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Aktualisiert: 11.07.2015, 19:02 Uhr

Ramadan „Ich verändere mich“

Der islamische Fastenmonat Ramadan ist in diesem Jahr eine besondere Herausforderung. Die Tage sind lang und die Hitze bricht Rekorde. Ein Muslim beschreibt, wie sich das für ihn anfühlt.

von Tahir Chaudhry
© Jakob von Siebenthal Was gläubige Muslime an Nahrung für den Körper entbehren, kompensieren sie durch zusätzliche Nahrung für die Seele.

Satte Arbeitskollegen strömen nach der Mittagspause ins Büro. Sie erzählen vom köstlichen Hähnchencurry, Cannelloni-Auflauf oder panierten Fischfilet. Mein Magen knurrt. Nur noch bis 22 Uhr durchhalten, sage ich mir, aber besser nicht daran denken. Dummerweise steige ich nach Feierabend in einen Zug, dessen Klimaanlage streikt. Die brennende Sonne treibt uns Fahrgästen den Schweiß über die Gesichter, mein Mund trocknet völlig aus. Meine Sitznachbarn greifen zur Trinkflasche. Ich darf nur zuschauen.

 „Du Ärmster!“, heißt es oft, sobald Freunden und Arbeitskollegen klar wird, dass ich faste. Also: kein Essen, kein Trinken, bis die Sonne untergeht, also etwa 18 Stunden Verzicht ab Sonnenaufgang. Das ist Dschihad, sozusagen der Kampf gegen den inneren Schweinehund. Stoisch nehme ich die Mitleidsbekundung zur Kenntnis, bis die Frage folgt, wie ich denn nur unter diesen Umständen arbeiten könne. „Das kann ich besonders gut!“, entgegne ich.

Schon nach wenigen Fastentagen hat sich mein Körper an die Umstellung gewöhnt. Ich bin konzentrierter und fokussierter. Fasten macht aufmerksamer. Ich höre und rieche mehr als sonst. Wenn etwa der Sitznachbar am Telefon das Abendessen mit seiner Frau plant oder wenn ein Kollege ein Stück Geburtstagstorte über den Flur trägt. Von der Arbeit hält mich das aber nicht ab. Ich bin konzentriert, arbeite ohne Pause bis endlich Feierabend ist. Einfach ist es trotzdem nicht immer. Zuverlässig gegen Mittag ereilt mich eine Müdigkeitsattacke, nachmittags muss ich immer zwei zehnminütige Hungerschübe überwinden, bevor es wieder normal weiter geht.

Ramadan bedeutet Hitze der Sonne

In diesem Jahr kommt die Rekordhitze dazu. Der Durst wiegt also schwerer als Hunger. Sitze ich bei knapp 40 Grad nicht zuhause vor dem Ventilator oder im klimatisierten Büro, werde ich extrem durstig und träge. Ich versuche deshalb jede unnötige Bewegung unter der brennenden Sonne zu vermeiden. Nach der Arbeit gehe ich nicht mehr einkaufen, versuche mich möglichst nur in der Wohnung aufzuhalten und oft kalt zu duschen. Gegen 22 Uhr ist dann Fastenbrechen. Nach dem Nachtgebet schlafe ich wenige Stunden und stehe um 3 Uhr morgens zum Fastenbeginn wieder auf. Denn bis zum Morgengrauen darf ich essen und trinken. Wieder weiß ich: Es wird heiß, also trinke so viel wie nur möglich.

Warum tut sich das jemand an? Immer wenn das Fasten als religiöses Gebot zum Gesprächsthema wird, spüre ich, wie es Menschen in unserer säkularisierten Gesellschaft befremdet. Die Konsequenz mit der ich faste, sogar in dieser brüllenden Hitze, ruft Verwunderung hervor. Doch sie bringt mir nicht den Respekt ein, der jemandem gezollt wird, der aus rein gesundheitlichen Gründen fastet. Als Fastender falle ich immer auf. Denn ich rücke, ohne es zu wollen, meine Religion in einer zunehmend religionslosen Gesellschaft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Auch wenn es zunehmend in Vergessenheit gerät: Das Fastengebot findet sich in allen Religionen dieser Welt. Seit Menschengedenken hat das Fasten als spirituelle Praxis eine bedeutende Funktion. Ob Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus, Zoroastrismus, Judentum, Christentum oder Islam: Das Fastengebot findet sich in allen Religion dieser Welt. Im Koran heißt es: „O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr euch schützet. Eine bestimmte Anzahl von Tagen.“ (Sure 2, Vers 183)

Das große Ganze wahrnehmen

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