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Prinzessin Mabel im Interview : „Mädchen sind Geheimwaffen gegen Armut“

Zu Besuch in Kenia Mabel von Oranien-Nassau, die Schwägerin des niederländischen Königs Willem-Alexander, diskutiert mit Schülerinnen. Bild: Stephen Kagia / Girls Not Brides

Die niederländische Prinzessin Mabel wird heute in Berlin mit dem „World without Aids“-Preis ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über Kinder-Bräute und deren großes Risiko, sich mit HIV zu infizieren.

          Prinzessin Mabel, seit 20 Jahren engagieren Sie sich im Kampf gegen HIV und Aids. Was war der Auslöser?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ich arbeitete damals für die Open Society Foundations in Brüssel, die sich für Bildung, Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, ganz allgemein für Menschenrechte einsetzen. Dabei stellte ich fest, dass unsere Arbeit oft dadurch erschwert wurde, dass sich Millionen von Menschen jedes Jahr mit HIV infizierten. Viele von ihnen starben, obwohl man ihnen hätte helfen können. Einige waren besonders gefährdet – Männer, die Sex mit Männern haben, Rauschgiftgebraucher, die sich Drogen spritzen, Häftlinge, Prostituierte. Mir wurde klar: Wenn wir ihnen nicht helfen, werden wir weder die Aids-Epidemie in den Griff bekommen, noch werden wir eine gerechtere Welt schaffen können.

          Seit den Neunzigern gab es viele Fortschritte. Aids ist heutzutage, zumindest in Europa, eine chronische Erkrankung. Mit Medikamenten kann man fast ein normales Leben führen.

          Überall auf der Welt gab es große Fortschritte. Allerdings befürchte ich, dass wir gerade in Europa, auch in meiner Heimat, den Niederlanden, und in Deutschland, etwas zu nachlässig sind. Denn hier infizieren sich trotz der Medikamente noch immer Menschen, und einige von ihnen sterben an Aids.

          Die Zahlen sind aber stark zurückgegangen.

          Das stimmt. Auch global ist das so. Dank Organisationen wie dem Globalen Fonds und der Unterstützung von Ländern wie Deutschland bekommen heute fast 20 Millionen Menschen Medikamente gegen HIV, und die Zahl derjenigen, die sich jedes Jahr neu infizieren, ging um fast drei Millionen auf 1,8 Millionen zurück. Aber das sind immer noch viel zu viele. Und vor allem gibt es eine Gruppe, die besonders gefährdet ist und über Jahre viel zu wenig beachtet wurde: Mädchen und junge Frauen.

          Das ist der Grund, warum Sie nun für Girls Not Brides arbeiten?

          Ich arbeite für Girls Not Brides, weil ich vor acht Jahren erstmals davon hörte, dass jedes Jahr 15 Millionen Mädchen unter 18 Jahren verheiratet werden. Das heißt, alle zwei Sekunden wird ein Kind oder eine Jugendliche verheiratet. Und das über alle Grenzen, Kulturen und Religionen hinweg. Das hat mich total schockiert. Es ist eine massive Verletzung der Menschenrechte, und es macht auch jeden Versuch zunichte, die Armut zu beenden.

          Königin Anne-Marie (links) von Griechenland und Prinzessin Mabel von Oranje-Nassau kommen im Mai zum Gala Dinner anlässlich des 80. Geburtstags des norwegischen Königs.
          Königin Anne-Marie (links) von Griechenland und Prinzessin Mabel von Oranje-Nassau kommen im Mai zum Gala Dinner anlässlich des 80. Geburtstags des norwegischen Königs. : Bild: dpa

          Was sind das für Mädchen?

          Ihre Geschichte ist immer gleich. Sie sind oft nicht einmal 14 Jahre alt, viele sind gerade elf, wenn sie aus der Schule genommen werden. Damit haben sie keine Chance, später ein halbwegs selbständiges Leben zu führen. Sie bekommen stattdessen früh Kinder, was zu nachhaltigen gesundheitlichen Schäden führt, und fast alle sind Opfer häuslicher Gewalt. Sie bleiben arm, und sie sind auch einer der Gründe, warum Armut auf der Welt so virulent bleibt.

          Was für eine Verbindung besteht zwischen HIV und Kinderehen?

          Viele Leute glauben, dass eine Ehe und damit Monogamie vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV schützt. Aber genau das ist für Kinder-Bräute nicht der Fall. Ein Mädchen, das als Kind verheiratet wird, hat ein 50 Prozent höheres Risiko, sich mit HIV zu infizieren als seine gleichaltrigen Freundinnen, die unverheiratet sind, obwohl sie auch sexuell aktiv sind.

          Woran liegt das?

          Das hat verschiedene Gründe, aber vor allem, weil sie häufiger ungeschützten Sex haben und haben müssen, weil ihre Männer sie dazu zwingen. Von ihnen wird erwartet, dass sie viele Kinder gebären, ein Zwang, dem sie sich nicht entziehen können. So liegt der Anteil von jungen Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren an der Weltbevölkerung zwar nur bei elf Prozent, doch 25 Prozent aller HIV-Neuinfektionen betreffen genau sie. Das heißt, wenn wir die Fortschritte im Kampf gegen HIV und Aids nicht aufs Spiel setzen wollen, müssen wir mehr für Mädchen tun. Wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht vorzeitig heiraten, dass sie zur Schule gehen und einen Beruf lernen. Geld, das wir dafür ausgeben, ist gut angelegt: Denn Mädchen und Frauen investieren fast 90Prozent ihres Einkommens in die Familie und die Gemeinschaft. Mädchen sind darum die Geheimwaffen im Kampf gegen Armut. Es kommt uns also allen zugute.

          Sie sagen, Kinderehen gebe es überall auf der Welt. Aber sind sie nicht doch eher in Gegenden verbreitet, wo sie aufgrund von Kultur und Religion Tradition sind?

          Als ich anfing, mich dafür zu interessieren, dachte ich, es sei ein Problem des Mittleren Ostens und muslimischer Länder. Doch das stimmt nicht. Es zeigt aber, wie viele Vorurteile wir haben. Die meisten Kinderehen, fünf Millionen jedes Jahr, gibt es in Indien, in einem überwiegend hinduistischen Land. Auf meinen Reisen nach Äthiopien musste ich feststellen, dass im christlich-orthodoxen Norden des Landes vier von fünf Mädchen mit 18 Jahren schon verheiratet sind, im muslimischen Süden sind es nur 15Prozent der Mädchen unter 18Jahren.

          Warum tun Mütter ihren Töchtern das an, wenn sie doch selbst oft darunter gelitten haben?

          Das kann verschiedene Gründe haben: Viele tun es, weil es seit Generationen so gemacht wurde. Oder weil sie in ihrer Familie dann ein Kind weniger zu versorgen haben. Oder sie wollen ihr Kind mit einer Ehe schützen, weil sie Angst haben, ihre Tochter könnte schwanger werden, bevor sie verheiratet ist. Am Ende aber läuft es immer darauf hinaus, dass Mädchen und Jungen nicht gleich behandelt und auch nicht als gleichberechtigt angesehen werden.

          Welche Rolle spielen Krieg und Vertreibung?

          Auch Not bringt Eltern dazu, ihre Töchter vorzeitig zu verheiraten. Sie wollen ihnen damit kein Leid zufügen, sondern sie schützen. In Syrien waren vor dem Krieg zwölf Prozent der Mädchen vor dem 18. Lebensjahr verheiratet. Das ist nicht viel im Vergleich zum Rest der Welt. Die Zahl ist inzwischen auf mehr als 30 Prozent gestiegen.

          Sie werden am Samstag auf der Operngala der Deutschen Aids-Stiftung in Berlin mit dem Preis „World without Aids“ für ihre Arbeit ausgezeichnet. Werden wir zu unseren Lebzeiten noch eine Welt ohne Aids erleben?

          Auf jeden Fall. Ich bin davon überzeugt, dass das zu schaffen ist. Wir dürfen nur nicht diejenigen vergessen oder ignorieren, die besonders von HIV betroffen sind. Und wir müssen alle zusammen auf dieses Ziel hinarbeiten. Dann wird das, was unmöglich erscheint, möglich.

          Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

          Quelle: F.A.Z.

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