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Veröffentlicht: 16.06.2015, 07:31 Uhr

Paartherapeut Ulrich Clement „Sex, der nur Spaß ist, bleibt flach“

Der Paartherapeut Ulrich Clement über die Autonomie der Frauen, die Müdigkeit der Männer, über Erotik und Authentizität - und den sexuellen Fingerabdruck.

von
© Picture-Alliance In einer medial überreichen, postmodernen Welt, ist Auswahlkompetenz entscheidend: Die eigene Authentizität ist der Orientierungspunkt.

Herr Clement, in Ihrem neuen Buch erfahre ich praktisch gar nichts über Sex. Es enthält 200 Fragen, die ich mir selbst beantworten muss. Warum?

Julia Schaaf Folgen:

Das Buch dreht die Verhältnisse um. Normalerweise stellt der Laie Fragen, der Experte gibt Antworten. Das ist alte Schule, da weiß der Experte es besser. Aber viele Fragen in der Sexualität sind nicht eindeutig, sondern nur höchstpersönlich zu beantworten. Die höchste Instanz ist die Person selbst.

Wissen wir zu wenig über unsere höchstpersönliche Sexualität?

Auch das können nur Sie selbst beurteilen. Es geht ja nicht um objektives, sondern um subjektives Wissen, um die Frage: Wer bin ich als sexuelle Person, als Mann oder als Frau?

Was gewinne ich, wenn ich mir darüber klarwerde, mit wem ich den besten Sex meines Lebens hatte, was mir an der Erotik meines Partners fremd ist oder ob ich Analsex mag?

Wenn Sie selbst keine Fragen haben und nicht neugierig sind, werden Sie mit dem Buch nichts anfangen können. Aber wenn Sie das Gefühl haben, ihr Erlebnispotential ist noch nicht ausgeschöpft, wenn Sie damit hadern, etwas versäumt zu haben, und sich noch nicht am Ende Ihres sexuellen Lebens sehen, dann kommt das Buch ganz gut. Sie suchen sich Fragen aus, die Sie reizen oder inspirieren. Vielleicht sind das nur zehn von 200. Das ist ja kein Verhör.

Und was, wenn ich auf diese Weise feststelle, dass ich den besten Sex meines Lebens leider nicht mit dem Partner hatte, mit dem ich seit Jahren verheiratet bin?

Dann sind Sie in der interessanten Situation, dass Antworten nicht immer Freude bereiten. Das ist das Risiko. Es ist kein Spaßmacher-Buch. Ob Sie es dem Partner auf die Nase binden wollen, bleibt ja trotzdem Ihre Entscheidung.

Was würden Sie denn als Sexualtherapeut sagen: Wie ist es um das Sexleben der Deutschen bestellt?

Wir leben in einer Zeit, in der wir mehr angeboten kriegen, als wir realisieren können oder wollen. Das war vor 50 Jahren noch anders. Da wollten wir viel und durften wenig. Heute dürfen wir viel und kommen mit dem Wollen gar nicht hinterher.

Internetpornos, Tinder, „Shades of Grey“. . .

In einer medial überreichen, postmodernen Welt, wo einem keiner mehr sagt, was richtig ist, ist Auswahlkompetenz entscheidend: die Kunst, das zu wählen und mich mit dem zu beschäftigen, was zu mir passt, was für mich stimmt. Die eigene Authentizität ist der Orientierungspunkt.

Wird Sex in unserer Gesellschaft eher über- oder unterbewertet?

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Paradoxerweise beides. Überbewertet werden die damit verbundenen Versprechen. Der Sollwert wird sehr hoch gefahren, was Sexualität alles hergeben soll an Leidenschaft, Besonderheit und Lebenserfüllung. Das wird so strapaziert, dass man das Gefühl hat, man kommt mit dem eigenen Erleben nicht hinterher. Unterbewertet ist, dass es oft nur um Geschlechtsverkehr geht. Man unterschätzt die persönlichen Bedeutungen, die das haben kann. Wenn ich es mal pathetisch ausdrücke, ist Sexualität ein Tor zum Leben. Eine Möglichkeit, mich und meine Lebendigkeit zu erfahren und mich als Person reicher zu machen. Die Begrenzung auf körperlichen Vollzug wäre banal.

Wie groß sind der Leistungs- und Perfektionsdruck im Bett heutzutage?

So groß, wie man ihn zulässt.

Als Frau muss ich heute nicht nur im Beruf erfolgreich sein, wohlgeratene Kinder großziehen und zum Yoga gehen, um fit zu bleiben. Ich muss auch ein phantastisches Sexualleben vorweisen und im Bett aktiv und experimentierfreudig sein. Das ist doch Stress, Selbstoptimierung im Schlafzimmer!

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