Home
http://www.faz.net/-gum-73tep
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Raddatz-Interview von 2012 „Stil braucht Lässigkeit“

Der Kritiker Fritz J. Raddatz galt als stilvolle Persönlichkeit. Mit F.A.Z.-Redakteur Timo Frasch sprach er vor drei Jahren über Kunst als Dekor, die Verwüstung der Sprache und Stil als Korsett für Unsichere. Das Interview zum Nachlesen.  

© dpa Vergrößern Fritz J. Raddatz 2010 in Hamburg

Herr Raddatz, ich muss gestehen, ich habe länger als sonst überlegt, was ich zu unserem Interview anziehen soll. Sie sind ja, wie man aus Ihren Büchern weiß, sehr genau in der Beobachtung und noch schärfer im Urteil.

Das kann man sagen, ja.

Glauben Sie, die Leute haben inzwischen Angst, sich Ihrer Gesellschaft auszusetzen?

Es kann sein, dass Menschen durch die kleinen Zeremonien, die ich mir nach wie vor leiste, wenn ich Gäste habe, zwar nicht Angst, aber doch Vorbehalte haben, weil sie meistens zu Hause so nicht leben. Ich kann gut verstehen, dass manche das Ganze albern finden, weil sie nicht wissen, was ein Messerbänkchen ist, oder weil sie keine Ahnung haben, wie man mit meinem Spargelbesteck aus dem Ritz in Paris überhaupt umgeht. Manche mögen das Zeremonielle aber auch. Mein früherer Freund Günter Grass etwa hat mich einst gefragt, ob er wenigstens zwei seiner Söhne mal zum Abendessen mitbringen dürfte, damit die sehen, wie es in einem kultivierten Haus zugeht.

Wie sieht es mit der Kleidung aus?

Auch da erschöpft sich für mich Stil nicht in der Frage, welche Hemden jemand trägt, ob mit Manschettenknöpfen oder ohne, wenngleich ich auch darauf Wert lege.

Da dürften Sie oft enttäuscht werden.

Ich gehe ja jeden Tag in meine soziale Beobachtungsstation, ein wunderschönes altes Jugendstilschwimmbad in Hamburg. Punkt neun stehe ich jeden Morgen wie ein Schüler vor der Tür und gehe dann eine Stunde ins Außenbecken. Da beobachte ich unangenehme, zum Teil ekelhafte Dinge: dass die Leute zum Beispiel barfuß in ihre Schuhe steigen – und ich rede dabei nicht von den Schwimmlatschen. Man hört ja immer wieder das Gerücht, dass Strümpfe bei Gelegenheit sogar gewaschen werden. Nun frage ich mich: Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen? Oder, was ich wirklich grauslich finde, auch eine Unsitte, Entschuldigung wenn ich sage: Ihrer Generation, die ziehen ihre Jeans auf den nackten Arsch. Ich nehme an, dass sie die Hose nicht täglich wechseln und wahrscheinlich auch nicht jeden zweiten Tag, was man normalerweise mit Unterwäsche tut. Das ist sehr unhygienisch und mir zuwider. Ich bekenne mich schuldig, dass ich noch Unterhosen trage, aber das ist offenbar out.

Wo sehen Sie das denn, dass die Leute nackt in ihre Hosen steigen? Gibt es dort keine Umkleidekabinen?

Es gibt nur Umkleideräume, das heißt, da steht jemand neben mir oder vor mir oder hinter mir, da kann ich das beobachten. Und da wir im Moment noch bei Stil und Sitte sind, bekenne ich mich auch schuldig im Sinne der Anklage, dass ich zum Beispiel ein Buttermesser benutze, selbst wenn ich keine Gäste habe. Was ich eher beobachte, selbst in sehr guten Restaurants wie dem Hamburger Vier Jahreszeiten, dass die Leute ihr Messer ablecken oder das Messer in der linken Hand hochhalten als wäre es eine Standarte. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss jeden Moment einen Arzt rufen, weil die sich gleich die Zunge abschneiden werden.

Fritz J. Raddatz - Der ehemalige Literaturchef der "Zeit" spricht mit Timo Frasch in Hamburg  zum Thema Stil, und zwar nicht nur in einem modischen Sinne, sondern ganz generell. D.h.: Stil als Charakterfrage, als Haltung etc. © Henning Bode Vergrößern „Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen?“

Gestatten Sie es sich wenigstens zu Hause, leger gekleidet zu sein?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wolfgang Joop im Gespräch Der Stil von Kate passt in unsere Prohibitionszeit

Er entwirft Kleider, er schauspielert, er ist in der Jury einer Casting-Show. Jetzt hat Wolfgang Joop auch ein Buch geschrieben – über die Stilikonen unserer Zeit. Heidi Klum, verrät er im Gespräch, gehöre allerdings nicht dazu. Mehr Von Anke Schipp

20.04.2015, 10:56 Uhr | Stil
Barbershop Die Rückkehr zur Bartpflege

Der Trend zum Bart hält sich hartnäckig. In deutschen Großstädten wie München, Hamburg oder Berlin gibt es deshalb eine Reihe neuerer Barbier-Shops in altem Look: Bewusst im Retro-Stil gehalten, zelebrieren sie die fast vergessene Kunst der Bartpflege. Der Kunde kann sich sein Gesichtshaar trimmen oder sich mit einer Nassrasur verwöhnen lassen – ein Glas Whiskey oder eine Flasche Bier inklusive. Mehr

17.03.2015, 11:15 Uhr | Gesellschaft
FAZ.NET-Tatortsicherung Wolfsbarsch statt Currywurst

Der Kölner Tatort Dicker als Wasser reichert verschlungene Familiengeschichten mit Judo-Lektionen, Auswanderer-Weisheiten und Küchen-Tipps an. Nur die Currywurst fehlt. Der Krimi im Realitäts-Check. Mehr Von Achim Dreis

19.04.2015, 21:45 Uhr | Feuilleton
Flugzeug-Unglück Keine Überlebenden bei Germanwings-Absturz

Beim Absturz eines Airbus A320 der deutschen Fluggesellschaft Germanwings in Frankreich sind nach Angaben der Regierung in Paris alle Menschen an Bord ums Leben gekommen. Präsident François Hollande sagte, es sei wahrscheinlich, dass es eine große Zahl deutscher Opfer gibt. Das Flugzeug war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf. Mehr

27.03.2015, 14:24 Uhr | Gesellschaft
Bäckerin Cynthia Barcomi Cookies sind Friedenspfeife, Trostpflaster und Aphrodisiakum

Die amerikanische Köchin und Gastronomin Cynthia Barcomi hat ein Backbuch nur über Cookies verfasst. Im Interview spricht sie über die unterschiedlichen Backkulturen und den traditionell amerikanischen Genuss, den Teig einfach roh zu essen. Mehr Von Annemarie Diehr

14.04.2015, 12:06 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.10.2012, 12:15 Uhr

Patrick Dempsey „McDreamy“ stirbt den Serientod

Patrick Dempsey steigt bei „Grey’s Anatomy“ aus, Schauspieler Robert Downey Jr. verlässt mitten in einem Fernseh-Interview den Raum, und Hotelerbin Paris Hilton trauert um ihren Schoßhund – der Smalltalk. Mehr 11

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden