http://www.faz.net/-gum-73tep
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Best Ager - Für Senioren und Angehörige

Veröffentlicht: 29.10.2012, 12:15 Uhr

Raddatz-Interview von 2012 „Stil braucht Lässigkeit“

Der Kritiker Fritz J. Raddatz galt als stilvolle Persönlichkeit. Mit F.A.Z.-Redakteur Timo Frasch sprach er vor drei Jahren über Kunst als Dekor, die Verwüstung der Sprache und Stil als Korsett für Unsichere. Das Interview zum Nachlesen.  

© dpa Fritz J. Raddatz 2010 in Hamburg

Herr Raddatz, ich muss gestehen, ich habe länger als sonst überlegt, was ich zu unserem Interview anziehen soll. Sie sind ja, wie man aus Ihren Büchern weiß, sehr genau in der Beobachtung und noch schärfer im Urteil.

Das kann man sagen, ja.

Glauben Sie, die Leute haben inzwischen Angst, sich Ihrer Gesellschaft auszusetzen?

Es kann sein, dass Menschen durch die kleinen Zeremonien, die ich mir nach wie vor leiste, wenn ich Gäste habe, zwar nicht Angst, aber doch Vorbehalte haben, weil sie meistens zu Hause so nicht leben. Ich kann gut verstehen, dass manche das Ganze albern finden, weil sie nicht wissen, was ein Messerbänkchen ist, oder weil sie keine Ahnung haben, wie man mit meinem Spargelbesteck aus dem Ritz in Paris überhaupt umgeht. Manche mögen das Zeremonielle aber auch. Mein früherer Freund Günter Grass etwa hat mich einst gefragt, ob er wenigstens zwei seiner Söhne mal zum Abendessen mitbringen dürfte, damit die sehen, wie es in einem kultivierten Haus zugeht.

Wie sieht es mit der Kleidung aus?

Auch da erschöpft sich für mich Stil nicht in der Frage, welche Hemden jemand trägt, ob mit Manschettenknöpfen oder ohne, wenngleich ich auch darauf Wert lege.

Da dürften Sie oft enttäuscht werden.

Ich gehe ja jeden Tag in meine soziale Beobachtungsstation, ein wunderschönes altes Jugendstilschwimmbad in Hamburg. Punkt neun stehe ich jeden Morgen wie ein Schüler vor der Tür und gehe dann eine Stunde ins Außenbecken. Da beobachte ich unangenehme, zum Teil ekelhafte Dinge: dass die Leute zum Beispiel barfuß in ihre Schuhe steigen – und ich rede dabei nicht von den Schwimmlatschen. Man hört ja immer wieder das Gerücht, dass Strümpfe bei Gelegenheit sogar gewaschen werden. Nun frage ich mich: Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen? Oder, was ich wirklich grauslich finde, auch eine Unsitte, Entschuldigung wenn ich sage: Ihrer Generation, die ziehen ihre Jeans auf den nackten Arsch. Ich nehme an, dass sie die Hose nicht täglich wechseln und wahrscheinlich auch nicht jeden zweiten Tag, was man normalerweise mit Unterwäsche tut. Das ist sehr unhygienisch und mir zuwider. Ich bekenne mich schuldig, dass ich noch Unterhosen trage, aber das ist offenbar out.

Wo sehen Sie das denn, dass die Leute nackt in ihre Hosen steigen? Gibt es dort keine Umkleidekabinen?

Es gibt nur Umkleideräume, das heißt, da steht jemand neben mir oder vor mir oder hinter mir, da kann ich das beobachten. Und da wir im Moment noch bei Stil und Sitte sind, bekenne ich mich auch schuldig im Sinne der Anklage, dass ich zum Beispiel ein Buttermesser benutze, selbst wenn ich keine Gäste habe. Was ich eher beobachte, selbst in sehr guten Restaurants wie dem Hamburger Vier Jahreszeiten, dass die Leute ihr Messer ablecken oder das Messer in der linken Hand hochhalten als wäre es eine Standarte. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss jeden Moment einen Arzt rufen, weil die sich gleich die Zunge abschneiden werden.

Fritz J. Raddatz - Der ehemalige Literaturchef der "Zeit" spricht mit Timo Frasch in Hamburg  zum Thema Stil, und zwar nicht nur in einem modischen Sinne, sondern ganz generell. D.h.: Stil als Charakterfrage, als Haltung etc. © Henning Bode Vergrößern „Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen?“

Gestatten Sie es sich wenigstens zu Hause, leger gekleidet zu sein?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Stürmer Alex Meier Mein Vater hat immer recht

Wundertüte Eintracht? Alexander Meier vermag nicht zu prophezeien, welche Entwicklung das umgebaute Team nehmen wird. Der Kapitän geht die neue Saison mit Gelassenheit an. Mehr Von Marc Heinrich und Peter Heß

27.08.2016, 14:03 Uhr | Rhein-Main
Wirtschaftsminister Gabriel TTIP ist de facto gescheitert

Am Tag der offenen Tür der Bundesregierung hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Fragen zum transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) beantwortet. Nach meiner Einschätzung sind die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten de facto gescheitert, auch wenn das keiner so richtig zugibt, sagte Gabriel in Berlin. Mehr

29.08.2016, 08:05 Uhr | Wirtschaft
Gespräch mit Marina und Herfried Münkler Ein Traum für Deutschland

Hat die Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen Jungbrunnens? Das Buch Die neuen Deutschen erzählt von einem Land, das seine besten Zeiten noch vor sich hat. Mehr Von Christian Geyer, Andreas Kilb und Regina Mönch

26.08.2016, 17:26 Uhr | Feuilleton
UN-Nothilfekoordinator Abschlachten in Syrien ist sündhaft

UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien hat in einer Sitzung der Vereinten Nationen zu Syrien mit seiner Meinung nicht zurück gehalten. Er bezeichnete das Abschlachten in Syrien als Frevel gegen jede Moral: Das ist ein Versagen der Politik, von jedem von uns. Und Sie, als Mitglieder des UN-Sicherheitsrates, wissen das. Mehr

24.08.2016, 14:16 Uhr | Politik
Mainz-Manager Schröder So ein Standing muss man sich über Jahre erarbeiten

Rouven Schröder ist der Nachfolger von Christian Heidel bei Mainz 05. Im FAZ.NET-Interview spricht der neue Manager über seinen Spitznamen, seine Zeit ohne Fußball und die kommende Saison. Mehr Von Daniel Meuren, Mainz

25.08.2016, 15:32 Uhr | Sport

Sylvie Meis Berichte aus dem „Kriegsjahr“

Moderatorin Sylvie Meis spricht über die Zeit nach der Trennung von Rafael van der Vaart, der Schauspieler Samuel Koch feiert drei Tage lang und Dwayne Johnson steigt auf zum bestbezahlten Schauspielstar – der Smalltalk. Mehr 11

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden