum des bevorstehenden Rekordversuchs. Über einen Katheter kann zwar Urin abgeführt werden - Blaine nimmt Flüssignahrung zu sich. Aber weil er seine kleine Welt nicht verlassen kann, hat er schon in der Woche, bevor er abgetaucht ist, nichts Festes mehr gegessen: Das Verdauungssystem ist vollkommen entleert. "Und das schwächt ihn natürlich", sagt Stepanek. Zudem sei er sehr gut durchtrainiert - und die Muskeln ziehen beim Rekordversuch viel von dem wenigen Sauerstoff ab. "Das ist natürlich schlecht." Aber Stepanek, der schon mit Sportgrößen wie Tiger Woods trainiert hat, ist zuversichtlich. Blaine sei der begabteste Tauchschüler, den er kenne: "Und was er will, das macht er auch." Diese Vermutung zumindest ist wohl wasserdicht: Was seinen Willen angeht, sind selten Zweifel an David Blaine aufgetaucht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18 / Seite 16
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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