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Oscars Dankesreden Nur noch 45 Sekunden

06.03.2010 ·  Kein Dank mehr an Opa Buster: Die Oscar-Akademie hat die Redezeit der Preisträger drastisch beschnitten. So sinkt die Chance auf denkwürdige Worte und Entgleisungen. Dabei waren die Reden bisheriger Preisträger so schön - oder wenigstens schön peinlich.

Von Christiane Heil
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Der Gang über den berühmtesten roten Teppich der Welt wird manchen Hollywood-Stars heute Abend erheblich schwerer fallen. Dass die Filmakademie von Los Angeles als Veranstalter der 82. Oscar-Verleihung angekündigt hat, die Dankesreden der Preisträger künftig gnadenlos nach 45 Sekunden zu unterbrechen, bringt viele Nominierte in die Bredouille. Eine Dreiviertelminute ist nämlich verdammt kurz, um das Gefühl in Worte zu fassen, die goldene Trophäe in der Hand zu halten und auf der Bühne des „Kodak Theatre“ vor einer Milliarde Fernsehzuschauern aufzutreten.

„Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich diese Rede schon tausend Mal gehalten habe“, schluchzte Kate Winslet im vergangenen Jahr, als sie für ihre Rolle in „Der Vorleser“ ausgezeichnet wurde. „Ich war etwa acht Jahre alt und starrte in den Badezimmerspiegel, in der Hand eine Shampooflasche statt der Statue hier.“

Nicht immer eine erfreuliche Erfahrung

Die acceptance speeches bei den Academy Awards zählen zu den spontaneren Auftritten der meist durch Horden von PR-Agenten und Managern abgeschirmten Stars und bieten Augenblicke hoffnungsloser Selbstbeweihräucherung („Titanic“-Regisseur James Cameron), peinlicher Entblößungen („Durchgeknallt“-Darstellerin Angelina Jolie) oder politischer Attacken (Dokumentarfilmer Michael Moore). In der makellos-sterilen Kultur Hollywoods erhellen sie schlaglichtartig die Persönlichkeit des Prominenten.

Dass das nicht unbedingt eine erfreuliche Erfahrung sein muss, zeigen alle Jahre wieder verbale Entgleisungen wie die der „Shakespeare in Love“-Darstellerin Gwyneth Paltrow. Nach endlosen Dankeschöns an Mutter, Vater, einen toten Cousin und frühere Freunde folgte eine Ode an Großvater Buster. „Opa, ich will, dass du weißt, dass du eine schöne Familie gegründet hast, die dich liebt und die sich liebt, und wir danken dir dafür“, stammelte eine völlig überforderte „Gwyni“.

Große Emotionen in 45 Sekunden

Viele von Paltrows Kollegen hätten sich damals vermutlich die sogenannte thank you camera herbeigesehnt, die bei der Oscar-Zeremonie in diesem Jahr erstmals läuft. Vor der Kamera dürfen die Preisträger heute Abend zwar ungehemmt und vor allem minutenlang ihrer Mutter, ihrem Agenten plus Gott und der Welt danken, müssen dabei aber auf das Saalpublikum und Fernsehzuschauer in allen Teilen der Welt verzichten. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat die Dankeskamera nämlich hinter die Kulissen verbannt und die typische Oscar-Rede dadurch zum besseren Heimvideo degradiert, das später auf der Homepage der Akademie zu bestaunen sein wird.

Die echte acceptance speech, die live auf der Bühne gehalten wird, darf eben maximal 45 Sekunden dauern. Auch wie diese zu füllen sind, hat der Organisator des Filmspektakels mit dem vielsagenden Namen Bill Mechanic in gewohnter Hollywood-Manier genau geplant.

„Die Preisträger sollen erklären, was die Trophäe für sie persönlich bedeutet“, ließ der Oscar-Produzent die Nominierten bereits vor ein paar Wochen wissen. Und hat damit vermutlich halb Hollywood ins Grübeln gestürzt.

Die politische Rede hat Tradition

Dabei haben gerade die spontanen Gefühlsausbrüche die denkwürdigsten Momente bei den durchorchestrierten Zeremonien produziert. „Danke, danke, ihr kommunistischen, schwulenliebenden Haudegen“, überschlug sich im vergangenen Jahr Sean Penn nach seinem Oscar für die Rolle als homosexueller Politiker Harvey Milk.

„Denen, die vorhin die Zeichen des Hasses gesehen haben, als wir in unseren Wagen vorgefahren sind, möchte ich sagen, dass dies für alle, die gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt haben, ein prima Anlass ist, noch mal ein bisschen nachzudenken.“

Penns Hinweis auf die kalifornische Debatte über die Schwulenehe setzte die jahrzehntealte Tradition fort, in der Oscar-Rede nicht nur Förderern und Wegbegleitern zu danken, sondern den Augenblick für ein politisches Statement zu nutzen. Als Sidney Poitier von seiner Schauspielkollegin Anne Bancroft als erster schwarzer Hauptdarsteller einen Oscar für „Lilies of the Field“ entgegennahm, erinnerte er verhalten an „die lange Reise“ der Afroamerikaner zu Gleichheit und Bürgerrechten.

Brando lehnte spektakulär ab

Während Poitiers demütige Sätze im Jahr 1964 für betretenes Schweigen im Publikum sorgten, führte die Dankesrede des „Bowling for Columbine“-Regisseurs Michael Moore 39 Jahre später zu tumultartigen Szenen. „Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush“, schrie Moore wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak. „Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schämen Sie sich!“

Ähnlich spektakulär war der Auftritt der Apachin Sacheen Littlefeather im Indianerkostüm anstelle Marlon Brandos bei den 45. Academy Awards. Brando schickte sie auf die Bühne, um eine von ihm verfasste Rede gegen die Diskriminierung der Indianer zu verlesen; nachdem die Filmakademie der früheren „Miss American Vampire“ zu verstehen gegeben hatte, sie zur Not auch mit Gewalt von der Bühne zu tragen, beschränkte sich Littlefeather auf ein paar knappe Worte. Nach dem Intermezzo beschloss die Academy wenig überraschend, Vertreter bei Oscar-Reden künftig auszuschließen.

Akzent wirkt immer nett

Während politische Proklamationen bei der Oscar-Zeremonie das Potential für eine Bauchlandung bergen, stoßen fremdländische Akzente selbst bei holprigem Englisch meist auf Begeisterung. „Thank you life, thank you love“, rief Marion Cotillard mit charmanter französischer Färbung nach ihrem Oscar für „La Vie en Rose“ und sprach mit „Es ist wahr, es ist einige Engel in dieser Stadt“ den vielleicht schönsten Satz der 80. Academy Awards.

Ihr italienischer Kollege Roberto Benigni, im Jahr 1999 für die Tragikomödie „Das Leben ist schön“ mit gleich zwei Oscars ausgezeichnet, begeisterte die Filmakademie mit schrägem Italo-Englisch. Bis heute fragt man sich in Los Angeles, was Benigni in seiner Dankesrede eigentlich ausdrücken wollte, als er radebrechte: „Das muss ein fürchterlicher Irrtum sein. Ich habe schon mein Englisch verloren.“

Der Wirkung der acceptance speech des Berliners Jochen Alexander Freydank tat der Akzent dagegen keinen Abbruch. „Das ist ein fast surrealer Moment für mich, weil ich in Ostdeutschland aufgewachsen bin, also hinter der Mauer“, meinte der Regisseur, als er 2009 seinen Oscar für den Kurzfilm „Spielzeugland“ entgegennahm.

Erotische Details für die betagte Academy

Mit am stärksten prägen sich jedoch die peinlichen Dankesreden ein. Und da James Cameron jetzt mit dem Science-Fiction-Abenteuer „Avatar“ gleich mehrfach nominiert ist, reibt man sich in Hollywood schon seit Wochen die Hände.

Der Star-Regisseur mit dem Ruf des Extrem-Selbstdarstellers darf bereits auf einen Aussetzer bei den 70. Academy Awards zurückblicken. Nach einer sonoren, wenn auch langen Rede riss der für seine „Titanic“-Regie ausgezeichnete Cameron unvermittelt die Arme hoch und brüllte: „Ich bin der König der Welt!“

Die Silbermedaille in der Disziplin „Haarige Dankesreden“ gebührt der Angelina Jolie aus Pre-Brad-Tagen. Bevor sie als Hollywoods Übermutter Karriere machte, schockierte sie betagte Mitglieder der Filmakademie auf der Bühne mit Details aus ihrem Erotikleben. „Ich bin gerade so in meinen Bruder verliebt“, verkündete die „Durchgeknallt“-Darstellerin und gab Hollywood damit noch lange nach der Oscar-Nacht etwas zu tuscheln.

Arrogante Roberts

Um acceptance speeches mit allzu viel Zeit für peinliche Ausschweifungen zu vermeiden, warteten die Organisatoren im folgenden Jahr mit einer revolutionären Idee auf: Sie versprachen dem Preisträger mit der kürzesten Rede einen überdimensionalen Flachbildschirm.

Bei Julia Roberts, die im Jahr 2001 mit einem Oscar für ihre Rolle als „Erin Brockovich“ geehrt wurde, schien das Versprechen jedoch eine gegenteilige Wirkung zu haben. Schon in den ersten Sätzen ihrer Dankesrede wies Roberts den Dirigenten des Orchesters an, sich mit seinem stick gefälligst zu setzen, um ihr genügend Zeit zu geben. Sie spielte damit auf die Gewohnheit der Veranstalter an, redselige Oscar-Gewinner mit Musik von der Bühne zu vertreiben.

Was von Roberts vermutlich als Spaß gemeint war, legten ihr Filmakademie, Publikum und der von ihr zurechtgewiesene stick man als Arroganz aus. Noch mehr stieß den Zuschauern jedoch auf, dass die Schauspielerin es auch in vier Minuten nicht schaffte, die echte Erin Brockovich, die einen der größten Umweltskandale der Vereinigten Staaten aufgedeckt hatte, überhaupt zu erwähnen.

Der Gangster hielt sich kurz

Roberts hätte sich ein Beipiel an Joe Pesci nehmen können, der mit seinem Oscar als bester Nebendarsteller in „Goodfellas“ und einem knappen „Es war mir eine Ehre, danke“ nach Sekunden wieder von der Bühne abging.

Auf welche Weise Zeremonienmeister Mechanic heute Abend unkooperative Dauerredner nach 45 Sekunden zum Schweigen bringen will, hat er bislang nicht genau verraten. Wie er den Nominierten schon vor ein paar Wochen erklärte, kommen jedoch drei Varianten in Frage: der bewährte Musikeinsatz, ein plötzlich totes Mikrofon – oder Mechanics persönlicher Favorit: eine Art Falltür auf der Bühne des Kodak Theatre.

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