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Peinliche Prominente „Habt geschützten Sex und fahrt Hybridautos“

22.02.2007 ·  Ob Klima-Kollaps, Aids oder Armut in Afrika: Kaum eine Geißel der Menschheit ist heute noch vor wohltätigen Prominenten sicher. Ein Oscar für den skurrilsten Vorschlag in Sachen Weltverbesserung gebührt Jessica Alba.

Von Christiane Heil
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Wenn am nächsten Sonntag in Hollywood die Oscars verteilt werden, genügt es nicht mehr, bloß optisch eine gute Figur zu machen: Wer sich heutzutage auf den roten Teppich begibt, sollte vorher dem sensibilisierten Publikum zuliebe seinen Willen zur Rettung der Menschheit (oder zumindest von Flora und Fauna) unter Beweis gestellt haben. Diverse Pannen aus der jüngsten Vergangenheit gemahnen allerdings zur Vorsicht, denn es bedarf offenbar auch auf dem Feld der Wohltätigkeit eines gewissen Einfühlungsvermögens, um drohende Peinlichkeiten zu vermeiden.

Als beispielsweise George Clooney im vergangenen Jahr bei der Oscar-Verleihung sein Geschenktütchen (Inhalt: ein „BlackBerry“, eine tahitische Perlenkette sowie ein Kimono) versteigern ließ, kamen für die Opfer des Hurrikans „Katrina“ immerhin fast 50.000 Dollar zusammen. Da konnte man nicht meckern. Als jedoch Clooneys Kollegin Keira Knightley bei dieser Gelegenheit ebenfalls ein großes Herz beweisen wollte und der Hilfsorganisation „Oxfam“ ihre „Vera Wang“-Kreation überließ, mit der sie in der Oscar-Nacht leer ausgegangen war, erntete sie dafür vor allem Häme. Denn das schokofarbene Kleid brachte bei einer Auktion im Internet magere 8.000 Dollar ein - und Keira Knightley den Vorwurf, sie habe ihre abgelegte Abendrobe lediglich verscherbelt, um Sympathie-Defizite wettzumachen.

Ungezügelter Wohltäterei

Nach Jahren ungezügelter Wohltäterei honoriert das Publikum längst nicht mehr jede Charity. Während das Engagement für Afrika, gegen Armut und Aids bislang als Garant für Popularität galt, werden die prominenten Gutmenschen zunehmend kritisch beäugt. „Ein guter Zweck muss in Hollywood heute ein gewisses Flair haben und gleichzeitig politisch korrekt sein. Bei den immer neuen Organisationen, die aus dem Boden schießen, greifen viele Stars einfach daneben“, sagt eine Kennerin der Branche. „Das Engagement von Michael J. Fox, der an Parkinson erkrankt ist und deshalb eine Parkinson-Stiftung gegründet hat, stößt auf breite Zustimmung.“ Wenn aber der gute Zweck zu weit von der Lebenswirklichkeit eines Hollywood-Stars entfernt sei, drohten Glaubwürdigkeitsmängel.

Wohltätige Prominente: Hilfe, jetzt wird's peinlich

Als etwa Cameron Diaz mit der MTV-Serie „Trippin“ bei jugendlichen Fans Umweltbewusstsein zu wecken versuchte, scheiterte sie kläglich. Ihre Begeisterung für Kuhdung als Baumaterial nepalesischer Hütten (“Das schärfste Ding“), die Schilderung ihrer Schauspielfreundin Drew Barrymore von Ausritten im chilenischen Dschungel (“Es war unbeschreiblich“) und die eher sinnleeren Kommentare der mitreisenden Eva Mendez (“Natur macht Spaß“) vermochten das heimische Publikum einfach nicht zu einem sparsameren Umgang mit natürlichen Rohstoffen zu animieren. Stattdessen hagelte es Kritik von allen Seiten: Menschenrechtsorganisationen rügten, das Reisegrüppchen aus Hollywood bewundere den wachsenden Baumbestand Bhutans, ohne die katastrophal hohe Säuglingssterblichkeit und die geringe Lebenserwartung in dem Himalaja-Staat überhaupt nur zu erwähnen. Und sogar Umweltorganisationen meldeten sich zu Wort, um den allzu großzügigen Einsatz von Hubschraubern, Privatjets und Luxus-Geländewagen für die vermeintliche Ökoshow zu monieren. Cameron Diaz und ihre Freundinnen haben sich mit ihrem inzwischen als „Charitainment“ verschrieenen Helfersyndrom sogar schon den Ruf echter Peinlichkeits-Queens eingehandelt.

„I am African“

Gwyneth Paltrow kann da ganz gut mithalten. Als die blonde Schauspielerin für die Anti-Aids-Kampagne „I am African“ mit Gesichtbemalung und afrikanischem Halsschmuck posierte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Schwarze Amerikaner warfen der 34 Jahre alten Oscar-Gewinnerin Ignoranz vor und unterstellten ihr, die HIV-Infektion Millionen afrikanischer Kinder mit ihrem Kostümspektakel ins Lächerliche zu ziehen. Schon bald kursierten im Internet Bilder einer Afrikanerin in traditionellem Gewand - und der Unterzeile „I am Gwyneth Paltrow“.

Während mittlerweile halb Hollywood - unter anderen auch Nicole Kidman, Naomi Watts und Angelina Jolie - als Unicef-Botschafter firmiert, fürchten die hauptamtlichen Mitarbeiter des Kinderfonds der Vereinten Nationen um ihren guten Ruf: Die ständigen Auftritte der Celebrities, so der Einwand, lenkten von der eigentlichen Arbeit der Hilfsorganisation ab. Schon heute assoziiere man Unicef eher mit der Person Angelina Jolies anstatt mit humanitären Katastrophen und deren Bekämpfung. Das dezente Wirken einer Filmdiva wie Audrey Hepburn, die im Namen von Unicef jahrzehntelang ohne viel Tamtam für die ärmsten Kinder dieser Welt eintrat, scheint aus der Mode gekommen zu sein.

Schon vorher peinlicher Eklat

Große Herzen werden grundsätzlich nur noch vor laufender Kamera vorgezeigt. Zumindest, wenn es nicht schon vorher zu einem peinlichen Eklat kommt. Bevor Sharon Stone in Santa Monica unlängst eine Barbiepuppe in Sharon-Stone-Optik zugunsten einer Kinder-Aids-Stiftung versteigern konnte, sagte sie kurzerhand entnervt ab. „Die Puppe sieht ihr überhaupt nicht ähnlich“, klagte eine Sprecherin der alternden Schauspielerin. So viel Eitelkeit kam sogar dem notorisch selbstverliebten Hollywood unangemessen vor; giftige Anspielungen auf die Ähnlichkeit zwischen der Plastikpuppe und ihrem realen Vorbild - Stone gilt als Anhängerin der plastischen Chirurgie - machen seither die Runde. Bei anderen Wohltätigkeitsorganisationen braucht die Darstellerin nach ihrem Barbie-Desaster gar nicht mehr anzuklopfen.

Selbst der sonst unfehlbare George Clooney hat sich bei der Rettung der Welt nicht nur Freunde gemacht. Sein Engagement für die sudanische Elendsregion Darfur wurde von amerikanischen Konservativen mit der Bemerkung quittiert, Clooney fungiere als „Aushängeschild des US-Imperialismus“ und störe in Darfur selbst die Kommunikation zwischen Christen und Muslimen. Auch die naiven Äußerungen seines Vaters Nick, der George Clooney während einer Reise durch den Sudan begleitete, waren nicht gerade ein Ausdruck besonderer Ernsthaftigkeit: „Es war ein Privileg für George und mich, diese Menschen auf ihrer gefährlichen Reise zu treffen. Was wir ihnen geben konnten, verblasst im Vergleich zu dem, was sie uns gegeben haben“, resümierte Clooney senior nach diesem überstandenen Abenteuertrip.

Gleich auf zwei Kontinenten politisch angeeckt

Auch die Fernseh-Talkerin Oprah Winfrey ist auf gleich zwei Kontinenten politisch angeeckt. Für vierzig Millionen Dollar hat sie nahe Johannesburg ein Internat für Mädchen aus armen südafrikanischen Familien bauen lassen - mit separaten Suiten, luxuriösen Daunenbetten, Beauty-Salon und Yoga-Studio. Kaum waren prominente Gäste wie Tina Turner, Mariah Carey und Spike Lee nach der Eröffnungsfeier wieder abgereist, brach es über die erfolgverwöhnte Spenderin herein: Afrikanische Hilfsorganisationen warfen ihr vor, inmitten der Armut Geld zu verschwenden und so die Mädchen ihrer Kultur zu entfremden. Amerikaner wiederum beschimpften die Milliardärin, sich zwar um südafrikanische Jugendliche zu kümmern, die unterprivilegierten Schwarzen im eigenen Land aber zu vernachlässigen.

Dabei lassen sich derlei Wohltätigkeitsflops durchaus vermeiden. Organisationen wie die von den Schauspielern Susan Sarandon und Alec Baldwin gegründete „Creative Coalition“ oder die „Environmental Media Association“ in Hollywood helfen dem hilfsbereiten Star bei der Suche nach dem passenden guten Zweck. In Workshops werden die angehenden Aktivisten zunächst einmal über das Schmelzen der Polarkappen, über Aidsforschung oder Armut in Afrika unterrichtet, um die Welt mit neu gewonnenem Sachverstand verbessern zu helfen.

Nachhilfestunden bei der „Creative Coalition“

Mitunter hält sich der Erfolg jedoch in Grenzen. So wurde Daphne Zuniga, manchen noch als melancholische Brünette aus der Serie „Melrose Place“ bekannt, nach ein paar Nachhilfestunden bei der „Creative Coalition“ in Washington vorstellig, um gegen das „Abschlachten von Bäumen“ für Toilettenpapier zu wettern.

Der Oscar für den skurrilsten Vorschlag in Sachen Weltverbesserung gebührt allerdings der Schauspielerin Jessica Alba für ihren Auftritt bei den MTV-Awards. Die Sechsundzwanzigjährige, die auch schon als Mitglied von Cameron Diaz' Öko-Reisetruppe im gelben Bikini ein Korallenriff retten wollte, wandte sich vor laufenden Kameras mit folgendem Aufruf ans Publikum: „Habt geschützten Sex und fahrt Hybridautos, wenn ihr könnt!“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 56
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