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Peter Ensikat im Gespräch „Das Volk hat ein Recht auf Dummheit“

01.06.2009 ·  Wegen eines Textes über die Stasi hatte er Auftrittsverbot. Gleichzeitig nahm er 1988 für seine Arbeit von Honecker den DDR-Nationalpreis entgegen. Der Berliner Kabarettist Peter Ensikat über lächerliche Nostalgie, Stasi-Biographien und Humor in der Krise.

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Er gilt als der „Dieter Hildebrandt des Ostens“: Peter Ensikat arbeitete als Autor, Schauspieler, Regisseur und Kabarettist. Wegen eines Textes über die Stasi sollte er ausgewiesen werden, weigerte sich aber, das Land zu verlassen. Wenn RTL und ZDF sich in DDR-Nostalgie verlieren, findet der ehemalige Leiter der Berliner „Distel“ das eher lächerlich, aber nicht gefährlich. Die deutsche Einheit hält er erst dann für vollendet, wenn sein Freund Dieter Hildebrandt „der Ensikat des Westens“ genannt wird.

Nach dem spektakulären Aktenfund über Karl-Heinz Kurras und seine Tätigkeit für die Stasi wird heftige Kritik geübt an Marianne Birthler und der Stasi-Unterlagen-Behörde. Teilen Sie diese Kritik?

Ich kenne Marianne Birthler noch aus der Zeit, bevor sie diesen Posten innehatte, da waren wir uns oft einig. Aber ein solches Amt verändert, es macht aktengläubig, und das kann auch gar nicht anders sein. Deshalb war ich dafür, dass diese Akten kein Betroffener verwaltet, sondern jemand von außen, etwa ein Mann wie Egon Bahr. Frau Birthler und Herr Gauck aber sind Betroffene und haben, obwohl sie das immer zurückweisen, eine enorme Macht.

Ist diese Macht tatsächlich immer noch groß?

Mit den Akten, die angelegt worden sind, um Menschen zu zerstören, kann man auch heute noch Menschen zerstören. Anfang der neunziger Jahre sah ich einen ehemaligen Dissidenten im Fernsehen, der sagte: ,Wir kriegen euch alle, bis zum Letzten.' Die Stasi wollte auch den Letzten kriegen. Es ist ein Problem, wenn wir mit der Absicht, das Böse zu bekämpfen, selbst sehr böse werden. Die DDR ist dafür das beste Beispiel. Unter dem Deckmantel des Antifaschismus entstand auch viel Böses.

Sind Sie dafür, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung zu ziehen?

Das geht gar nicht, ausgeschlossen. Aber wir sollten statt pauschaler Urteile besser persönliche Schuld feststellen. Der Vorwurf etwa, bei der Stasi gewesen zu sein, bedarf ja heute gar keines Beweises mehr. Das macht es den wirklichen Schergen leicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Im Übrigen ist der Versuch, die Vergangenheit nur aus den Stasi-Akten zu rekapitulieren, untauglich. Da wurde auch so viel Schwachsinn notiert. Im Dresdner Kabarett „Herkuleskeule“ etwa hat sich die Stasi ewig damit beschäftigt, ob mein Kollege Wolfgang Schaller der Rädelsführer war oder ich. Am Ende haben sie sich auf mich geeinigt, ich kam aus Berlin, und so konnten die Genossen in Dresden die Verantwortung abgeben.

Andererseits hatten Sie 1999 mit Gisela Oechelhaeuser an der Distel in Berlin selbst einen IM-Fall und haben sich nach Aktenlage von ihr getrennt.

Natürlich. Ich kann nicht den Umgang mit der Vergangenheit beklagen, wenn ich an dieser Vergangenheit selbst übel beteiligt war. Da sehe ich nach wie vor keine Möglichkeit, zumindest nicht in diesem Beruf.

Wird Ihnen trotzdem manchmal vorgeworfen, die Vergangenheit zu verharmlosen?

Das kommt vor. Aber ich verharmlose keineswegs, sondern rücke einiges zurecht. Gut und böse gibt es nur im Märchen. Diese DDR war weder schwarz noch weiß, sie war grau, und zwar in jeder Beziehung. Das Land war mit sehr menschlichen Mängeln behaftet, Neid, Missgunst, Wichtigtuerei und Verrat. Das Problem war ganz klar, dass die DDR den Verrat institutionalisierte.

Derzeit wird wieder heftig darüber diskutiert, ob die DDR ein Unrechtsstaat war.

Dass die DDR eine Diktatur war, ist doch unbestreitbar, ebenso, dass dort Recht gebeugt wurde. Aber Unrechtsstaat ist mir zu einfach: Was soll das heißen? Auch der Rechtsstaat Bundesrepublik beinhaltet gewisse Ungerechtigkeiten. Vom Rechtsstaat Gerechtigkeit zu erwarten ist einfach zu viel verlangt.

Warum ist die DDR heute überhaupt noch so häufig ein Thema?

Nach 1989 wollten die Ostdeutschen alles, was mit DDR zu tun hatte, wegwerfen und mit ihrer eigenen Vergangenheit nichts zu tun gehabt haben. Schuld waren nur Stasi und SED, keiner hat auf sich, alle haben auf andere gezeigt. Dabei haben wir doch alle irgendwie mitgemacht. Das wollte 1990 keiner mehr wahrhaben. Nur: Irgendwann merkt man, dass es ohne Vergangenheit doch nicht geht.

Warum verläuft die Auseinandersetzung mit der DDR häufig so emotional?

Die DDR ist endlich mal ein Abschnitt deutscher Geschichte, der ordentlich aufgearbeitet werden kann, weil der größere Teil des Landes nicht beteiligt war. Seit 1989 habe ich den Eindruck, in der Bundesrepublik haben die letzten vierzig Jahre gar nicht stattgefunden, Vergangenheit gab's nur in der DDR. Außerdem braucht man zur eigenen Bestätigung häufig den bösen Anderen. Wir im Osten kennen das. Früher kam alles, was bei uns schlecht war, aus dem Westen. Nun ist der Osten schuld an allem, was heute nicht klappt.

Was war Ihrer Meinung nach eigentlich gut an der DDR?

Die Absichten. Nur waren die von vornherein diskreditiert, weil wir einen Sozialismus aufgedrückt bekamen. Das war Marx und Engels, von Lenin übersetzt und durch Stalinsche Durchführungsbestimmungen gepresst. Unter den Emigranten aber gab es viele ehrliche Absichten. Dass Personen wie Anna Seghers oder Bertolt Brecht in die DDR kamen, war für mich ein Argument, das für dieses Land sprach. Nur dass Brecht, wenn er länger gelebt hätte, wahrscheinlich auch in den Westen gegangen wäre.

Reagieren Ostdeutsche gelassener auf die aktuelle Krise?

Das ist wohl so. Wir haben schon mal gesehen, dass nichts unendlich ist und dass selbst ein für allmächtig gehaltenes System untergehen kann. Diese persönliche Erfahrung des Scheiterns haben wir dem Westen voraus.

Sie haben vor zehn Jahren geschrieben: Der Sozialismus ist daran gescheitert, dass er keiner war, der Kapitalismus könnte daran scheitern, dass er wirklich einer ist."

Genau das erleben wir ja gerade. Ich wollte damit übertreiben, und nun stellt sich heraus: Es war eher noch schöngefärbt. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt triumphiere. Andererseits denke ich mir: Nach dem Sozialismus jetzt auch noch den Kapitalismus scheitern zu sehen, das wäre ein erfülltes Leben.

Sind Krisen gute Zeiten für Kabarettisten?

Ja, das können Sie an kursierenden Witzen wie diesem ablesen: Im Sozialismus wurde die Wirtschaft erst verstaatlicht und dann ruiniert, im Kapitalismus ist es umgekehrt. Solche guten politischen Witze gibt es nur in schlechten Zeiten.

Haben die Politiker die Lage im Griff?

Das können sie gar nicht, sie haben die Zügel lange schleifen und die Märkte machen lassen, und jetzt hoffen sie, dass es irgendwie gutgehen wird. Letzteres scheint typisch deutsch zu sein. Auch 1918 wurden in Berlin noch die Siegesfeierlichkeiten vorbereitet.

Ihr Vertrauen in die Bundeskanzlerin scheint nicht besonders groß zu sein.

Ich finde sie gar nicht unsympathisch. Sie bekennt sich zu ihrer Schlichtheit. Sie redet verständlich, das hat sie West-Politikern voraus. Allerdings bekommt man bei ihr im Gegensatz zu Schröder eben mit, wenn sie nichts sagt.

Ist es schwer, über Angela Merkel Witze zu machen?

Ich fand immer blöd, über ihre Frisur zu witzeln, das ist nicht mein Niveau. Was ich an ihr bemängele, ist, dass sie nicht festzumachen ist. Sie macht eine Art abwaschbare Politik. Aber wahrscheinlich müssen Politiker so sein.

Und wir lassen uns das gefallen?

Das ist das Verblüffende. Nehmen Sie die FDP, die diese Krise wesentlich befördert hat und jetzt in Meinungsumfragen zulegt. Das zeigt doch eindeutig: Die Leute wollen belogen werden. Das ist deprimierend, aber das Volk hat ein Recht auf Dummheit. Ich finde nur, dass man dieses Recht bei Politikern einschränken sollte.

Das wird im Wahlkampf kaum zu machen sein.

Da lügen sie alle um die Wette. Müntefering hat nach der letzten Wahl gesagt, es sei ungerecht, einen Politiker auf seine Aussagen im Wahlkampf festzulegen, und damit doch das Recht zu lügen eingefordert.

Kürzlich hat Frank-Walter Steinmeier Ihnen und Wolfgang Schaller in Mainz den Kabarett-Preis"Sterne der Satir" verliehen. Haben Sie sich gefreut?

Als Satiriker ausgezeichnet zu werden ist immer ein bisschen komisch. Wir haben 1988 auch den DDR-Nationalpreis für unsere Programme bekommen und lange gezögert, ob wir den annehmen können.

Ihre Texte wurden damals erst zensiert und dann ausgezeichnet?

Ja, noch Anfang der achtziger Jahre hatten Schaller und ich Auftrittsverbot in Berlin, woraus ein Berufsverbot werden sollte. Aber nur kurze Zeit später bekam die Dresdner“"Herkuleskeul“", um die es ja dabei ging, den Vaterländischen Verdienstorden verliehen. Das Nebeneinander von Verbot und Orden war schizophren. Diese DDR war manchmal saukomisch, aber eben nicht sehr lustig.

Wie lief denn die Preisübergabe bei Erich Honecker ab?

Ganz merkwürdig, das werde ich nie vergessen. Honecker sagte: ,Es gibt auch in unserem Leben noch tröstliche Augenblicke.' Damit meinte er den Besuch auf einem spanischen Friedhof für Widerstandskämpfer, von dem er gerade zurückgekehrt war. Das war für ihn Trost. Wir merkten, dass an dem alten DDR-Witz ,Politbürositzung, erster Tagesordnungspunkt: Das Politbüro wird hereingetragen' viel dran war. Die liefen zwar noch alle auf ihren zwei Beinen, aber die Blicke waren so leer - da war Endzeitstimmung.

Die angenehmere Seite der DDR-Erinnerung ist die Nostalgie.

Die wird ja bezeichnenderweise von Westlern produziert. Da lassen dann RTL und das ZDF Katarina Witt im FDJ-Hemd auftanzen. Oder nehmen Sie die „SuperIllu“ - die verantwortet ein Herr aus München. Das kann man den Ossis nun wirklich nicht vorwerfen.

Aber sie kaufen und gucken das doch.

Die Aufhübschung des DDR-Bildes ist lächerlich, aber zum Glück ungefährlich. Ich schäme mich nur manchmal für meine ostdeutschen Landsleute, dass sie sich wie Nasenbären durch die Manege führen lassen. 1989 war ich so stolz, als sie „Wir sind das Volk“ riefen. Anschließend war ich fassungslos, mit welcher Würdelosigkeit sie in den Westen gingen und sich beschenken ließen.

Und heute ist der Westen gar nicht so rosarot wie gedacht?

Auch ich hatte ihn mir schöner vorgestellt. Ich kann zwar heute sagen, dass die Kanzlerin doof ist, aber bei meinem Arbeitgeber sieht das schon ganz anders aus. Wir sind aus der politischen Gängelei in die ökonomische Abhängigkeit gekommen, und die zwingt uns oft zu viel mehr Anpassung.

Ist das ein beklagenswerter Zustand?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind in der Normalität angekommen. Dass diese Normalität nicht immer schön ist, ist für mich nichts Neues. Freiheit ist schwierig und für viele viel schwieriger, als in einer Diktatur zu leben. Zu DDR-Zeiten konnte man immer leicht sagen: Das System ist schuld. Die Ausrede haben wir heute nicht mehr. Im Gegenteil, auch heute ist viel Zivilcourage nötig. Auch heute ist es nicht selbstverständlich, zu widersprechen. In der Demokratie mitzulaufen ist eben nicht mutiger, als in der Diktatur keinen Widerstand geleistet zu haben.

Mit Peter Ensikat sprach Stefan Locke.

Quelle: F.A.S.
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