27.03.2007 · Stars wie Britney Spears, Lindsay Lohan oder Robbie Williams machen durch ihre Aufenthalte in Entzugskliniken von sich reden. Verzichten müssen sie dort auf kaum etwas. Von Maniküre bis Malunterricht: Die Promis sind bestens umsorgt.
Von Christiane HeilNur die Freiheitsstatue im Vorgarten lässt ahnen, dass die Villa nicht zu den üblichen Multimillion-Dollar-Anwesen Malibus gehört. Vielleicht auch noch der Teich mit den Koi-Karpfen, der japanischen Überlieferung nach Zeichen für Mut, Kraft und Erfolg. Spätestens aber die Liste mit Datum und Uhrzeit, in die sich jeder Besucher eintragen muss, macht den Eindruck einer gewöhnlichen Luxus-Strandvilla hoch über dem Pazifik zunichte. Hinter der imposanten Fassade mit ihren Säulen und Fresken verbirgt sich vielmehr eine der renommiertesten Entzugskliniken Malibus. Wer zu „Passages“ kommt, ist alkohol-, drogen-, sex- oder spielsüchtig - und nicht selten ein Star.
Seit Britney Spears ein paar Straßen entfernt in der Suchtklinik „Promises“ eingecheckt hat und seit Robbie Williams aus Arizona zurückkehrte, um ebenfalls in Malibu seinen Drogenentzug fortzusetzen, philosophiert ganz Los Angeles über die Kliniken de luxe. Allein in Malibu mit seinen knapp 14.000 Bewohnern gibt es inzwischen mehr als zwei Dutzend ihrer Art. Sie werben mit luxuriösem Ambiente, Meeresblick und tropischen Gärten. Tennisplätze, Swimmingpools und Sonnendecks gehören ebenso zu ihrer Standardausstattung wie Reittherapie und Einzelgespräche zum Aufbauprogramm.
80.000 Dollar für drei Tage Entzug
So viel des Guten an einem der schönsten Strände der Welt hat auch seinen Preis. Bei „Passages“ kostet ein dreißigtägiger Aufenthalt fast 60.000, im Einzelzimmer sogar 80.000 Dollar. „Dafür leben die Celebrities hier in familiärer Atmosphäre und fühlen sich so gut aufgehoben wie oft schon seit Jahren nicht mehr“, behauptet Chris Prentiss, der „Passages“ vor sechs Jahren mit seinem Sohn Pax gegründet hat.
Die Einsamkeit vieler Stars, kombiniert mit der Angst, das Interesse des Publikums genauso schnell wieder verlieren zu können, wie sie es gewonnen haben, lässt seiner Erfahrung nach viele Menschen aus dem Schaugewerbe zur Flasche, Spritze oder Pillendose greifen. „Die Drogen betäuben die Angst, wenn sie zu Hause alleine auf dem Sofa sitzen.“
Maniküre, Hummer und Surfunterricht
Obwohl das Programm der Klinik als eines der erfolgreichsten gilt, wird „Passages“ heftig kritisiert. Zu luxuriös sei das Ambiente, zu entspannt die Methode der Klinik. Tatsächlich müssen ihre prominenten Besucher während des Entzugs weder auf die Maniküre noch auf Annehmlichkeiten wie Massagen und Yoga-Klassen verzichten.
Ganz im Gegenteil. Bei „Passages“ werden sie von Küchenchefin Lisa Stalvey, die einige Jahre in Wolfgang Pucks Nobelrestaurant „Spago“ gekocht und für Paul Newman Salatsaucen angerührt hat, mit Hummer oder Filet Mignon verwöhnt und reiten während des „Unterrichts über den Sinn des Lebens“ die Wellen eines der beliebtesten Surfgebiete.
Letzte Imagerettung Entzugsklinik?
Das benachbarte „Promises“ wirbt mit Malkursen und Lindsay Davenports ehemaliger Tennistrainerin. Ein typisches Dreißig-Tage-Programm, das hier vor Britney Spears schon Diana Ross, Robert Downey Jr. und Ben Affleck absolviert haben, kostet etwa 50.000 Dollar. Das „Renaissance“ an einem der wenigen Privatstrände Malibus bekämpft die verschiedenen Abhängigkeiten seiner maximal zwölf Klienten mit der „Weisheit der Urvölker“ oder Tanz- und Musiktherapien, die Körper und Seele vereinen sollen.
Das exklusive Programm hat den Einrichtungen jedoch den Vorwurf beschert, in Hollywoods ausgefeilter Public-Relations-Maschinerie lediglich als Imageretter für strauchelnde Celebrities zu dienen. Oft sind es tatsächlich Agenten und Mitarbeiter von Film- oder Plattenstudios, die Prominente in die Entzugsklinik begleiten. Der Aufenthalt dort macht immer noch einen besseren Eindruck als Berichte über Interventionen des Jugendamts, die etwa Britney Spears als Rabenmutter dastehen lassen.
Celebrity-Entzug à la Lindsay
Wie Lindsay Lohans Ausnüchterung in der Klinik „Wonderland“ zeigt, stoßen solche Rettungsversuche tatsächlich schnell an ihre Grenzen. „Wonderland“, wenige Kilometer von Malibu entfernt in West Hollywood, legt Wert darauf, dass die Patienten ihr normales Leben weiterleben können. Handy und Blackberry dürfen daher angeschaltet bleiben. Während ihres Alkoholentzugs vor einigen Wochen konnte Partygirl „Linds“ in diesem Sinne weiter vor der Kamera stehen und ihren Mercedes zur Inspektion bringen.
Als die Zwanzigjährige das „Wonderland“ aber auch noch für ein wildes Wochenende mit ihrer Freundin Paris Hilton verließ und in Nachtclubs wie „Les Deux“, „Area“ und „Teddy's“ gesichtet wurde, ging das selbst dem liberalen Hollywood zu weit. Von allen Seiten gab es bissige Kommentare. Ehemalige Patienten des „Wonderland“-Centers sahen die Ernsthaftigkeit des eigenen Entzugs in Frage gestellt, Experten hinterfragten die freizügigen Methoden.
Bei Betty Ford wird der Kaffee selbst gekocht
Seitdem lacht man in jedem „Starbucks“ zwischen Beverly Hills und Santa Monica über den Celebrity-Entzug à la Lindsay, die mit ihren zwanzig Jahren noch nicht einmal das gesetzlich vorgeschriebene Mindestalter für Alkoholkonsum erreicht hat.
Lohans Agentin beteuerte schnell, dass ihre Klientin nicht „weggesperrt“ sei: „Das hier ist nämlich nicht die Betty-Ford-Klinik.“ Doch gerade aus Rancho Mirage, seit einem Vierteljahrhundert Sitz der von der Witwe des früheren Präsidenten Gerald Ford gegründeten Drogen- und Alkoholentziehungsklinik, kam das schärfste Urteil zu „Wonderland“ und anderen Einrichtungen dieser Art. „Sie werben mit edler Bettwäsche und ziehen damit die Arbeit der ganzen Branche ins Lächerliche“, klagt John Schwarzlose, der Geschäftsführer des Betty-Ford-Centers.
Im Vergleich zu „Passages“, „Promises“ und „Wonderland“ hat das in der Wüste bei Los Angeles gelegene Betty-Ford-Center den Charme einer Militärakademie. Drogen- und Alkoholabhängige sind dort „Patienten“ und keine „Gäste“ oder „Klienten“. Anstatt in Gemächern mit Marmorbad und Meeresblick schlafen die Suchtkranken in schlichten Räumen, machen täglich selbst das Bett, kochen Kaffee und verbringen den Tag mit ihrer Gruppe.
Maniküre, Pediküre, Reit- und Tennisstunden? Fehlanzeige. Selbst Privatsphäre wie in Malibus Suchtkliniken gibt es bei Betty Ford nicht. Vielmehr gehört das Gruppenerlebnis mit Menschen verschiedenster Herkunft zum Entzug. Wie Schwarzlose meint, liegt darin der große Vorteil des Betty-Ford-Centers gegenüber elitären Einrichtungen: „Das Beste, was einem während des Entzugs passieren kann, ist, neben einem Patienten von der Straße zu sitzen und zu erkennen, dass man genauso Alkoholiker ist wie er.“
Vertrauen auf eine „höhere Macht“
Das gilt auch für Prominente. Schon Billy Joel, Liza Minnelli und Jerry Lee Lewis haben mit einem dreißig Tage währenden Standardprogramm in Rancho Mirage ihr Glück versucht. Zu den berühmten Patienten des Betty-Ford-Centers gehört auch Elizabeth Taylor, die von einem der Aufenthalte ihren siebten Ehemann, den Bauarbeiter Larry Fortensky, mit nach Hause brachte.
Auch das verstorbene Playmate Anna Nicole Smith hat einen Entzug bei Betty Ford probiert, und Country-Star Keith Urban, seit einem halben Jahr mit Nicole Kidman verheiratet, hat soeben ein 34.500 Dollar teures Neunzig-Tage-Programm erfolgreich beendet. Bei seiner Rückkehr berichtete der Australier erleichtert: „Mit jeder Woche des Entzugs habe ich ein bisschen mehr gelernt loszulassen.“ Das Vertrauen auf eine „höhere Macht“ gilt als Schwerpunkt der Zwölf-Schritte-Therapie, wie sie im Betty-Ford-Center praktiziert wird. Nach eigenen Angaben liegt die Erfolgsquote der Einrichtung bei etwa 65 Prozent.
High dem Vater nachgeeifert
„Passages“-Gründer Chris Prentiss hält diese Zahl für „sehr optimistisch“ und die Zwölf-Schritte-Therapie für menschenverachtend: „Sich vor der ganzen Gruppe erniedrigen zu müssen ist eine Strafe.“ Um seinen Sohn Pax von der Heroinsucht zu befreien, hatte Prentiss jahrelang nach einer Therapie gesucht. „Wir haben Psychiater konsultiert, Heiler, Entzugskliniken, Zwölf-Schritte-Programme, alles ohne Erfolg“, erinnert er sich. „Pax hatte mindestens fünfzig Rückfälle, wir waren hilflos.“ Schließlich habe sein Sohn erkannt, dass es einen Grund für seine Abhängigkeit gebe: „Er hat meinen Erfolg als Buchautor glorifiziert und glaubte, nur mithalten zu können, wenn er high war.“
Diese Erfahrungen wurden von Vater und Sohn zu einem Programm zusammengefasst, das seit sechs Jahren fast 2000 Suchtkranke absolviert haben. Im Gegensatz zu den von Religiosität und Selbstkasteiung geprägten Zwölf-Schritte-Therapien geht es davon aus, dass eine Heilung auf Dauer möglich ist. Sobald Abhängige den Grund ihrer Sucht erkannt hätten, könnten sie mit Gesprächen, Hypnose, traditioneller chinesischer Medizin und spiritueller Hilfe wieder ins Gleichgewicht kommen. Auch das luxuriöse Ambiente bei „Passages“ gehört zur Therapie. „Wir bemühen uns um einen ganzheitlichen Ansatz. Unsere Klienten müssen sich wohlfühlen, um gesund zu werden“, sagt Prentiss.
Das Gesetz treibt die Stars in die Kliniken
Der Grund, warum so viele Celebrities zu „Passages“ kommen, liegt für ihn auf der Hand: „In den vergangenen Jahren ist der Star-Rummel völlig aus dem Ruder gelaufen.“ Die Namen der Prominenten, die bei ihm bereits Hilfe gesucht haben, darf er nicht nennen. Gerüchten nach soll aber neben der heroinsüchtigen „American Pie“-Darstellerin Natasha Lyonne auch der schauspielernde Brandon Davis darunter gewesen sein. Der Milliardärssohn gehört als Freund von Britney Spears, Lindsay Lohan und Paris Hilton zur typischen Zielgruppe in Hollywood.
Aber auch die Gesetze treiben immer mehr Stars in Suchtkliniken: Erst- oder Zweittätern, die mit Drogen erwischt werden oder betrunken am Steuer sitzen, bleibt in Kalifornien das Gefängnis erspart - unter der Voraussetzung, dass sie in eine Entzugsklinik einchecken. So wie Mel Gibson nach seiner Tequila-Fahrt auf dem malerischen Highway No. 1 oder Courtney Love, die allerdings gerade von der Klinik „Beau Monde“ auf Zahlung von 180.000 Dollar Therapiegebühren verklagt wird. Seit das Gesetz vor fünf Jahren in Kraft getreten ist, haben allein in Malibu ein Dutzend neue Einrichtungen eröffnet und die Luxusenklave nach den Worten ihres Bürgermeisters Ken Kearsely zum „Entzugsparadies“ Amerikas gemacht.