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Punkband Slime: Ihr Kampf geht immer weiter

Ihr Kampf geht immer weiter

Auch Linke fragen sich seit den G-20-Krawallen: Wer war das wirklich? Und was heißt es, heute radikal zu sein? Die Punkband Slime liefert seit vielen Jahren den Soundtrack zur Revolte und kennt die Szene. Kennt sie auch die Antworten?

21.09.2017
Text: RAINER SCHMIDT
Fotos: ROBERT EIKELPOTH

Es war ein schöner Sonnentag, die Feuer im Schanzenviertel waren seit ein paar Stunden gelöscht, Tausende Menschen drängten sich am Millerntorplatz im Hamburger Stadtteil St.Pauli vor der Bühne zur Abschlusskundgebung der Demonstration „Unbegrenzte Solidarität statt G 20“, als sich Gitarrist Christian Mevs vor dem Schlagzeug für den Auftritt fertigmachte. Es hatte Ansprachen von „Black Lives Matter“ gegeben, von Klimaaktivisten aus Kolumbien und einem Neokolonialismuskritiker aus Ägypten, Mevs sah die bunten Protestfahnen im Wind flattern, er sah FC-St.-Pauli- Mützen in der gutgelaunten Masse, die dem Auftritt von Slime entgegenfieberte.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Nichts schien zu diesem Samstag besser zu passen, als der Auftritt einer der härtesten, kompromisslosesten und politischsten Formationen der Republik. Einer Band, die seit mehr als 35 Jahren die antikapitalistische Revolutionspose und den Soundtrack zur Revolte für immer neue Generationen liefert. Lange gab es keinen 1.-Mai-Krawall ohne ihren Song „Wir wollen keine Bullenschweine“, der heute indiziert ist, keinen Schwarzen Block ohne, „Deutschland muss sterben“ oder „Legal, illegal, scheißegal“. Ihr eingängiger, oft platter Parolenpunk durfte auf keiner militanten Demo fehlen – und beschäftigte immer wieder Gerichte. Aber jetzt, auf der Bühne, vor den vielen friedlichen Demonstranten, dachte Christian Mevs an die Bilder der Vortage, an brennende Autos, eingeworfene Scheiben, das Feuerspektakel, die Plünderungen und fühlte sich: deplaziert. Er sah zu Alex Schwers, dem Schlagzeuger, dem es ähnlich ging: „Wir haben uns in dem Moment gefragt, was machen wir hier eigentlich? Spielen wir als Begleitung zu einem Event der völlig sinnlosen Gewalt?“

Pogo vor der Bühne: Es kommen immer mehr Jüngere

Das G-20-Treffen ist eine Weile vorbei, aber die gewalttätigen Ereignisse, der „kollektive Prozess der Entgrenzung“, wie der Soziologe Nils Schuhmacher das nannte, bleiben trotz immer neuer Details schwer greifbar und werden weiter diskutiert, auch und gerade unter Gipfel-Gegnern. Wer hat organisiert randaliert, wer ist spontan durchgedreht, was sollte das, was war der politische Effekt? Wie ist die Innensicht? Die Szene ist zerfasert, selten äußert sich jemand. Es gab distanzierende Statements von der Roten Flora, es gab euphorische Einschätzungen von Leuten wie Emily Laquer von der radikalen Interventionistischen Linken, die im „Neuen Deutschland“ über sich zurückziehende Ordnungshüter schwärmte: „Hamburg wird für mich immer der Ort sein, an dem die Polizei rückwärts läuft.“ Slime ist tief verwurzelt im linken Spektrum. Die Geschichte und die Konflikte der Punkband waren oft auch Symbol von Konflikten der Linken. Es gab sie zu Beginn der 80er im Umfeld der Hamburger Punk-, Anti-AKW und Hausbesetzerszene, dann erneut nach der Wiedervereinigung und rassistischen Pogromen und Mordanschlägen Anfang der 90er. Jetzt sind sie wieder seit 2010 in leicht veränderter Besetzung zusammen.

„Was hat denn die Entglasung des eigenen Viertels mit politischem Widerstand zu tun? Warum greifen die unsere Leute an? Wenn es denen wirklich um die Herrschenden gegangen wäre, hätten sie sich ja ein paar Straßenzüge weiter zum Tagungsort durchkämpfen können!“ Dirk „Dicken“ Jora, Sänger der Band, regt sich immer noch auf. Er sitzt mit den Gitarristen Michael Mayer und Christian Mevs im Clubheim des FC St. Pauli, des Vereins, dem er seit 1985 eiserne Treue hält und der durch Leute wie ihn erst zu dem „linken Verein“ wurde, der bundesweit Sympathien erhielt. Die drei gehören zur Urformation der Gruppe, fünf Mitglieder sind es insgesamt. In einem ihrer neuen Stücke heißt es: „Fünf Finger sind eine Faust“.

Die fünf Musiker kurz vorm Auftritt: „Fünf Finger sind eine Faust“

Jora ist der Frontmann. Er war auf der Bühne oft nicht nur Sänger, sondern oft auch der aufpeitschende Agitator. Er ist jetzt 57 Jahre alt, die vielen versuchten Revolten der vergangenen Jahrzehnte, die politischen und die privaten, haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Er lebt schon länger außerhalb von Hamburg, er braucht die Ruhe, nur für seinen FC St. Pauli kommt er regelmäßig rein, kein Heimspiel will er verpassen, das ist ihm heute fast wichtiger als der nächste kommende Aufstand. Aber wenn „Rechte“ die FC-St.-Pauli-Kneipe „Jolly Roger“ angreifen, macht er sich noch heute „gerade“, wie er das nennt, nur nicht mehr in der ersten Reihe: Er fühlt sich nicht mehr fit genug.

Jora hat eine sehr eigene Einstellung zur Gewalt, der Adrenalinkick durch Wasserwerfer und Rauchbomben ist ihm nicht fremd. Er wartete in den besetzten Häusern der Hafenstraße mit Molotow-Cocktails und hinter Fallen aus Stahlplatten auf die Räumung, die nie kam. Er versuchte beim AKW Brokdorf den Bauplatz zu stürmen und prügelte sich auf Konzerten und im Stadion mit Nazis. Der Kampf gegen Nazis und Faschisten ist Slime sehr wichtig, in jedem dritten Song geht es darum, sie spüren und sehen sie überall. Aber nun schimpft Jora über die unpolitische „Ritualisierung“ und „Eventhaftigkeit“ der Randale im Schanzenviertel, über „Aktionismus“ und „Hooliganismus“. Er redet sich in Rage, das geht schnell bei ihm. Früher habe man endlos im Plenum die sogenannte Gewaltfrage und „Aktionsformen“ diskutiert. Und jetzt? „Viele Leute, auch auf den Dächern, waren auf Speed, auf Pulver und Alkohol, denen war alles egal, die interessiert keine Diskussion, das waren einfach Hooligans.“

Moment, hat er sich selbst nicht auch schon als „Antifa-Hooligan“ bezeichnet?

Jetzt geht‛s los: Bassistin Nici, Sänger Dirk Jora, Schlagzeuger Alex Schwers

„Ja, aber das bedeutete eine eindeutige Zielrichtung – gegen Nazis. Und wenn die Bullen die geschützt haben, dann eben auch gegen die Bullen. Aber keine sinnlose, blödsinnige Randale. In der Hafenstraße hätten wir solche Leute aus unseren Reihen entfernt, da bin ich mir sicher.“Früher, früher, früher. Er hält inne, die Gesprächsrichtung gefällt ihm jetzt irgendwie nicht. Zu viel Veteranen-Talk vielleicht, eventuell zu viel Distanzierung. Er fügt deswegen hinzu: „Aber die eigentliche Gewalt ging doch zweifelsfrei von den G 20 und so einem Treffen aus.“ Eine Floskel, auf die sich alle Bandmitglieder leicht einigen können.


„Viele Leute, waren auf Speed und Alkohol, denen war alles egal, die interessierte keine Diskussion, das waren einfach Hooligans“, sagt Jora über die G-20-Randalierer.

Und trotzdem. Wie „inszenierte Gladiatorenkämpfe“ sei ihm das vorgekommen, sagt Gitarrist Christian Mevs. Er berichtet von einem Theaterregisseur, der ihm ein Foto von der „Welcome to Hell“-Demo am Donnerstag geschickt hatte, bei der es zu den ersten Zusammenstößen kam: „Hier der Schwarze Block, dort die Polizisten, davor in den ersten Reihen die erwartungsfrohen Zuschauer mit Bierflaschen in den Händen: Das verzerrt doch schon so dermaßen, was daran echt hätte sein können.“ Er weiß nicht, wie er das alles genau bewerten soll, er ist kein Gewalttyp, war es nie, aber er will auch nichts einfach verdammen, es bleibt ein Eiertanz. Mevs sah nie aus wie ein Punk, erst eher wie ein Hippie, jetzt wie ein seriöser klassischer Musiker. Er betreibt in Berlin ein hochmodernes Tonstudio, er hat in den 90ern das legendäre Soundgarden Tonstudio in Hamburg mitgegründet und Künstler wie etwa Tocotronic produziert, er ist einer der wenigen deutschen Musiker, der, mit seiner Band George & Martha, eine Live-Session beim legendären John Peel hatte: ein ruhiger, zufrieden wirkender 55-Jähriger, der heute, wie er sagt, manchmal dem Klang einer Violine mehr abgewinnen kann als einer Gitarre. Und dann aber auf der Bühne „Deutschland muss sterben“ brüllt? Wie passt das? „Diese Wut ist immer noch ein Teil von mir, ich bin mit vielem nicht einverstanden.“ Und irgendwann eher beiläufig: „Ich bin fest überzeugt, der Kapitalismus ist der Todesstoß der Menschheit.“ Ein bisschen resigniert sagt er das, als wäre das eine unumstößliche Tatsache, wie der Klimawandel etwa, ganz schlimm, nur: Was soll man machen?

Aber wer waren jetzt die Autonomen, woher kamen sie? Die drei wundern sich über so viel Naivität. „DIE Autonomen gibt es nicht, wer soll das denn sein, bitte schön? Hasskappe auf, gleiche Klamotten ja, aber da gibt es keine einheitlichen Meinungen oder Gruppen, das ist Quatsch“, ereifert sich Jora. „Im sogenannten Schwarzen Block waren mehr als tausend Leute, durch Altona sind vielleicht hundert mit Brandsätzen gezogen, die einen wussten nicht von den anderen“, sagt Gitarrist Michael „Elf“ Mayer. Sicher sind sie sich, dass sich „rechte Hools“ unter die Randalierer gemischt hätten. Und ausländische Akteure sowieso. Skandinavier, Russen, Spanier, Italiener – oder auch Griechen. Kürzlich erst hatte Slime in Thessaloniki gespielt. Mayer: „Die sind viel härter von den wirtschaftlichen Entwicklungen gebeutelt und dementsprechend härter drauf. Wenn die erleben, dass sich ihre Oma aus dem Mülleimer ernähren muss, ist bei denen Molli oder nicht keine Frage mehr. Das muss man nicht gut finden, wirft aber einen anderen Blick auf deren Einstellungen.“

Slime wurden 1979 gegründet und bekannt durch extrem aggressive Songs wie „Deutschland muss sterben“ oder „Bullenschweine“ (seit 2011 indiziert). Sie galten als musikalischer Arm einer radikalen linken Szene. Seit 2010 gibt es sie wieder – in neuer Besetzung. Ihr aktuelles Album heißt „Hier und Jetzt“. Video: Youtube/Slime

Mit „Mollis“ kennt sich „Elf“ aus. „Zwei Drittel Heizöl, ein Drittel Benzin, wie ’68 in West-Berlin“, hat er einst gedichtet, da war er 16 und schrieb sich seine Wut über Polizisten von der Seele, von denen er sich als Punk und auf Anti-AKW-Demos permanent misshandelt fühlte: „Wir wollen keine Bullenschweine“ hieß der Song, der die Band 1980 in Punkkreisen schlagartig berühmt und berüchtigt machte. Es waren generell harte, aggressive Zeiten, aber so brutal hatte noch niemand getextet: „Dies ist ein Aufruf zur Revolte, dies ist ein Aufruf zur Gewalt“ und „Haut die Bullen platt wie Stullen, schlagt die Polizei zu Brei“. Das gab Ärger von Anfang an, Platten wurden konfisziert, Läden durchsucht, aber die offizielle Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien erfolgte erstaunlicherweise erst Anfang 2011.

Ein paar Tage vorher in Hünxe beim Ruhrpott-Rodeo, einem der größten Punk-Open-Airs des Landes. „Ja klar war das ein Hasslied, was denn sonst“, sagt Mayer und nippt grinsend an seinem Bier im Backstage-Bereich des Festivals, das von seinem Band-Kollegen Alex Schwers veranstaltet wird. „Ich war jung, so habe ich die Welt damals gesehen. Das waren Versatzstücke und Parolen, die ich auf Demos aufgeschnappt hatte. Das ist musikalisch immer noch ein gutes Stück, aber inhaltlich kann ich das nur noch lächelnd und mit viel Ironie sehen. Das spielen wir eh nicht mehr, auch wenn das viele wollen, die Strafe wäre zu hoch.“

Ironie ist irgendwie auch, dass er, während er das sagt, ein T-Shirt trägt, auf dem „Millions of Dead Cops“ steht. Er sieht den Blick und erklärt fast entschuldigend: „Das ist übrigens der Name einer alten Punkband.“ Der Musiker ist 55 Jahre alt und lebt auch von dem Ruhm, den ihm Haltungen eingebracht haben, mit denen er heute teilweise nicht mehr viel anfangen kann: „Alle Bullen, alle Soldaten, alle Politiker als Feinde zu betrachten – so einfach ist das eben nicht.“ Das zeigte er 2011 im Fernsehen, als er als Kandidat bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ immerhin 16.000 Euro abräumte. Wofür er die verwenden wolle, fragte Jauch Mayer, dessen zweite Slime-Platte Anfang der achtziger Jahre „Yankees raus“ hieß und die Vereinigten Staaten verdammte. Antwort: für eine Amerika-Tour von Slime. Die spielten 2016 übrigens sogar beim Hamburger Hafengeburtstag. Die AfD, der die Band ihren Wut-Song „Sie wollen wieder schießen dürfen“ gewidmet hat, wollte das per Antrag in der Bürgerschaft verhindern. Alle anderen Fraktionen, inklusive der CDU, lehnten den Antrag geschlossen ab. Das offizielle Hamburg mag heute auch ein bisschen seine linksradikale Folklore.


„Jüngeren Linken sage ich: Wenn wir uns streiten, freuen sich nur die Nazis“, sagt Nici. „Wenn jede Fau im Bikini gleich als Sexismus gilt, denke ich: Bisschen entspannter, bitte!“

Den englischen Song „A.C.A.B.“ (All Cops Are Bastards) spielen Slime immer noch, das Buchstabenkürzel und die rituelle Polizeibeschimpfung sind ja nicht nur in Musikkreisen quer durch viele Generationen beliebt, sondern gehören praktisch zum guten Ton jeder anständigen Rebellenpose, auch wenn es dabei mittlerweile einen Generationenwechsel gegeben hat. In der Schanze skandierten die ekstatischen, aufgeputschten jungen Randalierer: „Ganz Hamburg hasst die Polizei“ und zitierten damit den Titel des gleichnamigen Stücks des Rappers Reeperbahn Kareem. Dessen tiefere politische Botschaft: nicht wirklich erkennbar. Aber anscheinend egal, groovt so schön.

Sänger Dirk Jora in Hünxe vor 6000 Fans beim „Ruhrpott-Rodeo“

Alex Schwers, der das Ruhrpott-Rodeo veranstaltet, trommelt seit 2010 bei Slime – ein begehrter Musiker, der schon für den Schlagersänger Ibo, aber vor allem für Punkbands wie Hass oder Eisenpimmel gespielt hat. Er kann mit solchen Ausbrüchen nichts anfangen: „Hier im Ruhrgebiet kennen wir nicht diesen Hass auf Bullen.“ Und: „Wenn ich die Texte bei Slime machen müsste, wären die anders politisch, eher so kleine persönliche Geschichten, nicht immer gleich gegen die Regierung oder den Staat.“ Schwers fühlt sich „links“, für ihn ist das aber mehr Lebensgefühl als Umsturzprogramm: „Ich habe immer schon zwischen allen Stühlen gesessen.“

Gut 6000 Leute sind nach Hünxe gekommen. Auf dem Zeltplatz wehen vereinzelt Antifa-Fahnen, zwischen den Würstchen- und Bierbuden sind Stände wie „Kein Bock auf Nazis“, irgendwo steht „Gemeinsam gegen Neonazis und Rassismus“. Das ist das, worauf sich alle immer einigen können, auch wenn sie sich sonst nicht großartig für Politik interessieren. Das Publikum ist gemischt, teilweise sind es Eltern mit ihren jugendlichen Kindern, die Älteren gerne in fadenscheinigen T-Shirts aus Tagen, die möglicherweise ihre wilderen waren, damals, als sie Bands hörten wie Sex Pistols, Dead Kennedys, Exploited oder die Ramones. Slime sind einer der Höhepunkte. Es sind Songs, die viele mitgrölen können und einige an aktivere Zeiten erinnern. Aber die politischen Aussagen sind bloß Teil des Gesamtkunstwerks. Slime stehen auch für eine attraktive Rebellenpose, ein widerborstiges Lebensgefühl, für eine Haltung, mit der sich mancher ab und zu selbst vergewissern kann, dass er noch auf der „richtigen Seite“ steht. Das tut ja auch mal gut. Und sie entwickeln auf der Bühne nach wie vor einen Druck und eine Energie, die ihresgleichen sucht.

Zu ihren Konzerten kommen auch immer mehr Jüngere, die klare Botschaften suchen, Gleichgesinnte vielleicht. In Hünxe spielen Slime eines der letzten Konzerte vor der Tournee später im Jahr, ein paar Solidaritätsauftritte sind noch vorgesehen, etwa in Jamel, dem sogenannten Nazi-Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein Ehepaar alljährlich ein Konzert gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit veranstaltet, bei dem auch schon die Ärzte oder die Toten Hosen aufgetreten sind. Slime sind regelmäßig bei Veranstaltungen, die ihnen wichtig sind, mal laden private Initiativen ein, mal die Partei Die Linke, mal Antifa-Gruppen, sie fühlen sich an niemanden gebunden. Zumal die Lage immer unübersichtlicher wird. Vorbei die Zeiten, in denen große Bündnisse gegen AKWs, Startbahn West oder Hafenstraße geschmiedet wurden. Mayer: „Es ist viel zerfaserter geworden, es gibt so viele Antifa-Gruppen, die sich untereinander hassen, dass man immer genau schauen muss, für wen man spielen soll. Das nervt natürlich – das ist ,Alle gegen alle‘.“ Womit er auf einen Slime-Song verweist, der schon früh ein Hobby der linken Szene thematisierte, die Selbstzerfleischung.

Merkblatt auf der Bühne: Songliste für die Band

Auch Alter ist ein Faktor in der politischen Diskussion. Einst brüllte Slime den Älteren, die Probleme mit Militanz hatten, entgegen: „Ihr seid nichts als linke Spießer.“ Jetzt gibt es neue Generationenprobleme. Nici ist die Freundin von Gitarrist Mayer und als Bassistin seit 2010 die einzige Frau in der Band. Die 47-Jährige betreibt in Bremen die Kneipe „Rum Bumpers“ und hält Kontakt zur politischen Szene: „Wir Älteren müssen die Jüngeren manchmal ermahnen, dass, wenn wir uns so untereinander streiten, sich nur die Nazis freuen.“ Doch die Prioritäten ändern sich: „Es gibt diese politisierten Jüngeren, die teilweise die Sachen heftiger sehen, als wir sie je gesehen haben, etwa beim Thema Sexismus, wenn die jede Frau, die irgendwo im Bikini abgelichtet wird, gleich als Sexismus bewerten, oder die, wenn sich Musiker beim Konzert das T-Shirt ausziehen, gleich Sexismus schreien, da denke ich immer: Bisschen entspannter jetzt, bitte – und auf die wesentlichen Dinge konzentrieren! “

Es sind nur noch wenige Sekunden bis zum Auftritt in Hünxe, die fünf Band-Mitglieder formieren sich im Dunkeln neben der erleuchteten Bühne zu einem Kreis und stecken die Köpfe zusammen. Man versteht nicht, was sie sagen, es wird gekichert, nur kurz bevor der Kreis auseinanderspritzt, hört man eine männliche Stimme ironisch sagen: „Wir sind doch nicht die Hosen.“ Alle lachen, es geht los. Sie respektieren die Toten Hosen, und die mögen, wie viele deutsche Musiker, Slime, auch wenn sie einen anderen Weg gewählt haben. Campino äußert sich in der Slime-Bandbiographie von Daniel Ryser sehr positiv über die Hamburger, die Hosen haben eine Cover-Version des Slime-Stücks „Viva la Muerte“ für einen Tribute-Sampler beigesteuert.

„Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“, lautet die Inschrift des Kriegerdenkmals am Hamburger Dammtorbahnhof, das von den Nazis 1936 errichtet wurde. Nach 1945 sollten die Behörden den Klotz erst sprengen, später zumindest die Inschrift schleifen. Dazu kam es nie. Aus Protest dichteten Slime: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“ Es ist ihr bekanntester Song.

Und wie die Hosen hat auch Slime Hits, präziser vielleicht: den einen großen Hit, vor allem für linke Aktivisten: „Deutschland muss sterben“. Das ist ein sehr eingängiges Stück von 1981, musikalisch immer wieder zitiert, von Technomusikern bis zu Hiphoppern, in dem es heißt: „Wo Faschisten und Multis das Land regieren, wo Leben und Umwelt keinen interessieren, wo alle Menschen ihr Recht verlieren, da kann eigentlich nur noch eins passieren: Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“ Später folgt einmal die Zeile „Deutschland verrecke“. Eine ätzende Polemik in Punk-Tradition – die Sex Pistols hatten einst in „God save the Queen“ ihrerseits England als „fascist regime“ bezeichnet – die so schmissig daherkommt, dass Konzertbesucher sie immer schon begeistert mitgesungen haben. Andere sahen darin eine Kampfansage, die sie verbieten lassen wollten. Aber: Das ist Kunst im Sinne des Grundgesetzes. So urteilte das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2000 und verglich die Schärfe der Kritik im Slime-Schmählied mit Heinrich Heines Gedicht „Die schlesischen Weber“ von 1844. Die Entstehungsgeschichte des Songs ist aus Sicht der Band simpel: Am Hamburger Bahnhof Dammtor steht ein Kriegerdenkmal, das unter den Nationalsozialisten 1936 errichtet wurde und an die im Ersten Weltkrieg Gefallenen des in Hamburg stationierten 76. Infanterieregiments erinnert. Darauf marschieren in Stein gemeißelte Soldaten in Lebensgröße unter der Zeile „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“. Die britischen Besatzungsbehörden wollten den Klotz nach dem Zweiten Weltkrieg sprengen, die Hamburger Behörden verhinderten das und verpflichteten sich aber, die Inschriften zu entfernen. Das ist nie geschehen. Für die fünf Hamburger Jungs, die 1979 zuerst Slime gründeten, war die Haltung zu diesem Denkmal Ausdruck von allem, was sie verabscheuten – und das Stück ein „antifaschistisches Statement“. Jora: „Und weil es da immer noch steht, spielen wir es auch weiter.“ Und weil es ein Hit ist, logo.

Hamburger Jungs: Christian Mevs, Dirk Jora und Michael Mayer, drei der Gründungsmitglieder (v. l.)

Vor fünf Jahren haben sie Texte von Erich Mühsam vertont, der 1934 von den Nazis ermordet wurde. Ihr neues Album heißt „Hier und Jetzt“. Auf dem wettern sie kraftvoll gegen rechte Brandstifter, gegen die Merkwürdigkeiten beim NSU-Prozess, gegen die AfD und Spekulanten, gegen den Verlust von Freiheit, gegen Ausbeutung und Konsum und immer wieder gegen Faschisten. Viele Songs entwerfen eine klare Welt, hier wir, da die anderen – alles könnte so einfach sein. Aber es klingen auch Zweifel an, sie beschwören eine Solidarität und Einheit, die es selten gibt. Wie ist das jetzt, so mit Mitte fünfzig, als engagierte Linke, was ist die Vision, das Ziel, was scheint noch realistisch? Da wird es eher still am Tisch im Clubheim des FC St. Pauli.

Sänger Dirk Jor

„Eine Zeitlang dachte ich, die Partei Die Linke könnte interessant sein, das sehe ich aber nicht mehr so, und über die Grünen braucht man nicht mehr zu reden“, sagt schließlich Sänger Dirk Jora, „ich sehe eher Sachen, die man im Kleinen bewirkt, etwa beim FC St. Pauli, dass man solidarisch ist, dass man gegen Faschisten antritt.“

„Ich sehe keine Vision, die mir gefällt. Mir imponiert, wenn Menschen nach Nachhaltigkeit streben, wenn sie sich um Menschlichkeit bemühen, wenn man die Vereinzelung aufbricht, schöne Aktionen und Musik zusammen macht“, sagt Christian Mevs: „Aber die Wut bleibt, die Ambivalenzen auch. Und ab und zu muss man eben die Faust ballen und klare Aussagen machen. Und das ist auch unser Job.“

Ihr Kampf geht immer weiter.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 20.09.2017 14:07 Uhr