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Veröffentlicht: 03.08.2015, 10:49 Uhr

Private Flüchtlingshilfe Drei Monate mit Fridah

Immer mehr Deutsche nehmen Flüchtlinge bei sich zu Hause auf. Oft ist es ein Kampf mit den eigenen moralischen Ansprüchen. Wie im Fall von Henk und Isabel.

von Benjamin von Brackel, Berlin
© Matthias Lüdecke Eines Tages stand Fridah mit ihrer Tochter vor der Tür und veränderte das Leben des Berliner Paares.

War es die richtige Entscheidung, sie gehen zu lassen? Henk und Isabel Otte sitzen am Abend des 8. Juli am Küchentisch ihrer Kreuzberger Wohnung. Es herrscht Stille, eine merkwürdige Stille, wie das junge Paar sie kaum mehr kannte seit dem Tag drei Monate zuvor - dem Tag, als vor ihrer Tür eine junge Kenianerin stand, mit nichts als einem Koffer und ihrer Tochter. Nicht mal den Nachnamen der jungen Frau kannten sie, als sie ihr den Schlüssel gaben. Eine Fremde, aus der nach Wochen eine Freundin wurde, sie selbst spricht von Familie. Und jetzt haben sie Fridah sitzen gelassen.

Aber war es nicht von Anfang an klar: Drei Monate, bis sie, Isabel, im neunten Monat schwanger ist? Spätestens wenn ihre Tochter auf der Welt sein würde, wäre die Drei-Zimmer-Wohnung zu klein. Henk und Isabel schauen sich an. Sie wissen, dass das nicht die volle Wahrheit ist.

Die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist nicht sichtbar

Wie so viele hatten sie helfen wollen. Isabel, 33, die Zahnärztin mit dem freundlichen Gesicht und der bedächtigen Stimme; Henk, 30, der Dokumentarfilmer mit dem getrimmten Bart und dem holländischen Akzent. Das Flüchtlingsdrama hatten sie direkt vor der Haustür: Flüchtlinge, die in einer Schule untergebracht waren, und einmal gar mit dem Messer aufeinander losgingen. Im Internet lasen sie von all den Schicksalen.

Inzwischen müssen viele Städte Turnhallen räumen und Zelte aufbauen. Die Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen, sie täuschen über die große Hilfsbereitschaft hinweg, die es in der Republik ebenfalls gibt. Viele wissen nur nicht, was sie tun können. „Ich kann noch so tolle Sachen auf Facebook posten pro Flüchtling oder auf irgendwelche Demos gehen“, sagt Isabel. „Aber eine direkte Hilfe ist es auch nicht.“

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Sie hatten dieses Zimmer. Acht Quadratmeter. Mit Hochbett. Seit ihre Mitbewohnerin vor einem Jahr ausgezogen ist, war es frei und diente Henk als Abstellraum für seine Kameraausrüstung oder als Gästezimmer. Sie könnten etwas Gutes damit tun.

„Wir hatten immer wieder Zweifel“

Aus Amsterdam kannte Henk ein Pärchen, in deren Wohnung ein Flüchtling eingezogen war. Dann lasen sie vom Brandenburger CDU-Politiker Martin Patzelt, der die Deutschen dazu aufrief, Flüchtlinge aufzunehmen, und das selbst auch tat. Ihnen gefiel die Idee. Irgendwann wird sie zum Vorsatz.

Aber mal kündigt sich Besuch an, mal hat einer von beiden viel zu arbeiten. „Man findet immer wieder gute Argumente, warum das gerade nicht passt“, sagt Isabel. Was, wenn der Flüchtling traumatisiert ist und sie nicht damit umgehen können? Was, wenn Isabel mit einem wildfremden Mann allein ist und sich zu Hause nicht mehr wohlfühlt? „Wir hatten zwischendurch immer wieder Zweifel, weil das schon eine sehr unbequeme Idee ist.“

Im November erfahren sie, dass sie Eltern werden. Wenn sie etwas tun wollen, dann müssen sie es bald tun. An einem Wintertag spazieren sie zur Gerhart-Hauptmann-Schule. Sie wollen dem Leiter der Behelfsunterkunft anbieten, einen Flüchtling aufzunehmen. Aber der Wachdienst lässt sie erst gar nicht hinein. „Es war vielleicht ein bisschen naiv“, sagt Isabel. Etwas erleichtert sind sie schon. Hatten sie es nicht wenigstens probiert?

Eines Tages steht Fridah vor der Tür

Im Januar lesen sie von einer Organisation, die Flüchtlinge an Wohnungen vermittelt, „Flüchtlinge Willkommen“ heißt sie. 1100 WGs und Familien haben sich gemeldet, Hunderte Flüchtlinge warten auf der Liste. Vermittelt wurden allerdings bislang nur etwa 50 in Deutschland, 25 in Österreich. „Ich hatte das Gefühl, die meinen jetzt uns damit“, erzählt Isabel. Sie mussten nur eine E-Mail losschicken. Es gab keine Ausrede mehr.

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