Herr Waalkes, in Interviews mit Ihnen scheint inzwischen die Frage zum Standard zu gehören, wann Sie endlich aufhören möchten. Wollen wir das gleich am Anfang klären oder lieber zum Ende?
Da mische ich mich nicht ein, machen Sie es so, wie Sie es für richtig halten. Wenn Sie meinen, diese Frage als erste stellen zu müssen, bin ich bereit, darauf als Erstes zu antworten. Womöglich verkürzt das unser Gespräch.
Dann heben wir’s uns doch besser für den Schluss auf. Der neue „Ice Age“-Film, in dem Sie wieder das Faultier Sid sprechen, trägt den Untertitel „Voll verschoben“. Das finde ich riskant: Man könnte meinen, der Film laufe noch gar nicht.
Hab’ ich auch den Eindruck gehabt, als ich das zum ersten Mal gehört habe: Irreführend. Aber „Continental Drift“, wie es im Original heißt, ist vielleicht zu geowissenschaftlich. „Ice Age: Voll verschoben“. Wer, das Publikum?
Sid ist für Sie ja eine schöne Altersrolle. Hat Sid mehr von Otto profitiert oder Otto mehr von Sid?
Anfänglich hat das Faultier mehr von Otto profitiert. Ich hatte ihm für den ersten Film diese Zumsel-Zutzel-Stimme verliehen, und meine feuchte Aussprache ist in Deutschland sehr gut angekommen. Das hat die Amerikaner so neugierig gemacht, dass sie mich eingeflogen haben. Und dann haben sie anderen Synchronsprechern empfohlen: So klingt Sid.
Der Chefanimator Nick Bruno beschreibt Sid als unschuldigen Wohltäter, der stets versucht, das Richtige zu tun. Sehen Sie Parallelen?
Stimmt! Ja, und dieser naive Zweckoptimismus ist sympathisch.
Ich habe gelesen, die Figur habe 2,4 Millionen Haare...
Da habe ich ein paar weniger. Dafür habe ich mehr Werbefläche (zeigt auf seine hohe Stirn): 20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung.
Ihnen wird oft vorgehalten, Sie wollten nicht erwachsen werden.
Vielleicht beneidet man mich darum. Warum sollte ich das wollen? Und vor allem, wie denn? In meinem Beruf sind erwachsene Vorbilder rar. Also: Was soll ich als Erwachsener machen? Eine Familie gründen, Kinder kriegen? Hab’ ich schon. Oder gleich in Rente gehen? Krieg’ ich ja nicht. Nein, ich sehe keine Notwendigkeit, erwachsen zu werden. Noch nicht.
Aber ist der Vorwurf nicht seltsam, wenn die Gesellschaft als Ganzes immer kindlicher wirkt? Die Leute tragen mit vierzig die gleichen Klamotten wie Zwanzigjährige, sie lesen Fantasy-Romane...
Das hat sich tatsächlich voll verschoben. Und ich finde, das ist doch eine nette Entwicklung: Make fun, not war! Die ganze Gesellschaft wird immer verspielter, i-Phones, i-Pads, Twitter oder Facebook. Das sind ja sehr kindgerechte Kommunikationsmittel.
Ist Ihnen am Anfang Ihrer Karriere bewusst gewesen, welch enorme Wirkung Sie auf Kinder hatten?
Ich habe das nie bewusst forciert. Vorgestern habe ich die Wirkung wieder gespürt, in Berlin, da kamen zwei kleine Kinder, die sind praktisch den ganzen Abend bei mir geblieben. Ich weiß nicht, ist es vielleicht das harlekineske Profil? Ich kann es mir nicht erklären. Und ich mache das jetzt schon vierzig Jahre, und immer noch kommen alle Altersstufen in meine Konzerte, Kinder, Jugendliche, Familien.
Sie haben eine narrative Kultur befördert, wie man sie kaum noch kennt: Als Kind lernte man Ihre Platten auswendig und erzählte sie auf dem Pausenhof weiter.
Das lag an dem guten Material. Ich habe mit guten Autoren wie Robert Gernhardt, Peter Knorr und Bernd Eilert zusammengearbeitet; die machten schöne, reiche Reime: „Angeklagter, Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Mast gesägt...“ - das sind Verse für die Ewigkeit. Gernhardt, Eilert und Knorr waren Vertreter der Hochkomik. Durch meine Interpretation wurde ihr elitärer Nonsens plötzlich Mainstream.
Sind Sie eher Interpret oder Autor?
Ich bin Mit-Autor - und Allein-Interpret. Ich interpretiere nichts, worüber ich nicht lachen kann oder worauf ich keinen Einfluss genommen habe.
Ihre Meinung zur Piratenpartei?
Die Filmpiraten in „Ice Age“ sind mir lieber. Ich bin aber kein Urheberrechtsexperte und habe zu einer Zeit angefangen, als man mehr als lax mit dem Eigentumsbegriff umgegangen ist, mit dem geistigen sowieso.
So ist ja Ihre Kooperation mit Gernhardt entstanden: Sie haben ohne Genehmigung einen Text von ihm auf der Bühne vorgetragen, worauf er sich bei Ihnen meldete.
Ja, in dem Sinne war ich eigentlich ein früher Pirat. Gefahren sehe ich heute natürlich darin, dass der Zugriff so vereinfacht ist. Das mindert das Unrechtsbewusstsein und kann den unschönen Nebeneffekt haben, dass Talente nicht mehr gefördert werden. Mir wird ja gern vorgeworfen: Du machst nur Blödsinn. Das stimmt, aber Nonsens ist kein reiner Schwachsinn, es ist ein verweigerter Sinn. Der Betrachter wird in ein scheinbar stabiles Sinngebäude gelockt - und dann lassen wir ihn voll gegen die Wand laufen. Das kostet schon eine gewisse Mühe.
Ihre stärkste Wirkung hatten Sie in den Siebzigern, als die Gesellschaft noch spießiger war.
Na, so spießig war sie nicht, dafür sorgte schon die Apo. Aber ich komme aus der Nachkriegsgeneration, wo Eltern eine ernsthafte Versorgungsgemeinschaft bildeten; da war es natürlich leichter, ein paar Tabus zu brechen. Dazu kam: Zu der Zeit gab es nur zwei Sender, wenn du im Fernsehen warst, dann wurdest du automatisch Mainstream, massenwirksam. Ich hatte eine Show pro Jahr, heute undenkbar; jetzt gibt’s nur Serienproduktion. Dadurch wurde es mir leichter, Spuren zu hinterlassen. Heute haben es die Comedians in dem Sinne leichter, als ihnen schneller ein Forum geboten wird.
Wird unser Land nicht wieder humorloser? Harald Schmidt hat es ins Pay-TV verschlagen...
Das hat nichts mit dem Humorbewusstsein der Deutschen zu tun. Harald Schmidt ist sehr stark, wenn er genau das macht, was ihn privat amüsiert. Das passt offenbar nicht ins Sat.1-Gefüge.
Bully Herbig lockt auch nicht mehr die Massen ins Kino...
Bully Herbig wird die Massen ins Kino locken, wenn er wieder eigene Projekte realisiert. Jetzt lässt er die „Bullyparade“ neu aufleben, ich verspreche mir viel davon. Und wenn du siehst, dass Komiker wie Mario Barth und Bülent Ceylan ganze Stadien füllen, spricht das nicht gerade dafür, dass wir humorloser werden. Sonst wär’ ich ja auch schon lang nicht mehr da. Ich meine, was mache ich denn? Ich spiele ein bisschen Gitarre, mache Hollerehidi, das braucht kein Mensch - aber vielen macht es Spaß.
Sie nennen sich harmoniesüchtig. Tatsächlich haben Sie mit Ihren Späßen nie jemanden verletzt.
Na, doch schon, meine Eltern waren oft sehr verletzt, wenn ich Predigten parodiert habe, oder durch andere Ketzereien. Meine Mutter war streng gläubig. Aber ich bin natürlich kein aggressiver Kabarettist, ich bin ein Vertreter der seichten Muse.
Sie sind auch Boulevardmedien gegenüber immer offen und freundlich...
Allen Medien gegenüber! Selbst wenn sie mich angreifen wollen, machen sie nur ihren Job - der „Stern“ hat zum Beispiel ein sehr böses, verletzendes Interview mit mir machen wollen ...
Mit der zentralen Frage, zu der wir am Ende kommen...
Genau. Das stört mich nicht, das weckt nur meine notorische Gefallsucht, und ich versuche alles, um sie davon zu überzeugen, dass der mitschwingende Vorwurf nicht ganz berechtigt ist.
Sie haben sich von der „Bild“-Zeitung sogar ein Treffen mit der Frau arrangieren lassen, die Sie einst entjungfert hatte.
Wer ein Archivbild von mir auftreibt wie das mit der ersten Freundin, halbnackt in einer Art Kommune, den unterstütze ich gern. Ich begrüße diese Form der Initiative: Sie haben diese Freundin extra eingeflogen, ein unverhofftes Wiedersehen, herrlich!
Sie sprechen auch offen darüber, dass Ihre Ehe zerbrochen ist.
Die vorletzte vielleicht. Die Ehe mit Eva ist nicht zerbrochen, die ist nur gemeinsam vorzeitig beendet worden. Irgendwie bin ich wohl nicht ehetauglich, ich weiß es nicht. Wir waren lange zusammen. Wir haben uns so wenig gesehen schon durch unsere Jobs, sie ist auch Schauspielerin, und wir waren oft unterwegs.
In „Bunte“ sprach nach dem Aus Ihrer Ehe eine Psychologin von berühmten Männern, deren Selbstvertrauen gering ausgeprägt sei, weil sie abhängig seien von der Bewunderung durch die Frauen.
Es geht mir nicht um die Bewunderung durch Frauen - es geht allgemein um Bewunderung. Das ist meine notorische Gefallsucht: Ich brauche diese Bestätigung, von klein auf.
Woher kommt Ihr sonniges Gemüt, die ungetrübte Lebensfreude?
Na ja, ich mache sehr viel Musik. Wenn ich Anfälle von Depression hätte, dann würde ich sie mit der Gitarre übertönen. Wenn ich die Gitarre morgens am Bett habe, dann stehe ich auf, schnapp’ sie mir, denk’ mir ein paar hübsche Läufe aus, schon geht die Sonne auf. Oder ich sehe bei Youtube einen guten Gitarristen und denke, das werd ich niemals können, und dann setz’ ich mich hin und übe das, und auf einmal kriege ich das auch hin. Diese Erleichterung ist unglaublich wichtig. Und gesund!
Spielen wir ein wenig „Entweder - oder“. Lennon oder McCartney?
Beide. Etwas mehr Lennon. Von der Musikalität und vom Gesang her McCartney, aber als Solist war Lennon für mich schon wichtiger.
Lindenberg oder Westernhagen? Beides alte WG-Kumpel von Ihnen.
Eben. (flüstert) Westernhagen. (laut) Lindenberg! Nun hab ich mich im Gestrüpp Ihrer Fangfragen verheddert! Wollen Sie mir eine alte Freundschaft zerstören? Nein, beide haben die deutsche Popmusik geprägt. Und außerdem machen sie mir Mut: Solange Marius und Udo noch unterwegs sind, darf ich vielleicht weitermachen.
„Tatort“ oder amerikanische Serien?
Eher amerikanische Serien. Aber keine Soaps, sondern Comedy. „Tatort“-Fan bin ich nie gewesen, auch wenn mir mal eine Rolle als Kommissar angeboten wurde.
Aber wäre genau das nicht endlich jene altersgemäße ernste Rolle, mit der Sie das Feuilleton doch noch mit sich versöhnen könnten?
Ich wäre jederzeit bereit. Aber meine Version des Ermittlers hat man nicht akzeptiert. Ich rutsche immer wieder in meinen Tonfall rein: „Herr Kommissar, der Angeklagte hat gestanden. - Gestanden, etwa die ganze Zeit? Und Sie haben ihm keinen Platz angeboten?“ Das erwartet man von mir. Wenn die beim „Tatort“ damit kein Problem mehr haben - dann mach’ ich das.
Stattdessen dürfen wir nun Til Schweiger als Kommissar sehen.
Mal sehen, ob er damit das Feuilleton versöhnen kann.
Sparbuch oder Aktien?
Keins von beiden. Direkter Geldkreislauf: Wie gewonnen, so zerronnen.
Haben Sie Angst vor Einsamkeit?
Nicht, solange ich meine Gitarre dabeihabe. Gitarrespielen, das ist meine Form der Meditation. Die Leere im Kopf füllt sich ganz nebenbei mit ungeahnten Gedanken.
Gitarre oder Gesang?
Gesang auch. Aber wenn wir entscheiden müssen, Gitarre. (Pause) Und Gesang.
Wir müssten nun noch eine letzte Frage klären.
Wann ich aufhören möchte? Ja, aber habe ich denn überhaupt schon angefangen? Ich hab’ doch noch nichts erreicht. Noch immer gibt es Menschen, die mich nicht komisch finden. Die muss ich unbedingt noch erreichen. Und wenn es das Letzte ist, was ich mache!
Die Fragen stellte Jörg Thomann.
Nicht allzu erwachsen sein
Matthias Jehn (statement)
- 08.07.2012, 20:21 Uhr
Bullshit
thomas ackermann (chefmixer)
- 08.07.2012, 10:51 Uhr