Ein attraktives Ehepaar mit kreativen Jobs, zwei hübschen Kindern, einem großen Haus im Grünen. So sieht das Paradies aus - oder auch die Hölle, sagt „Immer Ärger mit 40“, Paul Rudds neuer Film. Sein Film-Ego Pete kann für Gattin Debbie nur noch mit Viagra auf Touren kommen, sein kreativer Job bringt nichts ein, er fühlt sich zu dick, und die Kinder streiten ohne Unterlass. Das kann ja ein heiteres Gespräch werden. Aber: Er lächelt zur Begrüßung.
Paul Rudd: Hi! Schön, Sie zu treffen. Passen Sie mal auf, ich habe extra für Sie Deutsch gelernt: „Iihma Ägörr miit firzick.“
Was wollen Sie damit sagen?
Sie wissen schon. Der Titel von meinem Film.
Ach so. Also an der Aussprache müssen Sie noch arbeiten. Aber Sie treffen sicher noch viele deutsche Journalisten.
Ich hätte mit Ted üben sollen, das ist mein Mitbewohner aus dem College. Er ist jetzt Professor für deutsche Literatur. Angeblich spricht er eure Sprache so gut, dass man ihn für einen Deutschen hält. Ich habe ihn mal besucht in dieser Stadt, wie heißt sie noch, Schtuddgahrt. Da verstanden ihn alle.
Da hat er sich auch eine Gegend mit ganz eigenem Dialekt ausgesucht. Ich habe Ihren Film vorhin auf Englisch gesehen, aber, ehrlich gesagt, nicht alle Gags verstanden.
Ich habe auch nicht alle verstanden. Und ich spiele mit in dem Ding!
Ich finde übrigens, der englische Titel „This is 40“ passt besser als „Immer Ärger mit 40“.
Finde ich auch! Als man mir gesagt hat, dass die Deutschen auf den Plakaten irgendwas mit „Ärger“ lesen, war ich nicht begeistert. Das ist mir zu negativ. Der Original-Titel verurteilt diese Lebensphase nicht, er ist schön lakonisch. Ich mag die Zweideutigkeit.
Wie fühlt sich das Leben über 40 für Sie an?
Ganz gemischt. Irgendwie gut, irgendwie auch nicht. Das Leben hat eben beide Seiten ...
*Gähn.* Entschuldigen Sie vielmals, ich ...
Nein, ich sehe, ich muss mir mehr Mühe geben. Also ich mag es, über 40 zu sein. Du bist nicht so gestresst und neurotisch, kennst dich selbst besser und weißt, was du dir zutrauen kannst.
Eben klang es, als wären Sie nicht ganz zufrieden.
Ich vermisse meine Unbeschwertheit von früher. Diesen Optimismus, die Aufregung und Begeisterung über neue Erlebnisse. Man ist ab 40 so furchtbar abgeklärt.
Wie könnte man sich auf die Jahre ab 40 seelisch einstellen?
Ich bin keine Autorität auf dem Gebiet. Wenn ich jetzt ehrlich antworte, fangen Sie wieder an zu gähnen, weil es solche Kalendersprüche sind: Leben Sie jeden Tag neu, genießen Sie die kleinen Dinge, Sie wissen schon.
Wie haben Sie Ihren 40. Geburtstag gefeiert?
Ich war total benebelt. Ich habe diesen Tag wie durch einen Schleier erlebt.
Also haben Sie wild gefeiert?
Nein, im Gegenteil: Kurze Zeit vorher war mein Vater an Krebs gestorben. Da spielte mein Geburtstag keine Rolle mehr. Für mich war es, als hätte jemand die Welt aus den Angeln gehoben.
Weil Sie wussten, jetzt gibt es keinen mehr, zu dem ich mich flüchten kann, wenn ich Mist baue?
Genau, plötzlich fehlte das Sicherheitsnetz. Und ausgerechnet in der Zeit wurde mein Sohn geboren. Ich war so unendlich traurig, weil ich wusste: Mein Vater wird meinen Sohn nie sehen. Und mein Sohn wird nie seinen Opa kennen.
Stille. Wir sitzen betreten da und denken über Paul Rudds Vater nach.
Na super, jetzt habe ich ganz offiziell die Stimmung gekillt. Sie denken sicher: „Was für ein Trauerkloß. Ich dachte, der ist lustig!“
Ich stelle Sie mir jetzt einfach vor mit diesem dicken Siebziger-Jahre-Schnurrbart, den Sie in der Kult-Komödie „Anchorman“ hatten.
Ha, da sagen Sie was! Bald lasse ich mir den Bart wieder wachsen, denn in ein paar Wochen filmen wir die Fortsetzung. Ich kann es kaum erwarten, wieder schön schlimm auszusehen, mit langen Koteletten und Schlaghosen. Bereit für die Ladys!
Unsere Stimmung passte aber auch zur Temperatur von „This is 40“. Der Film ist nur als Komödie verkleidet, eigentlich zeigt er die Liebe ab 40 als ernste Sache.
Es ist ein ehrlicher Film. Ab einem bestimmten Alter lodert das Feuer nicht mehr so heftig in der Ehe. Da kommt man schnell auf die Idee, der Partner sei schuld. Dabei liegt es genauso an dir selbst. Das geht jedem so.
Na ja, ein Filmstar kann seine Ehe vielleicht leichter aufpeppen als Otto Normal.
Ach, das ist doch alles relativ. Meine Frau und ich sind seit 18 Jahren zusammen, ich muss genauso um sie werben wie der Typ an der Tankstelle um seine Frau. Wir haben auch keine Dienstboten, Julie kümmert sich um alles. Ich bin heilfroh, dass sie mein chaotisches Leben teilt.
In Deutschland wird oft diskutiert, ob sich jüngere Männer vor dem Erwachsenwerden drücken.
Das ist ein weltweites Phänomen. Bei uns in Amerika findet man in Großstädten kaum mehr Leute, die schon mit Mitte 20 heiraten und Kinder kriegen. Ich habe da als Schuldige eher die Männer als die Frauen im Verdacht.
Aber man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, oder?
Manche Männer sollte man vielleicht beiseite nehmen und ein bisschen schütteln. Es können ja nicht alle zu erwachsenen Kindern mutieren. Andererseits ist es ein großes Geschenk, dass wir heutzutage auf unseren Bauch hören dürfen und niemand uns in Verhaltensmuster presst. Wie sollte man jemanden auch zwingen, eine Familie zu gründen, wenn er lieber in einer Band oder mit dem Handy spielt?
Woran liegt es, dass viele nicht erwachsen werden wollen?
Ich glaube, uns fehlen die Rituale dafür. Es gibt keinen offiziellen Punkt, ab dem Sie erwachsen sind.
Sie meinen, man muss keinen Bär mehr töten?
Genau, vor 1000 Jahren hieß es: Geh, mein Sohn, töte den Bär, und kehre als Mann zurück! Oder man setzte sich drei Tage in die Wüste und kaute Kaktusblätter, bis man halluzinierte. Danach kehrst du zurück ins Dorf, und der ganze Stamm schaut Dich ganz anders an. Du bist jetzt einer von den Großen. Nicht, dass ich jetzt gerne noch Bären töten würde. Aber uns fehlt definitiv ein Ritual.
Viele Stars im Humor-Geschäft profitieren von körperlichen Defiziten: Übergewicht, Haarausfall, Sehschwächen oder Augenbrauen, die sich mit dem Haaransatz vermählen. Nicht Paul Rudd. In „Immer Ärger mit 40“ (Start: 14. März) faucht ihn eine Frau an: „Du und deine Frau, ihr seht aus wie eine verdammte Bank-Reklame.“ Dafür kann Rudd, 43, verheiratet, zwei Kinder, alles spielen: den Macho-Aufreißer („Anchorman“) wie den netten Boyfriend („Clueless“, „Trauzeuge gesucht“) oder den Kiffer-Chaoten („Our idiot brother“, „Nie wieder Sex mit der Ex“). Einen wie ihn nennen die Amerikaner „That guy“: ein Schauspieler, dessen Namen keiner kennt, der aber überall mitspielt. Ohne den der Film halb so gut wäre.
Liberalismus und Rituale stehen sich gegenseitig im Wege! Entweder oder!
Fritz Garbor (Staffelberg2)
- 15.03.2013, 13:21 Uhr
Die Männen wissen warum !
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 14.03.2013, 09:52 Uhr