http://www.faz.net/-gum-770rz

Offizier Petrow im Gespräch : „Der rote Knopf hat nie funktioniert“

  • Aktualisiert am

Mit Besonnenheit und Logik verhinderte Stanislaw Petrow den Atomkrieg Bild: Garbe

Am 25. September 1983 meldete das sowjetische Raketenfrühwarnsystem den Abschuss einer amerikanischen Atomrakete. Der damals diensthabende Offizier Stanislaw Petrow entschied, nichts zu tun - und rettete damit die Zivilisation.

          Herr Petrow, 1983 standen Sie für einen Augenblick im Zentrum des Weltgeschehens. Wie lebten und arbeiteten Sie damals?

          Ich arbeitete in einem Militärstädtchen, das wie eine normale Stadt funktionierte. Wir hatten Wohnungen, Schulen, Läden und lebten unter sehr annehmlichen Bedingungen, durften aber niemandem erzählen, was wir taten. Alles war streng geheim, wir waren gut getarnt. An der Bushaltestelle stand: „Zentrum für die Beobachtung von Himmelskörpern“.

          Das war im weitesten Sinne auch Ihre Aufgabe.

          Unser Auftrag war es, die Bereiche der Vereinigten Staaten zu beobachten, aus denen uns militärische Flugkörper erreichen konnten. Ich bin Ingenieur und habe mit einer Gruppe von Mathematikern das System dafür mit entwickelt. Unsere militärische und politische Führung nahm die Vereinigten Staaten als Quelle möglicher Aggression sehr ernst, schon wegen der wirtschaftlichen Möglichkeiten Amerikas. Wenn heute gesagt wird, dass die Sowjetunionen aggressive Absichten hegte, sage ich Ihnen: Das stimmt nicht. Wir haben das nur getan, um uns zu schützen.

          Was machte die Lage im Jahr 1983 so gefährlich?

          Die Situation war schon das ganze Jahr über angespannt. Der damalige Präsident Ronald Reagan hatte uns als „Reich des Bösen“ beschimpft. Dann stationierten die Amerikaner in Westeuropa Pershing-II-Raketen, die auf Moskau zielten, im Gegenzug haben wir unsere Raketen in den „Volksdemokratien“ Osteuropas aufgebaut.

          Und dann schoss die Sowjetunion am 1. September 1983 eine koreanische Passagiermaschine mit 269 Menschen an Bord vor der Küste der Insel Sachalin ab.

          Ich kann mich daran gut erinnern. Wir haben die internationale Lage aufmerksam beobachtet. In unseren Tagesbefehlen wurde auf die außerordentliche Situation hingewiesen. Wir sollten besonders wachsam sein, da jeder Fehler zu unabsehbaren Folgen führen könnte.

          Und was war los am 25. September?

          Für mich war das ein ganz normaler Dienst, nur dass ich in jener Nacht in Vertretung zum operativ Diensthabenden ernannt wurde. Ich war im Gefechtsführungszentrum sozusagen der Schichtleiter. Wir Spezialisten mussten das ab und an tun, weil unsere militärische Führung lieber die Tagesschichten übernahm.

          Die Atomwaffen blieben am 25. September 1983 dank Stanislaw Petrow in den Silos.
          Die Atomwaffen blieben am 25. September 1983 dank Stanislaw Petrow in den Silos. : Bild: AP

          Wie sah Ihr Arbeitsplatz aus?

          Das Gefechtsführungszentrum war ein zweistöckiges Gebäude. Ich befand mich im oberen Stockwerk in der Kommandeursgruppe mit Sichtkontakt in den ersten Stock, wo die Führungsgruppe saß, etwa 200 Mitarbeiter, darunter Chef-Operateure an den Steuerpulten für die Raketen. Ich saß an einem Steuer- und Informationspult mit dem berüchtigten roten Knopf. Der war allerdings abgedeckt.

          Warum?

          Ehrlich gesagt: Der rote Knopf hat nie funktioniert, er war nirgends angeschlossen. Unsere Militärpsychologen hatten entschieden, dass man einem einzelnen Menschen nicht die Aufgabe übertragen kann, den Krieg gegen ein anderes Land per Knopfdruck zu beginnen. Meine Aufgabe bestand also darin, die Informationen, mit denen mich der Computer versorgte, zu bewerten und weiterzuleiten.

          Was passierte in jener Nacht?

          Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten Buchstaben: „Raketenstart“ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren durcheinander und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.

          Was taten Sie?

          Weitere Themen

          „Ja, wir waren die Ersten“

          Besondere Gravitationswellen : „Ja, wir waren die Ersten“

          Nun ist es offiziell: Zum ersten Mal haben Forscher das Signal einer Gravitationswelle kollidierender Neutronensterne mit traditionellen astronomischen Beobachtungen kombiniert. Eine Sensation, hinter der sich eine faszinierende Entdeckungsgeschichte verbirgt.

          Mindestens 39 Tote bei Waldbränden in Portugal und Spanien Video-Seite öffnen

          Iberische Halbinsel : Mindestens 39 Tote bei Waldbränden in Portugal und Spanien

          Bei den Waldbränden in Spanien und Portugal sind mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen. Besonders verheerend waren die Brände in Portugal. Neben für die Jahreszeit ungewöhnlich hohen Temperaturen und starker Trockenheit wurden die Feuer auch von Ausläufern des an der iberischen Halbinsel vorbeigezogenen Wirbelsturms „Ophelia“ angefacht.

          Topmeldungen

          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl ein neues Regionalparlaments in Katalonien.
          Der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi will es bei den nationalen Wahlen im Frühjahr 2018 noch einmal wissen.

          Mehr Unabhängigkeit : Populistische Übung für Berlusconi

          Italienische Regionen wollen mehr Unabhängigkeit und Berlusconi möchte bei den nationalen Wahlen wieder mitmischen. Dafür nutzt er die beiden Referenden für mehr regionale Autonomie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.