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Prozess gegen Oscar Pistorius : Erfahren, wortgewandt, unerschrocken

Der Prozess gegen Oscar Pistorius erregt viel Aufsehen Bild: AFP

Einer der namhaftesten Anwälte des Landes, ein unerschrockener Staatsanwalt und eine Richterin, die sich nicht beeindrucken lässt: Beim Prozess gegen Oscar Pistorius treffen drei ebenbürtige Juristen aufeinander.

          Thokozile Matilda Masipa ist in ihrer Heimat bislang ziemlich unbekannt. Die 66 Jahre alte Richterin aus Soweto, einem Johannesburger Schwarzenviertel während der Zeit des Apartheid-Regimes, soll nicht wegen ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe den Zuschlag für den Pistorius-Prozess bekommen haben. Sie genießt in der Richter-Zunft hohen Respekt. Wohl nicht umsonst hat sie es als eine der ersten schwarzen Frauen in Südafrika auf die Richterbank geschafft. In ihrer 15 Jahre währenden Karriere entschied sie mehrere größere Strafprozesse, ohne Kontroversen auszulösen.

          Barry Roux
          Barry Roux : Bild: AFP/Getty Images
          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Masipa hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Ihr juristisches Examen legte sie erst mit 43 Jahren ab. Zuvor hatte sie als Sozialarbeiterin und als Journalistin gearbeitet. Vor allem lag ihr daran, auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das der schwarzen Bevölkerung angetan wurde. Berichte über Kriminalfälle weckten ihr Interesse an der Rechtswissenschaft. Kollegen beschreiben sie als freundlich, sympathisch, eher zurückhaltend. Das Rampenlicht suche sie nicht. Pistorius und seine Verteidiger sollten Masipa aber auch nicht unterschätzen. Mehrmals hat sie gezeigt, dass sie beim Thema „Gewalt gegen Frauen“ unnachsichtig ist. Im vergangenen Jahr verurteilte sie einen berüchtigten Räuber und Serienvergewaltiger zu 252 Jahren Freiheitsstrafe, 2001 schickte sie zwei Männer, die eine Frau vergewaltigt hatten, lebenslang in Haft. In der Begründung sagte sie, Gewalttaten gegen Frauen und Kinder nähmen in erschreckender Weise zu. „Frauen fühlen sich sogar in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Ihre Hoffnung sind Gerichte wie dieses.“

          Resolut zeigte sie sich auch im Jahr 2009, als sie einen Polizisten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte. Der Mann hatte seine Frau während eines Scheidungsdramas erschossen. Das Urteil solle eine Warnung für andere Polizisten sein, sagte sie damals. „Niemand steht über dem Gesetz. Sie verdienen es, lebenslang ins Gefängnis zu gehen. Sie sind kein Beschützer, Sie sind ein Killer.“ Dass Richterin Masipa sich von der Prominenz eines Oscar Pistorius beeindrucken lässt, steht nicht zu erwarten.

          Barry Roux, ein Veteran

          Pistorius hat sich einen der namhaftesten Anwälte des Landes als Verteidiger ausgesucht. Barry Roux – wie Pistorius gehört er der Afrikaans sprechenden weißen Bevölkerung an – wird auch „legal eagle“ (Adler unter Juristen) genannt. Er ist hochgewachsen und verschafft sich auch mit seiner durchdringenden Stimme im Gericht sofort Respekt. Eine Kostprobe seiner Fähigkeiten gab er während der Anhörung im Pistorius-Fall im Februar vergangenen Jahres, als er in einem Kreuzverhör sämtliche Argumente des Chefermittlers Hilton Botha erbarmungslos zerfledderte. Der zuvor selbstbewusste Polizist musste schließlich zerknirscht zugeben, wichtige Indizien am Tatort übersehen zu haben. Pistorius wurde auf Kaution freigelassen. Beim Verlassen des Gerichtssaales soll Roux lässig zu Journalisten gesagt haben, es sei ein Tag wie jeder andere gewesen.

          Gerrie Nel
          Gerrie Nel : Bild: Gallo Images

          Roux ist ein Veteran mit mehr als 30 Jahren Anwaltstätigkeit. Auf seiner langen Liste bekannter Klienten steht auch der schottische Fußballclub-Besitzer Dave King, der eine der größten Steuernachzahlungen in der Geschichte Südafrikas ignoriert hatte. Der Steuersünder hätte dafür ins Gefängnis kommen können, aber nach einem 13 Jahre dauernden Verfahren kam er dank Roux mit einer vergleichsweise niedrigen Steuernachzahlung davon. Über sein Mandat im Fall Pistorius witzelte Roux einmal: „Vergangene Woche habe ich diesen Anruf bekommen. Wenn ich geahnt hätte, wer dran ist, wäre ich nicht rangegangen.“

          „Keep calm and trust in Gerrie Nel“

          Der Staatsanwalt im Pistorius-Fall ist für den Verteidiger Roux ein ebenbürtiger Gegner – ähnlich erfahren, wortgewandt und unerschrocken. Gerrie Nel hat sich in Südafrika den Status eines Stars erarbeitet, als er den korrupten ehemaligen Polizeichef des Landes, Jackie Selebi, für 15 Jahre ins Gefängnis brachte – und klare Worte im Gericht fand. „Mister Selebi, das wird ja immer lächerlicher“, sagte er, „wissen Sie, was Sie uns damit zeigen? Sie sind arrogant und ein Lügner.“ In dem Verfahren stand Nel enorm unter Druck. Eines Morgens führten ihn 20 Polizisten vor den Augen seiner Frau und Kinder ab – wegen Betrugsvorwürfen, die sich später als haltlos erwiesen. Ein ebenfalls verdächtigter hoher Polizeibeamter warf Nel vor, er habe ihn ermorden wollen.

          In der Anhörung im Pistorius-Fall überzeugte Nel das Gericht im vergangenen Jahr davon, dass Pistorius wegen vorsätzlichen Mordes anzuklagen sei: „Es gibt keine Anhaltspunkte für eine Verwechslung mit einem Einbrecher“, sagte er. Pistorius’ Freundin Reeva Steenkamp habe keine Chance gehabt. „Sie konnte nirgendwohin weglaufen. Es muss schrecklich gewesen sein.“ Danach machte auf Twitter der Spruch „Keep calm and trust in Gerrie Nel“ die Runde, eine Anspielung auf die aufmunternden Appelle der britischen Regierung an die Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

          Das größte Lob, das der Staatsanwalt jemals bekam, stammt wohl von Glenn Agliotti, einem für schuldig erklärten Rauschgifthändler und Anführer in der südafrikanischen Kriminellen-Szene. „Ich mag Mister Nel nicht besonders, und ich sage das mit Respekt.“

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