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Rassismus in der DDR : Der Boxer

  • -Aktualisiert am

„Schöner leben ohne Nazis“, steht heute auf Albertos Shirt. Bild: Marcus Kaufhold

Mit 18 kam Ibraimo Alberto aus Mosambik in die DDR. Er bewährte sich im Fleischkombinat und boxte erfolgreich. Gegen Nazis hat er seine eigene Strategie gefunden.

          Ibraimo Alberto steigt in den Ring und will einfach nur boxen. Es ist ein Samstag irgendwann im Jahr 1987, Wettkampftag der ersten DDR-Box-Liga. Die Weimarer Sporthalle ist spärlich besetzt. Schweiß und Zigarettenrauch liegen in der Luft, wird er sich erinnern. Am Rand stehen jugendliche Männer. Sie trinken Bier, tragen Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze. Als der Kampf beginnt, machen sie Affengeräusche, einer grölt: „Der Affe ist im Ring!“ Das geht den ganzen Kampf so. Alberto kämpft weiter und ignoriert sie. In der vierten Runde setzt er seinen linken Dampfhammer, der Gegner geht k.o., der Kampf ist beendet.

          Dreißig Jahre später erinnert nur noch der rote Hoodie an den Boxer vergangener Tage. Ibraimo Alberto hat das Boxen vor ein paar Jahren aufgegeben. Stattdessen kämpfen die Wörter jetzt mit seinen Händen; nach jedem Halbsatz schlägt er einen kleinen Haken – rechts, links, rechts, links. Er hat das „Rathaus-Café“ in Hirschhorn am Neckar als Treffpunkt vorgeschlagen. Ein herausgeputztes Mittelalterstädtchen im Odenwald, das sich selbst als „Perle des Neckartals“ bezeichnet. Weiter entfernt könnte die DDR an diesem Nachmittag nicht sein. Alberto bestellt eine Apfeltasche mit Sahne und rührt sie zweieinhalb Stunden lang nicht an.

          Alberto erzählt seine Geschichte. Er braucht mehrere Anläufe, ständig verläuft er sich. Es ist die Geschichte eines Kämpfers, der alle seine Kämpfe gewonnen hat. Nur den letzten hat er verloren.

          Drecksarbeit statt Ausbildung

          Als einer von gut 20.000 Mosambikanern war Alberto in die DDR gekommen. Seit den siebziger Jahren versuchte die DDR, Arbeitskräfte aus sozialistischen Bruderstaaten anzuwerben. Die sogenannten „Vertragsarbeiter“ kamen aus Vietnam, Kuba, Algerien, Angola, China, Nordkorea oder eben Mosambik. Mehr als 90 000 von ihnen arbeiteten 1989 in der DDR. Doch von der versprochenen „internationalen Völkerfreundschaft“ spürten sie nichts: Ausbeutung und Diskriminierung bestimmten den Alltag der Vertragsarbeiter.

          „Sie sollten sogenannte Hilfstätigkeiten in der Produktion übernehmen“, sagt Harry Waibel. „Drecksarbeit, würden wir heute dazu sagen.“ Waibel ist freiberuflicher Historiker und hat sich in den vergangenen Jahren mit den ausländischen Arbeitern beschäftigt. „Die Industrie der DDR benötigte dringend Arbeitskräfte. Ab den fünfziger Jahren kamen erst Arbeiter aus Polen, später dann aus Ungarn oder der Tschechoslowakei“, erklärt er. Die DDR schloss dafür Verträge mit einzelnen Staaten ab. Zwar wurde den überwiegend jungen Männern ab 18 Jahren eine Aus- und Weiterbildung in einem von ihnen gewünschten Beruf versprochen; in Wirklichkeit richtete sich ihre Verteilung nach den Bedürfnissen der DDR-Wirtschaft. Ihr Aufenthalt war auf vier oder fünf Jahre beschränkt. Die Familie mitzunehmen war untersagt; wer sich bewährte, konnte auf eine Verlängerung hoffen. Im Gegenzug versprach die SED-Regierung den Ländern finanzielle Hilfen und sandte Lebensmittel und Industriegüter.

          Er glaubte den Versprechen der DDR

          Als Ibraimo Alberto erstmals von der DDR hört, befindet sich sein Land im Bürgerkrieg. 1963 ist er in Mosambik geboren, damals noch eine portugiesische Kolonie. Zusammen mit sechs Geschwistern wächst er auf einer Sklavenfarm auf. Sein Vater ist ein Medizinmann, seine Mutter kümmert sich um die Kinder. Mit elf Jahren muss Alberto als Putzkraft in einem Landhaus arbeiten. Nebenbei versucht er, die Schule zu besuchen. 1975 wird Mosambik unabhängig. Zwei Jahre später bricht der Bürgerkrieg aus, 1977 schließen die regierenden Sozialisten mit der DDR einen Vertrag.

          Alberto will nicht in den Bürgerkrieg ziehen, genauso wenig wie sein Freund Manuel Diogo. Beide glauben den Versprechen: In der DDR bekommt ihr eine Ausbildung zum Mechaniker, anschließend ein Studium. Fünf Jahre soll der Aufenthalt dauern, mit Aussicht auf Verlängerung. Wie viele Mosambikaner will Alberto anschließend zurückkehren, sein Land beim Wiederaufbau unterstützen.

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