Home
http://www.faz.net/-gun-752b7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Protokoll einer Verpflanzung Es geht eine Eiche auf Reisen

Bernhard von Ehren verkauft in Hamburg alte Bäume. Michael Veith sammelt sie in seinem Garten im Elsass. Hier ist das Protokoll einer Verpflanzung.

© Mutter, Anna Vergrößern Mit verpackten Wurzeln und gebundenen Ästen wird der Baum verladen

So einen Baum muss man erst einmal aus dem Anhänger bekommen. Die Stieleiche, lateinisch Quercus robur, landläufig deutsche Eiche, ist zwölf Meter lang, fünfeinhalb Tonnen schwer und füllt den Hänger des Sattelzugs fast vollständig aus. Der Kran ächzt, als er die Ketten auf Spannung bringt. André Merkling, Wollmütze, Spitzbart, leicht als Gärtner zu erkennen, zwängt sich unter den Baum. Er zerrt am Stamm, um ihn in die richtige Lage zu bekommen, löst Äste, die sich verkeilen, brüllt Kommandos zum Kranführer.

Andreas Nefzger Folgen:  

Der Wurzelballen ragt auf der Seite des Führerhauses schon über das aufgeraffte Dach, aber am hinteren Ende des Anhängers biegen sich die Äste unter einer Querstrebe. Der Kran zieht weiter, es raschelt und knarzt, dann schnalzen die Äste in die Höhe. Einen Moment lang vibriert die Eiche wie eine Stimmgabel, ein kurzer Schauer braunen Laubs fällt herunter, und endlich scheint sie waagerecht zu schweben. Michael Veith beobachtet das Spektakel, das ihm und seinem Lebensgefährten Michael Heiss viel Geld wert war. „Ein Traum“, wird Veith in einigen Stunden sagen, wenn die Eiche wie selbstverständlich in seinem Garten steht. Und Heiss wird sagen: „Ich liebe Eichen einfach, ich kann auch nicht genau erklären, wieso.“

Verwurzelung, Tradition, Heimat

Kein anderer Baum steht so sehr für Verwurzelung, Tradition, Heimat. Bis aus einer Eiche aber der Baum geworden ist, aus dem sich derlei Folklore speist, vergeht viel Zeit. Das Exemplar, das sich Michael Veith für sein Wochenendhaus im Elsass gekauft hat, ist etwa 45 Jahre alt und noch lange kein knorriger Riese. Sein Stammumfang misst keinen Meter. Wer eine stattliche Eiche im heimischen Garten haben möchte, braucht also viel Geduld. Oder viel Geld. Für eine Eiche von 40 oder 50 Jahren muss man mehr als 10 000 Euro ausgeben. Einen Markt dafür gibt es. Eine Handvoll Baumschulen in Deutschland bieten im großen Stil Bäume dieses Alters an, Eichen, Eiben, Linden, Trauerweiden.

Mehr zum Thema

Eines dieser Unternehmen ist die Baumschule Lorenz von Ehren mit Sitz in Hamburg-Marmstorf. Hierher stammt Veiths Eiche. Die Firma bedient vor allem Großkunden, Kommunen oder Landschaftsarchitekten. Die Baumschule hat Silberlinden für den Hamburger Jungfernstieg geliefert und kegelförmig geschnittene Eiben für Schloss Versailles. Aber die Zahl an Privatkunden, die alte Bäume kaufen, ist laut Bernhard von Ehren, der den Familienbetrieb in fünfter Generation leitet, in den vergangenen Jahren gestiegen. „Wir beobachten das etwa seit Anfang der Wirtschaftskrise“, sagt er. „Das hat etwas mit dem Rückzug ins Private zu tun, mit dieser ganzen Landlust-Bewegung.“ Aus dem Wunsch nach Heimeligkeit hat er ein internationales Geschäft gemacht. Interessenten findet Bernhard von Ehren von Irland bis Kasachstan, von Skandinavien bis Südfrankreich.

Alle vier Jahre wird ein Baum „verschult“

Wer mit ihm im Kleinbus über die fast 400 Hektar Produktionsflächen am Hamburger Firmenstandort fährt, erkennt in dem Geschäftsmann schnell den Gärtner. Bevor er Wirtschaft studierte, hatte er eine Ausbildung zum Gärtner gemacht, um zu wissen, womit er später handeln würde. Bernhard von Ehren, schlank, graumeliertes kurzes Haar, steuert in Schlangenlinien durch die Baumreihen, weil Bagger auf den nassen Wegen tiefe Furchen hinterlassen haben.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutscher Soldatenfriedhof Letzte Ruhestätte Israel

Norbert Schwake ist Arzt und stammt aus Emmerich. Seit vierzig Jahren lebt er in Israel und ist längst Israeli geworden. In Nazareth kümmert er sich um den einzigen deutschen Soldatenfriedhof im Heiligen Land. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

18.10.2014, 17:01 Uhr | Politik
Phallus oder Baum? Kunstobjekt irritiert Pariser

Der für seine Provokationen bekannte US-Künstler Paul McCarthy hat mitten auf dem vornehmen Place Vendôme in Paris eine aufblasbare Skulptur installiert. Einige Betrachter halten das Werk für einen großen Dildo, dabei heißt es schlicht "Tree", also Baum. Mehr

20.10.2014, 09:27 Uhr | Feuilleton
Ökologisches Bauen Jetzt kommt die Zwangsbegrünung

In Baden-Württemberg sollen künftig alle neuen Häuser grün sein. Wer keinen Garten hat, soll die Fassade oder das Dach begrünen - zwangsweise. Auch sonst hält eine neue Bauordnung einige Überraschungen parat. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

15.10.2014, 08:43 Uhr | Wirtschaft
Tänzer ehren toten Staatsführer

Vor 50 Jahren nahm Kim Jong-il seine Arbeit im Zentralkomitee der Arbeiterpartei Nordkoreas auf. Grund zum Tanzen in Pjöngjang. Mehr

20.06.2014, 10:52 Uhr | Politik
Wachsendes Denkmal Eine Eiche für die Wiedervereinigung

Mit einer Pflanzaktion will die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald der Wiedervereinigung gedenken. Auch die Bundeskanzlerin wird Ende Oktober einen Baum pflanzen. Mehr

13.10.2014, 14:42 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.12.2012, 13:08 Uhr