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Praktikum im Waisenhaus : Lar-Lar hilft in Burma

Beäugt und für gut befunden: Clara Bräuer mit Kindern in Burma Bild: Christoph Hein

Eine deutsche Abiturientin macht ein Praktikum in einem Waisenhaus – und lernt ein Land im Umbruch kennen. Die höchste Hürde liegt direkt vor ihr.

          Ist sie Münchnerin? Hamburgerin? Clara Bräuer ist sich da nicht so ganz sicher. In München ist sie groß geworden, mit 15 Jahren wurde sie dann aber von ihren Eltern nach Hamburg verpflanzt. So oder so, die heute Neunzehnjährige ist auf gutem Weg, Weltbürgerin zu werden. Seit fünf Monaten macht sie ein Praktikum in einem Waisenhaus vor den Toren der burmesischen Metropole Rangun - zu Weihnachten kehrt sie zurück nach Deutschland.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der ungewollte Umzug von der Isar an die Elbe hatte für Clara Bräuer auch sein Gutes: „Diese Erfahrung hat mich schon unabhängiger gemacht.“ Die Antwort der Schülerin: Sie wollte ein Jahr auf ein Internat und ging nach Irland. Damit war die Angst vor dem Ausland genommen. Also zog es sie auch nach dem Abitur wieder hinaus. „Ich wollte raus aus der behüteten Welt, wollte es allein irgendwo ganz anders schaffen“, sagt sie. „Und Waisenhäuser haben mich schon immer interessiert, schon als ich ein Kind war, wirkten sie auf mich so entsetzlich traurig.“

          Die Verbindung nach Burma kam über ihren Freund zustande, dessen Vater das Waisenhaus Myitta Yaung Chi („Lichtstrahl der Liebenswürdigkeit“) kannte. Schon ein paar Stunden nachdem sie eine Mail nach Burma gesandt hatte, bekam sie Antwort: Natürlich sei sie willkommen, jederzeit könne sie anfangen. „Ich hab die Antwort auf meinem Blackberry in der Schule gelesen und fing richtig an zu zittern. Bislang war Burma nur irgendein Land in Asien für mich.“

          Weniger als ein Dollar am Tag

          Das sollte sich rasch ändern. Clara Bräuer, die als Leistungskurs Geographie belegt hatte, arbeitete sich in die Lage und Geschichte Burmas ein. Das Land, das sich selbst Myanmar nennt, steckt tief im Umbruch, aus der Militärdiktatur soll eine Demokratie werden. Den Zeitpunkt, Burma zu entdecken, hätte sie kaum besser wählen können: „Plötzlich war Burma überall in den Nachrichten, auch in Deutschland sprach jeder von der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi.“ An der Armut der Menschen ändert die Aufbruchstimmung freilich nichts. Die Mehrheit der Burmesen muss von weniger als einem Dollar am Tag leben. Können die Eltern ihre Kinder nicht ernähren, setzen sie sie aus. Wer Glück hat, landet in Myitta Yaung Chi, denn es ist besser ausgestattet und wird liebevoller geführt als die meisten anderen Waisenhäuser.

          Am 1. August begann Clara Bräuers burmesisches Abenteuer. „Im Flugzeug habe ich nicht eine Sekunde geschlafen.“ Es folgte eine Stadtrundfahrt durch Rangun - „schon fremd“ -, dann die Fahrt vor die Tore der Stadt in ihr neues Zuhause für die nächsten fünf Monate. „Ich fand mich schon ganz groß, als ich am ersten Tag eine halbe Stunde nach draußen gegangen bin“, erzählt sie - und lacht heute über ihre Bedenken von damals: „Als blonde Frau wirst du eher in Hamburg dumm angequatscht als hier, die Menschen sind so zurückhaltend.“

          „Inzwischen kommt mir Deutschland so kalt vor“

          Aber neugierig sind sie schon. Vor allem „ihre“ Kinder. Am Anfang musste jedes von ihnen die Hand der Neuen schütteln. „Die taten mir leid, das war mir so was von peinlich.“ Dann aber löste sich die Stimmung zwischen der hochgewachsenen hellhäutigen Fremden, die kein Wort Burmesisch sprach, und den Waisen sehr schnell: „Ich hab einfach mit Händen und Füßen mit den Sechsjährigen geredet - von da an hatte ich sie jede Minute am Arm hängen.“ Sie freut sich auch jetzt noch darüber, wie es ihr gelang, das Eis zu brechen. „Ich wollte nie die Rolle einer Prinzessin - ich wollte richtig mit anfassen. Aber das mussten auch die Burmesen erst lernen.“ Auch die Hauseltern, U Thet Lwin und Mama The The, brauchten Zeit, bis sie der jungen Deutschen das zutrauten, was sie konnte und wollte. „Sie haben mich auf Händen getragen. Und mir immer Aufpasser mitgegeben, wenn ich mal das Waisenhaus verlassen habe, damit auch ja nichts passiert.“ Die Fremde aus dem fernen Deutschland bewies Durchhaltevermögen: „Den Älteren sollte ich Englisch beibringen. In den ersten zwei Wochen hat niemand geantwortet. Immer wieder habe ich die Unterrichtsmethode geändert. Am Ende brachten gemeinsame Spiele wie Bingo den Durchbruch.“ Es war wohl ihre fröhliche Art, die das Eis schmelzen ließ: „Irgendwann war ich einfach der Clown für unsere Kinder. Die haben sich totgelacht über mich. Und das hat ihnen und mir gutgetan.“

          Clara allerdings können die jungen Burmesen bis heute nicht über die Lippen bringen: „Für sie bin und bleibe ich Lar-Lar.“ Doch nicht nur die Kinder haben von der jungen Deutschen gelernt - auch Lar-Lar nimmt viel aus Rangun mit nach Hamburg. „Ich hab mich hier total auf Internet-Diät gesetzt. In Deutschland war ich süchtig danach. Das ging hier gar nicht, das Netz ist extrem langsam, der Strom fällt oft aus. Heute fehlt es mir nicht mehr.“ Um neun Uhr gehen in Myitta Yaung Chi die Lichter aus, um sechs beginnt der nächste Tag. „Nach einem Tag in Rangun freue ich mich schon wieder auf die Ruhe hier draußen“, erzählt Clara Bräuer. „Ich habe inzwischen Angst, sie in Deutschland wieder zu verlieren.“

          Zeit will sie sich nun nehmen. Nachdem sie ihr Abitur in nur acht Jahren machte, sucht sie nun nach dem richtigen Studiengang und weiteren Praktika, um später in der Entwicklungspolitik arbeiten zu können. Die höchste Hürde aber liegt direkt vor ihr: der Heimflug. „Schon seit Wochen bereite ich mich darauf innerlich vor. Denn inzwischen kommt mir Deutschland so kalt vor - und das meine ich nicht nur auf den Winter bezogen“, sagt Lar-Lar aus Rangun, aus der zum vierten Advent wieder Clara in Hamburg wird.

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