Datteln gehören zum Ramadan wie Plätzchen zu Weihnachten. Dabei hat jeder seine Vorlieben: Abdulqadir bevorzugt die hellen marokkanischen, seine Frau Fatana die tiefbraunen aus Saudi-Arabien. Kurz bevor die Sonne in Brensbach-Wersau, einem kleinen Dorf im Odenwald, untergeht, stimmt der 19 Jahre alte Sohn Samir im Treppenhaus des Einfamilienhauses der Familie Schabel den Gebetsruf an: „Allah ist groß. Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.“
Das Fastenbrechen (Iftar) beginnt, traditionell mit Datteln und Wasser. Nach den rituellen Waschungen wird gebetet, und dann setzen sich die Eltern mit ihren drei Söhnen an den Tisch - zum Essen. Seit morgens um 5.30 Uhr hat die Familie nichts gegessen und nichts getrunken. Schlechte Laune hat jedoch keiner: Der Fastenmonat Ramadan sei eine heitere Zeit, sagt Mutter Fatana, die in Afghanistan aufgewachsen ist.
Besonders gern hat sie das gemeinsame nächtliche Frühstück vor dem Fasten. Dabei werden kleine „Ramadan-Pannen“ erzählt, und die Eltern und ihre Söhne lachen viel. Immer wieder kommt es vor, dass jemand vergisst, dass Fastenzeit ist, und gedankenverloren ein Glas Wasser trinkt oder eine Kleinigkeit isst. Doch das sei nicht schlimm, sagt Fatana Schabel. „Wir Muslime sagen dann: Du bist Gottes Gast gewesen!“
Tagsüber knurrt der Magen
Natürlich knurrt der Magen tagsüber immer wieder. „Dann denke ich an die vielen Millionen Menschen in der Welt, die das ganze Jahr über mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen müssen“, beschreibt Fatana Schabel ihre Gefühle. „Das Fasten verbindet uns mit ihnen und regt an zu spenden.“ Etwa zehn Euro sollte jeder Muslim im Ramadan für Bedürftige geben. Das Wohnzimmer der Schabels ist orange gestrichen, auf dem Fußboden liegen bunte Teppiche, an den Wänden sind Stickereien mit Korantexten, ein Zimmerbrunnen plätschert.
Eigens für den Fastenmonat hat Fatana Schabel elektrische Lichterketten aufgehängt. „Die Atmosphäre im Ramadan ist ganz wichtig“, sagt sie. „Es ist ein Monat, der uns aus unserer normalen Routine herausholt.“ Alles geht ein bisschen langsamer, bewusster. Auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa liegt der Koran in verschiedenen Ausgaben. Nachmittags sitzen alle zusammen, im Hintergrund ist Musik zu hören, jeder liest.
Durch das Fasten einen Schritt auf Gott zu
Der Ramadan ist eine Zeit, die für viele mit Kindheitserinnerungen verbunden ist. Die Moscheen sind stets voll in diesen Wochen. Das Fasten gehört zum Leben eines Muslims, auch wenn er übers Jahr seinen Glauben nicht so ernst nimmt, denn es zählt - mit dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Gebeten, den Almosen und der Pilgerfahrt nach Mekka - zu den fünf Säulen des Islam. Doch nicht immer ist es einfach, bei der Arbeit oder in der Schule auf Essen und Trinken zu verzichten.
Samir hat oft bis 17 Uhr Schule. „Gegen Ende lässt die Konzentration nach“, sagt er. Gleichzeitig erlebt er sich selbst in dieser Zeit als besonders sensibel und wach. „Ich nehme Gerüche und Geräusche viel deutlicher wahr.“ Vater Abdulqadir Schabel geht auch in der Fastenzeit täglich zur Arbeit. Der gelernte Industriebuchbinder, der in einer Druckerei arbeitet, ist Deutscher. Er ist vor mehr als 20 Jahren vom Christentum zum Islam übergetreten. Für ihn ist im Ramadan die Grundeinstellung entscheidend: „Wenn ich mich entschließe zu fasten, dann mache ich einen Schritt auf Gott zu.“ Und dann, so Schabel, komme Gott auf ihn zugerannt.
Der Ramadan ist die geselligste Zeit des Jahres
Der jüngste Sohn Idris ist erst sechs und fastet noch nicht. Den Ramadan mag er trotzdem. Er liebt die abendliche Suppe, die es in dieser Zeit immer als Vorspeise gibt. Das erste Mal hat der heute 21 Jahre alte Sohn Aaron mit 14 Jahren gefastet. In den ersten Jahren kreisten alle seine Gedanken um das Essen und Trinken. Heute denkt er mehr über seine Lebensgewohnheiten nach. „In den vergangenen Wochen habe ich mir angewöhnt, mehr im Koran zu lesen“, sagt Aaron. „Das möchte ich beibehalten.“
Die Zeit des Ramadans mit ihren Entbehrungen ist für Muslime die geselligste im ganzen Jahr. Das abendliche Fastenbrechen wird feierlich begangen, die Familien treffen sich zum Abendgebet und Essen in den Moscheen oder laden sich gegenseitig ein. Aaron, der in Darmstadt Psychologie studiert, geht an jedem Abend in eine andere Moschee. „Ich lerne ständig neue Leute kennen.“ Vor ein paar Tagen lud eine Familie ihn zusammen mit 30 anderen Jugendlichen ein. „Wir haben gemeinsam gegessen, gesungen und gelacht.“
Alljährlicher Gelehrtenstreit um Ende des Fastens
Der Ramadan verschiebt sich jedes Jahr um elf Tage nach vorne. Das liegt an der Berechnung nach dem islamischen Mondkalender. Seit den frühen neunziger Jahren fällt er in die Winter- und Herbstmonate. In diesem Jahr hat er am 12. September begonnen. Wann der Ramadan endet, ist nicht genau bestimmt. Alljährlich gibt es darüber einen Gelehrtenstreit: Die einen wollen es davon abhängig machen, dass sie die neue Mondsichel tatsächlich gesehen haben, die anderen verlassen sich auf Astronomen. Nach deren Berechnungen beginnt das Fest des Fastenbrechens, das Id al-Fitr, und damit das Ende des Ramadans am kommenden Freitag.
Daran werden sich auch die Schabels halten. Um neun Uhr fahren sie an diesem Tag zur Moschee in das „Haus des Islam“ im 20 Kilometer entfernten Lützelbach. Getrennt nach Frauen und Männern wird dort zuerst gebetet und dann gefeiert. Traditionell tragen Muslime an diesem Tag ein neues Kleidungsstück, und für die Kinder gibt es kleine Geschenke. Anschließend laden Abdulqadir und Fatana Schabel zu sich nach Hause ein. Etwa 25 Gäste erwarten sie. In der Küche wird ein Büffet hergerichtet mit Lammkeule, afghanischem Reis mit Karotten und Rosinen, mit Nudeln, Kartoffelgratin und vielen Kuchen. Bis in die Nacht hinein werden die Schabels mit ihren Freunden essen und zu Trommeln und Gitarrenklängen singen.
Sehr schöner, informativer Artikel
th gc (thgc)
- 10.10.2007, 06:12 Uhr
Kommentar
Sina Saafi (Sina25)
- 11.10.2007, 05:18 Uhr