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Promi-Ehen „Auf Dauer ist so etwas beschämend“

28.01.2012 ·  Heidi Klum und Seal haben sich getrennt. Obwohl sie sich angeblich noch immer lieben. Sollen wir das glauben? Ein Gespräch mit dem Facharzt, Psychologen und Therapeuten Borwin Bandelow über die Funktionsweise und Haltbarkeit von Prominenten-Ehen.

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© picture-alliance/ dpa/dpaweb Sie wurden nie müde, ihre Liebe zu zelebrieren: Heidi und Seal 2005 beim Karneval in Köln.

Herr Bandelow, warum können Seal und Heidi nicht einfach in die Welt hinausrufen: „Wir lieben uns nicht mehr und sind froh, wenn wir uns nicht mehr sehen müssen“?

Es kann natürlich sein, dass sie sich wirklich noch lieben. Aber ebenso wahrscheinlich ist es, dass sie verabredet haben, so wenig Schwäche wie möglich zu zeigen und auch die Trennung noch aalglatt aussehen zu lassen. Es wäre doch sehr untypisch für Heidi, wenn sie jetzt auf einmal sagen würde: „Seal ist ein Lump, er betrügt mich.“ Bei ihr muss ja immer alles perfekt sein, wieso also nicht auch das Ende ihrer Beziehung?

Haben Prominente eine höhere Scheidungsrate als Leute wie wir? Und wenn ja, warum?

Bei Prominenten ist es so, dass manche von ihnen eine spezielle Persönlichkeit haben. Ohne Narzissmus oder gar ein Borderline-Syndrom wird man in der Regel kein Megastar. Es fehlt einem dann die nötige Portion Geltungsdrang und Ehrgeiz. In Promi-Ehen kann es dann sein, dass zwei Narzissten aufeinandertreffen. Heidi Klum und Seal zum Beispiel zeigen ganz offen narzisstische Tendenzen: Auf Kostümbällen tragen sie zum Beispiel immer extrem phantasievolle Kostüme, und beide lassen keine Gelegenheit aus, sich in Fernsehshows zu zeigen. Und wenn also zwei Narzissten miteinander verheiratet sind, dann besteht natürlich die Gefahr, dass jeder sich selbst am meisten liebt. Beide haben einander vielleicht nur geheiratet, weil der eine den anderen narzisstisch aufgewertet hat. Eine Traumhochzeit mit vielen Zuschauern zu feiern, das Paar des Jahres zu sein - das stimuliert das eigene Ego ungemein. So eine Ehe basiert nicht nur auf Liebe, sondern auch auf Kalkül. Und kann leichter scheitern.

Wie entsteht eine narzisstische Persönlichkeit?

Etwa zu fünfzig Prozent wird sie vererbt, das heißt, die Eltern waren auch schon narzisstisch. Die anderen fünfzig Prozent sind umweltbedingt. Wenn Kinder vernachlässigt werden, üben sie von früh an, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Robbie Williams zum Beispiel, der hat schon im Alter von vier Jahren in der Kneipe seiner Mutter mit der Jukebox um die Wette gesungen.

Heidi war deutlich erfolgreicher als Seal. In Amerika ist sie ein richtiger Megastar. Warum haben manche Männer ein Problem damit, dass ihre Frauen berühmter oder reicher als sie selbst sind?

Das hängt mit der traditionellen Rolle des Mannes zusammen. Der Höhlenmann ging zum Mammutjagen, während die Frau die Kinder versorgte. Heute kann es Männer richtig krank machen, wenn sie selbst arbeitslos sind und ihre Frau einen Job hat. Das ist eine Auflösung der traditionellen psychologischen Muster. Bei Seal kam wahrscheinlich erschwerend hinzu, dass Heidi ihm Auftritte besorgt hat, als seine Karriere nicht mehr so rund lief. Auf Dauer ist das für einen gestandenen Kerl wie ihn beschämend.

Es gibt ja auch Prominente, die schon relativ lange zusammen sind. Zum Beispiel Steffi Graf und Andre Agassi. Was macht Promi-Ehen haltbar?

Psychische Normalität. Die ist bei Sportlern häufiger als bei Stars aus anderen Branchen, weil die Selbstdarstellung nicht so im Vordergrund steht. Steffi Graf ist für Andre Agassi wie eine Mutter, auch wenn sie nicht so aussieht. Sie gibt ihm Stabilität, sie ist die Starke.

Warum interessieren sich so viele Menschen für das Privatleben Prominenter?

Wir haben in unserem Gehirn ein Belohnungssystem, das Endorphine ausschüttet, wenn wir schöne Dinge machen wie Essen oder Liebe. Dieses System ist ziemlich primitiv, es unterscheidet nicht zwischen virtuell und echt. Wenn wir also sehen, wie Kate und William heiraten, dann ist das für uns fast so schön, als würden wir selbst den Prinzen heiraten. Dann kreisen Wohlfühlhormone in der Blutbahn. Selbst wenn Stars sich danebenbenehmen, drückt das auf die Endorphin-Tube: Während ein soziales Angstsystem im Gehirn uns daran hindert, unser wildes Triebleben auszuleben und uns sagt: „Halt dich beim Sex zurück, motz deinen Chef nicht an, kleide dich nicht provokant, nimm keine Drogen“, leben Stars unsere Phantasien auf der Bühne und im wirklichen Leben aus und lassen es uns virtuell miterleben. Selbst wenn sie gewalttätig sind, fasziniert uns das noch, weil sie unsere unterdrückten Aggressionen stellvertretend ausleben.

Fast alle Prominenten steuern die Berichterstattung über ihr Privatleben. Entweder direkt über Twitter, wie Ashton Kutcher und Demi Moore, oder über Interviews. Kann das ein Mittel sein, die Kontrolle zu behalten? Oder ist völliges Schweigen ratsamer?

Ich glaube nicht, dass es Prominenten darum geht, ihre Intimsphäre zu kontrollieren. Im Gegenteil: Das ist ihnen ganz recht, wenn sie in den Schlagzeilen sind, selbst wenn die negativ sind. Es mag Ausnahmen geben, Günther Jauch und Stefan Raab betreiben mit Sicherheit einen hohen Aufwand, um ihr Privatleben abzuschirmen. Aber für die meisten Promis gilt: Je mehr Aufmerksamkeit, umso besser. Narzissten neigen dazu, ihr Gefühlsleben in der Welt auszubreiten, selbst Peinlichkeiten sind für sie berichtenswert. Dieter Bohlen hat zum Beispiel mal öffentlich erzählt, dass er sich beim Sex den Penis „gebrochen“ hat. Jeder andere hätte das verschwiegen, aber ein Narzisst fühlt sich gut, wenn er weiß, dass 1,5 Millionen mit ihm leiden.

Heidi Klum hat sich und ihre Ehe perfekt inszeniert: Vier Kinder, zwei Weltkarrieren, eheliche Leidenschaft. Ist das realistisch?

Warum nicht? Ich glaube, dass viele solcher Frauen da draußen herumlaufen, die auch vier Kinder haben, Vollzeit arbeiten und eine gute Ehe führen - ohne dass viel Aufhebens um sie gemacht wird. Aber es gehört schon viel kontrollierte Arbeit dazu. Heidi Klum ist sicher eine Meisterin der Organisation. Deswegen hat sie wohl noch Zeit gehabt, ihre Ehe zu führen.

Kann es sein, dass die ständige Berichterstattung der Medien dazu beiträgt, Promi-Ehen zu zerstören?

Manche werden nicht wegen der Berichterstattung krank, sondern sie hatten schon vorher psychische Probleme. Eine emotional instabile Persönlichkeit geht oft mit erhöhter künstlerischer Kreativität einher und hat bei manchen dazu geführt, dass sie geniale Stars wurden, denken Sie nur an Amy Winehouse. Aber sie geht oft auch mit partnerschaftlichen Problemen einher.

Der Psychiater

Borwin Bandelow, 60, ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Diplompsychologe und Psychotherapeut. Er schrieb u.a. „Wenn die Seele leidet. Handbuch der psychischen Erkrankungen“ und „Celebrities - vom schwierigen Glück, berühmt zu sein“. Er ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen.

Die Fragen stellte Katrin Hummel.

Quelle: F.A.S.
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