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Recycling : Der Düsentrieb des indischen E-Schrotts

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Recycling in Bangalore: Imran Pasha, 26 Jahre, schlachtet seit fünf Jahren illegal Elektroschrott aus. Das bringt ihm 500 Rupien am Tag, gut sechs Euro. Bild: Money Sharma

Bangalore ist das IT-Zentrum Indiens. Wie man gut mit dem Abfall verfährt, macht mit deutscher Hilfe ein findiger Ingenieur vor. Für ihn ist Recyclen nicht nur ein Geschäft.

          Der Mann kann nicht stillstehen, und weil er dauernd so innovativ hin und her schießt, haben ihn die deutschen Helfer „Daniel Düsentrieb“ getauft, nach der ComicFigur von Carl Barks aus den fünfziger Jahren. Wie das geniale weiße Disney-Huhn ist er Ingenieur und Garagenerfinder und steckt auch jetzt noch, mit weißem Schopf, stets voller neuer Ideen. Einen Doktortitel kann Peethambaram Parthasarathy vorweisen, und er hat eine Fabrik in Bangalore aufgebaut, E-Parisaraa, den ersten Recyclingbetrieb Indiens, den ersten von bislang dreien im Land, für den er mit Auszeichnungen überschüttet wurde. Das E steht für Elektroschrott, Parisaraa heißt Umwelt.

          Angefangen hat er, als es noch keinerlei Vorschriften und Gesetze gab, jetzt ist europäischer Standard erreicht, mit Hilfe der Fachleute von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sein Umsatz 2011/2012: umgerechnet gut 800000 Euro. Der Gewinn hängt stark vom Weltmarktpreis für die Metalle ab, die „Düsentrieb“ aus dem Schrott herausholt, Kupfer etwa, Platin, Gold. In einem gewöhnlichen Handy stecken zum Beispiel bis zu 24 Milligramm Gold. Am Tag verarbeitet E-Parisaraa sechs bis acht Tonnen Elektroschrott. Die Sammelstellen reichen bis Delhi und Bombay.

          In Parthasarathys Fabrik arbeiten 90 Frauen, auch die 35 Jahre alte Yashoda, deren Mann am Alkohol starb und die ihre elf und 13 Jahre alten Jungen mit den umgerechnet 100 Euro im Monat durchbringt. Von 9 bis 17.30 Uhr zerlegt sie vor allem Computer und Mobiltelefone und holt heraus, was noch zu verwerten ist vom Hightech-Schrott Bangalores, der Silicon-Valley-Stadt Indiens – bevor dann die Maschinen zum Einsatz kommen. Sie benutzt einen leisen elektrischen Handbohrer dafür, trägt Haube und Mundschutz, Handschuhe und Schutzbrille, ein Ventilator schafft Kühlung. In den regelmäßigen Pausen gibt es Gebäck, nach der Arbeit kann sie im Betrieb duschen. Sie wird kostenlos medizinisch untersucht, nimmt an Sicherheitstrainings teil. „Düsentrieb“, der Chef, zahlt weiter, wenn sie einmal krank ist, und er kommt für das Schulgeld der Söhne auf. Kurzum: Parthasarathy hat die Frauen aus Not und Elend auf die Sonnenseite Bangalores geholt, und sie profitieren ein bisschen mit von der IT-Blüte der Stadt mit acht Millionen Einwohnern.

          Das Gold verkauft er nach Belgien

          „Düsentrieb“ setzt in vieler Hinsicht auf die Zukunft, lagert zum Beispiel Lithium-Batterien und Legierungen, in denen Indium steckt. Vielleicht gibt es ja bald ein Verfahren, mit dem sich auch diese – extrem seltenen – Stoffe aus dem E-Schrott holen lassen. Dann macht er ein hübsches Geschäft. Für die GIZ hat Jürgen Porst das Projekt zusammen mit einer indischen Kollegin aufgebaut. Im indischen Bundesstaat Delhi und einigen anderen gibt es schon Nachahmer, die zum Teil auch von der GIZ gefördert werden. Beim Pionierprojekt in Bangalore war Porst externer Berater der GIZ, die sieben Millionen Euro in das Projekt steckte. Der promovierte Chemiker und Umweltschutzfachmann war in 25 Entwicklungsländern tätig und berät auch jetzt noch indische Industrien und Landesregierungen. „Anders als in Deutschland, wo man beim Kauf von Elektrogeräten die Entsorgung schon mitbezahlt hat, wird Elektroschrott in Indien meistbietend verkauft. E-Parisaraa ist das Modell, wie man es machen sollte. Aber Indien hat da noch einen langen Weg vor sich. Erst zehn Prozent des E-Schrotts werden so recycelt wie in Parthasarathys Betrieb: ohne Gefahr für die Leute, ohne Schäden für die Umwelt. Die anderen 90 Prozent werden von den ,Informellen‘ in den Hinterhöfen ausgeschlachtet, ohne Lizenz, ohne Steuern, illegal.“

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