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Portia de Rossi Mittags ein wenig Thunfisch

22.10.2011 ·  In der Serie „Ally McBeal“ spielte Portia de Rossi eine Anwältin: eiskalt, smart und schön. Von ihrer Magersucht im echten Leben ahnte niemand etwas.

Von Anke Schipp
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Für Portia de Rossi war die Ankündigung ein Schock: Sie sollte eine Szene in Dessous drehen. Seit einem Monat war sie die Neue in der Anwaltsserie „Ally McBeal“, die kühle Topanwältin Nelle Porter. Wenn Portia ans Set kam, war sie bestens vorbereitet. Wenn die Kollegen sie begrüßten, lächelte sie. Wenn sie gefragt wurde, wie es ihr gefalle, in einer der erfolgreichsten Fernsehserien der Jahrtausendwende mitzumachen, sagte sie: „Großartig!“ Doch wenn sie abends nach dem Dreh nach Hause fuhr, dann heulte sie.

Es war nicht nur die seltsam eisige Atmosphäre der Dreharbeiten in den fensterlosen Studios des Fernsehproduzenten David E. Kelley, die de Rossi 1998 als Tortur empfand, es war der eine Gedanke, der sie seit ihrem 12. Lebensjahr nicht losließ und der ihre Tage und Nächte bestimmte: Ich bin zu dick! Und: Ich muss weniger essen!

In ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Das schwere Los der Leichtigkeit“ beschreibt de Rossi die Jahre, als sie von der unbekannten Schauspielerin zum Serienstar wurde. Plötzlich ging sie über rote Teppiche, wurde von Paparazzi verfolgt und von der Klatschpresse taxiert. Sie gab sich so selbstbewusst wie ihre Serienfigur. In Wahrheit war sie eine von Selbstzweifeln geprägte junge Frau, die zudem alles daransetzte, ihre Homosexualität zu verbergen.

Pummelige Portia, schlanke Freundinnen

De Rossis Essstörungen begannen schon in den achtziger Jahren, als sie mit ihrer Familie noch in Australien lebte. Das pummelige Kind vergleicht sich früh mit anderen, mit den Klassenkameraden, die aus reichen Familien stammen, mit den schlanken Freundinnen, mit den Fotos in Modemagazinen. Sie hadert damit, durchschnittlich zu sein und aus einer Familie zu stammen, die nach dem frühen Tod des Vaters über wenig Geld verfügt. Sie will nicht auffallen - und will doch Aufmerksamkeit. Ein paradoxer Zustand, unter dem sie noch in Hollywood leiden wird.

Mit 15 Jahren fängt sie an, als Model zu arbeiten, sie nimmt Appetitzügler und entschließt sich, ihren Namen zu ändern. Amanda Rogers - das klang durchschnittlich. Portia, eine Figur aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, und de Rossi, ein Name, den sie in einem Filmabspann sah, haben dagegen etwas Geheimnisvolles.

Das erste Shooting mit einem Fotografen für ihre Sed-Karte wird eine Katastrophe. Er erteilt Befehle, sie empfindet die Posen als fremd. Nach der Sitzung darf sie zur Belohnung bei McDonald’s essen. Sie verschlingt mehrere Portionen wie im Rausch. Später wird sie lernen, ihre Fressattacken damit zu korrigieren, dass sie nach dem Essen auf der Toilette den Finger in den Hals steckt.

Die Kostümprobe macht Angst

Als sie nach Los Angeles zieht, will ihr Agent ihre Maße wissen. „81, 68,5, 94.“ „Bist du sicher?“, fragt er und rät: „Sag den Leuten, du hättest 86, 61, 89, und trag die Maße in deine Karte ein.“

Es klappt. Sie ergattert die Rolle bei „Ally McBeal“. Doch jede Kostümprobe macht ihr Angst. Passt sie noch in Größe 36? Und wie wird sie in Dessous aussehen? Werden Millionen von Fernsehzuschauern ihren vermeintlich schwabbeligen Bauch bemerken, die in ihren Augen dicken Oberschenkel? Sie bringt die Dessous-Szene hinter sich. „Wie fandest du sie?“, fragt sie ihre beste Freundin nach der Ausstrahlung. „Fantastisch.“ „Habe ich dünn ausgesehen?“ „Ich finde, du hast ausgesehen wie eine normale, gesunde Frau“, antwortet ihre Freundin. Für Portia ein vernichtendes Urteil: Wer gesund aussieht, ist dick.

Nur wenige Monate später hat sie sich auf 52 Kilo heruntergehungert. „InStyle“ wählt sie zum „Look der Woche“ aus, „Us Weekly“ zur bestgekleideten Besucherin einer Filmparty. Die Kostümbildnerin von „Ally McBeal“ schaut nicht mehr kritisch, wenn Portia zur Anprobe kommt. Portia fühlt sich glücklich. Es gibt Tage, an denen sie nicht mehr als 300 Kalorien zu sich nimmt: Zum Frühstück isst sie Haferflocken verquirlt mit Eiklar, zum Mittagessen ein Drittel einer Thunfisch-Dose, besprüht mit Butterersatzspray, und zum Nachtisch Wackelpudding und Flüssigsüßstoff - nur zehn Kalorien pro Portion. Morgens steht sie um Viertel nach vier auf, um zu trainieren, in ihrer Garderobe lässt sie ein Laufband installieren, um in der Mittagspause Kalorien abzubauen.

„Du bist zu dünn“

Sie trifft keine Freunde mehr, geht nicht mehr in Restaurants. Sie verzichtet auf Lippenbalsam, aus Angst, dass sie durch die darin enthaltene Sheabutter wieder zunehmen könnte. Als ihr eine Freundin sagt: „Du bist zu dünn“, lächelt Portia innerlich. Zu dünn. Wow - was für ein Kompliment. Ihre Freundin, eine Akademikerin aus New York, konnte ja nicht wissen, dass man in Hollywood ein „normales“ Leben mit einem „normalen“ Gewicht nicht führen konnte. Und dass es ein tolles Gefühl ist, endlich die Kontrolle über seinen Körper zu haben.

49 Kilo. Kostümbildnerin Vera schwärmt: „Ich wünschte, ich hätte auch nur ein Zehntel von deiner Disziplin.“ Endlich glaubt Portia ein Profi zu sein, es verdient zu haben, in einer beliebten Serie an der Seite einer überschlanken Hauptdarstellerin mitspielen zu dürfen.

Sie beschließt, auf die Eiklar-Mahlzeit zu verzichten, und knackt die 45-Kilo-Marke. Dass sie in Magazinen auftaucht, die den Magerwahn von Hollywood thematisieren, empfindet sie als Kompliment. Nachts träumt sie von Pizza und Nachos. Im Dezember 1999 fliegt sie nach Australien zu ihrer Mutter. Den 14-Stunden-Flug übersteht sie ohne Essen, der Stewardess erzählt sie etwas von einer Magenverstimmung.

Verheiratet, 38 Jahre und ein normales Gewicht

Ihre Mutter, die sie lange nicht gesehen hat, ist entsetzt. „Du siehst aus wie ein Skelett“, sagt ihr Bruder. „Ich bin wieder am Zunehmen“, lügt sie. Die Waage zeigt 40,3 Kilogramm. „Das war eine Leistung“, schreibt sie in ihrem Buch, „die ich mir ganz alleine zuzuschreiben hatte und die ich als etwas höchst Außergewöhnliches erachtete.“

Erst ein Zusammenbruch bei Dreharbeiten lässt sie die Realität erkennen. Ein Arzt stellt fest, dass sie an Osteoporose leidet, die Leberwerte so stark erhöht sind wie bei einer Leberzirrhose und ihr niedriger Kaliumspiegel die Funktion ihrer Organe bedroht. Sie beginnt eine Therapie, nimmt wieder zu und erkennt, dass es am einfachsten ist, sein Gewicht zu halten, wenn man nicht ständig darüber nachdenkt. Zudem bekennt sich de Rossi zu ihrer Homosexualität. Mittlerweile ist sie 38, mit der Komikerin Ellen DeGeneres verheiratet. Vor vier Jahren wählte sie das Magazin „People“ unter die 100 schönsten Frauen der Welt. Und das mit einem Durchschnittsgewicht.

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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