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Pferderennen von Ascot : Sind Sie etwa Gast in der Royal Enclosure?

Bild: REUTERS

Wer in Ascot die Ehre hat, einen Platz in der Nähe der Königin zu ergattern, muss sich auf das Ereignis besonders vorbereiten. Schön, wenn dann ein Pferd der Queen gewinnt.

          Vor dem letzten Rennen des Tages, dem „King George V Stake“, ist ein Herr auf der obersten Tribüne in Tiefschlaf gefallen. Zusammengerutscht liegt er in seinem Sitz, der Kopf ruht auf der Rückenlehne, der lange Zylinder guckt nach unten. Nichts kann ihn mehr wecken, kein Streicheln, kein Rütteln, nicht mal ein weiteres Glas Pimms. Als der Schlafende immer mehr Blicke auf sich zieht, tun seine Begleiter, was Engländer oft tun, wenn es ein „embarrassment“, einen peinlichen Moment, aufzulösen gilt: Sie ziehen ihn ins Komische. Erst legen sie ihm eine Rose in den Mund und fotografieren ihn. Dann nehmen sie seinen Zylinder ab und ersetzen ihn mit dem Federhut seiner Frau. Nun schießen auch die anderen Bilder. Hier, in der „Royal Enclosure“, darf man aus der Rolle fallen, denn Zutritt hat nur, wer seine Rolle im normalen Leben perfekt beherrscht. 

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          In Ascot, dem Ort des ehrwürdigsten Pferderennens der Welt, ist die englische Klassengesellschaft noch intakt. Ja, es gibt auch Pferde hier, aber den meisten Besuchern dienen die Galopprennen mehr als Zierat eines so traditionsreichen wie außergewöhnlichen Gesellschaftsereignisses. Am Morgen ist es noch ein gemeinsamer Strom, der sich vom Dorfbahnhof in Richtung Rennbahn ergießt. Doch sobald sich die Tribüne von Ascot erhebt, verzweigt er sich. Die Herren in den Straßenanzügen und die Damen mit den billigen Hüten verschwinden im „Silver Wing“, wo die Entfernung zur Rennbahn und zur Loge der Königsfamilie mit der Erlaubnis zum Picknicken kompensiert wird. Die geschmackvoller Gekleideten nehmen die Treppen zum „Grand Stand“ hinauf, wo man schon recht nah – und solide bewirtet - an der Ziellinie sitzt. Nur der kleine, erlesene Rest darf sich die vornehme lila Plakette anheften und durch das Tor treten, über dem „Royal Enclosure“ steht. Wer in die Nähe der Königin gelassen wird, muss über Beziehungen zum Palast verfügen – und bereit sein, die große Inszenierung aktiv mitzugestalten.

          Sie beginnt, nicht nur für die Frauen, beim „dress code“ – und damit schon einige Tage zuvor, zum Beispiel beim Traditionsausstatter „Moss Bros“ am Covent Garden. „Darf ich in Erfahrung bringen, ob Sie normaler Rennbahnbesucher sind oder Gast in der Royal Enclosure?“, fragt Javeed, der nach 42 Jahren im Geschäft die richtige Tonlage gefunden hat. „Ah, Royal Enclosure – dann fallen unsere modischen Morning Suits leider aus für Sie“, sagt er und führt den Kunden zum Gestänge mit den Klassikern.

          Wer nicht auffallen will, greift zum „Royal Ascot“, ein Modell, das unverändert seit 1722 genäht wird. Modernisten geben auch der Hausmarke eine Chance, die erst auf 162 Jahre Tradition zurückblicken kann. Der Gehrock muss schwarz sein, und der Knopf wird nicht geschlossen – das lässt die Weste besser wirken, die grau oder beige zu sein hat. Die Hose wiederum muss einen hellen Grundton aufweisen, durchbrochen von dunklen Streifen. Auf der Ablage über dem Kleiderständer liegen die dazugehörigen Zylinder: hohe schwarze für die Traditionalisten, flache graue für die Avantegarde. Die Kombination beginnt, umgerechnet, bei einem Preis von 900 Euro.

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