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Pflegeheim für junge Leute : Ohne das bewerten zu wollen

  • -Aktualisiert am

118 Menschen leben im „House of Life“, der ersten Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Bild: Gyarmaty, Jens

Wenn ein Mensch den Alltag nicht mehr alleine stemmen kann, kommt er ins Altersheim. Was aber, wenn es jüngere Leute sind, die dauerhaft pflegebedürftig werden? In Berlin gibt es ein Heim für solche Fälle. Ein Hausbesuch.

          Gut gehe es ihr, sagt Frau Meier. „Es geht mir gut.“ Der Blick aus ihren blassblauen Augen ist fest. „Solange ich mich selbst bewegen kann, bin ich zufrieden. Es gibt ja Menschen, die können gar nichts mehr, liegen nur noch im Bett. Das könnte ich nicht. Das wollte ich nicht.“

          Frau Meier leidet an Multipler Sklerose; die chronische neurologische Erkrankung bricht fast immer im jungen Erwachsenenalter aus, also zwischen 20 und 40. Immer wieder treten MS-Schübe auf, die neue Einschränkungen in der Bewegung zurücklassen. Frau Meier (die eigentlich anders heißt) sitzt wegen ihrer Zuckungen meistens wie verkrampft in ihrem Rollstuhl; alleine aufstehen kann sie nicht mehr. Das Reden kostet sie Mühe, manchmal braucht sie mehrere Anläufe, bis ihr ein komplettes Wort über die Lippen kommt. Mittlerweile ist die Erkrankung so schlimm bei ihr, dass sie auf permanente Hilfe angewiesen ist. „Ich denke mir, ich hab es noch ganz gut getroffen, in vielerlei Hinsicht. Es geht mir gut hier.“

          Oft landen Menschen wie Frau Meier, die im jüngeren Erwachsenenalter zu Pflegefällen geworden sind, einfach im Altersheim - in Ermangelung ernsthaft geeigneter Pflegeplätze. Das heißt dann: Wecken um sechs, zum Mittagessen gibt es die Wahl zwischen Blutwurst und Grießbrei, am Mittwochnachmittag steht Singen auf dem Programm, montags Basteln, der jüngste Bewohner ist 72. Die jungen Leute leben zwischen pflegebedürftigen Senioren, betreut von Altenpflegern, denen für diese Schwerbehinderten Erfahrung und Zeit fehlen; der Fachjargon nennt diese Fälle „fehlplaziert“.

          Ein Pflegeheim für Menschen zwischen 20 und 55

          Die Einrichtung, in der Frau Meier untergekommen ist, ist anders: das „House of Life“, ein Pflegeheim für Menschen zwischen 20 und 55 Jahren in Berlin-Kreuzberg. Seit 2006 gibt es das Haus speziell für junge und jüngere Pflegebedürftige, das erste seiner Art in Deutschland. 118 Bewohner leben hier in 13 Quadratmeter großen Einzelzimmern, mit eigenem Bad, immerhin. Das Haus erstreckt sich über acht Etagen, die von Graffiti-Künstlern unterschiedlich gestaltet wurden. Eine Unterwasserwelt, ein U-Bahnhof oder ein Film-Set zieren die Wände. Auf den ersten Blick wirkt das „House of Life“ wie eine Mischung aus einem Jugendzentrum und einer Einrichtung für Behinderte. Das liegt an der Gestaltung, aber auch daran, dass auf den Gängen ein paar körperlich und geistig besonders stark eingeschränkte Menschen in ihren Rollstühlen sitzen und Besucher ansprechen: „He, hast du Kippen?“ Wer entschuldigend verneint, kriegt ein Schimpfwort zurück. Jedes Mal.

          “Zigaretten zu schnorren ist hier eine beliebte Beschäftigung“, sagt eine Frau mit Tattoo auf dem durchtrainierten Bizeps, die zu gleichen Teilen zart und zupackend aussieht. Und dann berlinert sie eine Begrüßung: „Hallo, ick bin Melis.“ Melis Schröter ist die Assistentin der Pflegedienstleitung im „House of Life“. Die jugendlich wirkende Frau Ende 40 bittet in ihr Büro, wo sie reden kann - auch wenn alle paar Minuten das Telefon klingelt. Schröter ist oft die erste Ansprechpartnerin für Angehörige: „Sonst läuft es ja so, dass Erwachsene ihre Eltern im Seniorenalter ins Pflegeheim bringen. Das ist schon schwierig, wenn man Mama oder Papa abgibt. Andersrum ist es emotional aber noch komplizierter: Bei uns bringen die Eltern ihre erwachsenen Kinder in die Einrichtung.“

          Andere Bewohner sind Ex-Junkies oder ehemalige Straßenkinder. Oder beides

          Dann macht Schröter eine Pause und setzt nach: „Wobei das noch der glücklichere Fall ist. Viele unserer Bewohner haben gar keine Angehörige mehr. Oder keinen Kontakt zu ihnen.“ Eine Bewohnerin zum Beispiel, 21 und psychisch krank, versuchte einst mit dem Telefon der Station mehrfach, ihre Eltern anzurufen. Deren Reaktion: Sie wollten die Tochter sowie die Verantwortlichen in der Pflege anzeigen; der Vorwurf: Stalking. Weil das Vorhaben juristisch auf wackligen Füßen stand, änderten die Eltern ihre Festnetznummer. Jetzt haben sie ihre Ruhe vor der eigenen Tochter.

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