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Homosexualität in der Politik : „Alle Mainzer sind vom anderen Ufer“

„Humor ist wichtig“: An heiterer Gelassenheit fehlt es den Stadtoberhäuptern Sven Gerich (links) und Michael Ebling schon mal nicht. Bild: Frank Röth

Die Oberbürgermeister von Mainz und Wiesbaden sind homosexuell. Im Interview sprechen Michael Ebling und Sven Gerich über derbe Witze, Küsse im Fernsehen und das Glück, kein Profifußballer zu sein.

          Meine Herren, Sie sind beide homosexuell, und wir wollen über Homosexualität sprechen. Vermutlich wäre ich nie darauf gekommen, mit zwei heterosexuellen Oberbürgermeistern über Heterosexualität zu sprechen. Liegt da nicht schon das Problem?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Gerich: Bei mir ist es die zweite Anfrage nach einem Interview zu diesem Thema. Die erste habe ich abgelehnt. Da habe ich gesagt, ich möchte mich dazu nicht äußern, weil es für das, was ich mache, keine Rolle spielt. Als jetzt Ihre Anfrage an uns beide kam, haben wir erst mal herzhaft gelacht. Und dann gesagt: Homosexualität ist eben nach wie vor nicht gesellschaftliche Normalität, und deswegen muss man verstehen, wenn man danach gefragt wird. Und weiter darüber reden. Es wird ja nicht dadurch normaler, dass man dazu schweigt.

          Die britische Organisation „Stonewall“, die gegen die Diskriminierung von Lesben und Schwulen kämpft, hat eine Kampagne für homosexuelle Jugendliche aufgelegt. Der Slogan: „It gets better.“ Sehen Sie das auch so?

          Gerich: Durchaus. Heute hatte ich hier im Rathaus eine siebte Klasse aus einer integrierten Gesamtschule in Wiesbaden. Die sind mit dem Thema völlig entspannt umgegangen. Die haben mich gefragt, ob ich mit meinem Partner zusammenwohne und andere Dinge mehr. Kein Kichern, kein Gackern, obwohl die jungen Menschen alle in der Pubertät sind.

          Ebling: Ich glaube auch, dass es besser geworden ist, wobei ich mich selten auf Schulhöfen aufhalte. Von Gesprächen mit Lehrern weiß ich allerdings, dass „schwul“ als Schimpfwort immer noch ein Thema ist. Alles, was schlecht ist oder blöd, ist irgendwie „schwul“. Das ist nicht schön, und ich will das auch nicht bagatellisieren. Aber es dürfte auch eine Mode sein, die wieder verschwindet. Selbst wir haben früher Schimpfwörter benutzt, die heute nicht politisch korrekt wären. Ich nenne jetzt bewusst keine Beispiele ...

          Würden Sie von Lehrern erwarten, dass sie einschreiten, wenn sie das Wort „schwul“ als Schimpfwort hören? Oder ist das womöglich eine Form von Überaufgeregtheit, die das Ziel, dass Schwulsein als normal wahrgenommen wird, auch ein bisschen konterkariert?

          Ebling: Ein Schimpfwort bleibt ein Schimpfwort, und eine Diskriminierung bleibt eine Diskriminierung. Die treibt mir jetzt nicht den Angstschweiß auf die Stirn, aber von einem Pädagogen würde ich schon erwarten, dass er in einem solchen Fall die Auseinandersetzung sucht. Das gilt aber für Beleidigungen jedweder Art und unabhängig davon, ob sie beim Adressaten als solche ankommen oder nicht. Allerdings sollte die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Einem Jugendlichen, der Hausaufgaben „schwul“ findet, würde ich zubilligen, dass er lernfähig ist. Da braucht es wahrscheinlich nur einen kleinen Anstoß.

          Michael Ebling aus Mainz prüft das Geschirr im Wiesbadener Rathaus.

          Es gibt ein Interview mit Franz Beckenbauer, in dem er von seiner Zeit in New York und seiner Freundschaft mit dem ziemlich homosexuellen Balletttänzer Rudolf Nurejew erzählt. Als sie zusammen in einem Restaurant saßen, habe Rudolf versucht, sich mit seinem, also Beckenbauers Knie zu beschäftigen. Da habe er zu Nurejew gesagt ...

          Ebling: ... lass die Hand bei Dir!

          Genau. Und Beckenbauer weiter: „Ich gehöre einer anderen Fakultät an.“ Ist Beckenbauers Verhalten okay? Oder verbirgt sich dahinter schon eine leichte Diskriminierung, in der Wendung „einer anderen Fakultät angehören“?

          Ebling (zu Gerich): Sagen das auch die Wiesbadener über die Mainzer?

          Gerich: Wir sagen: vom anderen Ufer. Alle Mainzer sind vom anderen Ufer.

          Ebling: Was gibt’s noch? Der hat ’ne andere Feldpostnummer ...

          Gerich: Ich sprech’ immer von der erhöhten Grundtemperatur.

          Ebling: Sie merken schon, wir sehen das eher locker. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass wir in unserem Umfeld nicht permanent Anfeindungen ausgesetzt sind.

          Würden Sie auch über einen Heterosexuellen sagen, der hat eine andere Feldpostnummer?

          Ebling: Das ist eine interessante Frage, ob man sich umgekehrt auch so abgrenzt. „Hete“ gibt es. Aber das wird eher humorvoll verwendet. Humor ist überhaupt wichtig. Wir hatten vor kurzem die Määnzer Fassenacht. Der Sitzungspräsident von „Mainz bleibt Mainz“ beschrieb da in seiner Rolle als Messdiener sein Bild von Vielfalt in der Gesellschaft. Da sagte er sinngemäß, es gibt die Männer mit den Frauen, die Frauen mit den Frauen und die Männer mit den Männern - alles schön. Nur: Muss der Mainzer Oberbürgermeister ausgerechnet den von Wiesbaden küssen?

          Sie spielen darauf an, dass Sie beide sich 2014 bei „Mainz bleibt Mainz“ vor laufender Kamera geküsst haben.

          Ebling: Das ist für mich die Potenz von Normalität: dass man sich nach einem Küsschen unter Männern nicht darüber lustig macht, dass zwei Männer sich geküsst haben, sondern dass es der Mainzer OB ausgerechnet mit dem Wiesbadener gemacht hat.

          War die Aktion geplant?

          Gerich: Nein, das ist aus dem Moment entstanden. Vorausgegangen war der Gag des Büttenredners, wir könnten doch heiraten. Da haben wir, angefeuert durch das Publikum, versucht, das Beste daraus zu machen - und es nicht bereut. Der Sender schien allerdings sanft darauf hingewirkt zu haben. Wir wurden jedenfalls darum gebeten, uns einander gegenüber zu setzen.

          Kamen danach blöde Bemerkungen?

          Ebling: Es gab einen super-edel-korrekten Menschen, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, mit Heterosexuellen würde man solche Späße natürlich nicht machen.

          Sind Sie beide eigentlich der Typ des jeweils anderen?

          Ebling: Ich will es mal so formulieren: Seit wir uns kennen, wissen wir voneinander, dass wir in festen Händen sind. Und da ist es dann - ja, sogar bei uns! - nicht so, dass wir sagen: Komm, wir taxieren mal.

          Gerich: Oder dass wir schauen, wann der Deutsche Städtetag mal eine schöne Reise macht, wo wir ein paar Tage zusammen verbringen können.

          Ebling (an Gerich gerichtet): Dein Hund wär’ mir auch zu klein.

          Welcher Hund?

          Gerich: Ich habe eine französische Bulldogge, er einen Labrador.

          Ebling: Auch die sind sich übrigens noch nicht näher gekommen.

          Wir waren beim Humor. Der ist ja angeblich so wichtig für unser westliches Freiheitsverständnis, Stichwort „Je suis Charlie“. Aber was folgt daraus für unser Thema? Dass es möglich sein muss, über Schwule genauso Witze zu machen wie über Mohammed?

          Gerich: Bei der Religion sehe ich die Grenze schneller überschritten.

          Warum?

          Gerich: Empfinde ich so. Ich bin ein gläubiger Christ, auch wenn ich nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe. Von einer Satire, die sich über Jesus am Kreuz lustig macht, würde ich mich eher getroffen fühlen als von Witzen über sexuelle Identität.

          Ebling: Ich glaube, es gibt nur gute und schlechte Witze. Und wenn jemand mit einem Witz beleidigen will, dann ist der Witz meistens auch nicht gut. Dann würd’ ich sagen: Lass stecken.

          Sie haben den Wunsch geäußert, dass Homosexualität als normal angesehen wird. Diejenigen, die das nicht wollen, argumentieren auch mit der Normalität, indem sie etwa sagen: Menschliche Paarbeziehungen sind auf Fortpflanzung angelegt. Hilft uns der Begriff „Normalität“ an dieser Stelle weiter?

          Gerich: Normal ist, was ist, wie es ist. Es gibt diese schöne Persiflage: „Wann hast Du Dich entschlossen, heterosexuell zu sein?“ Das würde kein Mensch ernsthaft fragen. Und so haben auch wir weder einen Beschluss gefasst, homosexuell zu sein, noch Medikamente zu diesem Zweck genommen.

          Ebling: Zu sagen, Homosexualität ist abnorm, ist der Versuch, Menschen aus dem Menschengeschlecht auszugrenzen. Das ist völlig inakzeptabel.

          Was halten Sie von der These, die gesetzliche Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften mit der Vater-Mutter-Kind-Familie würde dem Aussterben der Gesellschaft Vorschub leisten?

          Gerich: Das ist Unsinn. Für den Fall, dass wir ein Kind adoptieren sollten, heißt das ja nicht, dass der- oder diejenige dann auch homosexuell „wird“. Entweder man ist es, oder man ist es nicht. Das ist keine Frage von Erziehung.

          Sind Sie fürs Adoptionsrecht von Homosexuellen?

          Gerich: Zwei Frauen oder zwei Männer können genauso gut Kinder erziehen wie ein Mann und eine Frau. Aber eben auch genauso schlecht.

          Ebling: Völlig d’accord. Es ist in jedem Fall ein Stück soziale Stabilität, wenn Menschen sich binden, füreinander einstehen. Es gibt zu viele, die das nicht tun. Über die würde ich mir als Gesellschaft eher Gedanken machen.

          Manche sagen: Im Zweifel müssten es die Kinder ausbaden, wenn sie im Kindergarten gehänselt werden, weil sie zwei Väter haben.

          Gerich: Die Erfahrungen sind da gar nicht so schlecht.

          Ebling: Hinzu kommt, dass die gesellschaftliche Breite in so einem Kindergarten sowieso größer geworden ist. Vielleicht wird bei dem einen Jungen gesagt: Der hat zwei Mütter. Bei dem anderen: Sein Vater ist arbeitslos. Beim dritten: Der ist schwarz und hat weiße Adoptiveltern. Das kann man in vielen Facetten durchspielen, und das bekommt man auch nicht negiert.

          Sie haben dem Slogan „It gets better“ zugestimmt. Wie war es denn früher? Sind Sie da schon mal Diskriminierung ausgesetzt gewesen?

          Ebling: Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Aber ich bin auch ein ziemlicher Spätzünder, biographisch gesehen. Als mir klar war, ich bin schwul, das ist mein Weg, war ich schon weit in den Zwanzigern. Hinzu kommt, dass ich das nie so wahnsinnig zum Thema gemacht habe. Danach wurde ich auch schon kritisch gefragt: Warum trägst du es nicht stärker nach außen? Ich gehöre sicher nicht zu den mutigsten Wortführern der Gleichstellungspolitik.

          Aus Angst oder aus Prinzip?

          Ebling: Ich möchte mir in solchen Fragen bewusst eine gewisse Privatheit bewahren. Nicht, um ein Geheimnis daraus zu machen. Mir geht es nur darum, eine Grenze zu ziehen, zu wissen: Hier ist Schicht. Das hat sich mit meiner Rolle in der Öffentlichkeit sogar noch ein bisschen verstärkt. Ich finde es beruhigend, dass die Hecke um das Grundstück hoch genug ist, dass selbst diejenigen, die am Gartentürchen stehen, nicht sehen können, ob ich auf der Terrasse im Unterhemd hocke oder penne.

          Gerich: Ich bin auch ein Spätzünder, aber nicht ganz so spät wie er. Bei mir war’s Ende der Zehner.

          Ebling: Er war schon immer flinker!

          Gerich: Es gab bei mir einen Prozess, der mag ein halbes, dreiviertel Jahr gedauert haben. Ich war damals in die erste eigene Wohnung gezogen, dadurch entstand sowieso schon eine Delle im Leben, und dann hab’ ich eben zusehends gemerkt, dass es das mit den Mädels nicht so ist. Aber ich kannte keinen anderen, bei dem das auch so war. Irgendwann habe ich es dann meinem besten Freund erzählt. Feuerwehrkamerad. Feuerwehr ist ja nicht ganz einfach bei dem Thema. Und der Freund hat toll reagiert. Er hat gesagt: „Sven, mach doch einfach dein Ding. Solange du die Finger von mir lässt, ist alles in Ordnung.“ Das war für mich das Signal, dass ich weder krank bin noch irgendeinen anderen Schaden habe. Ich hab’ mir danach keine rosa Federboa um den Hals gehängt, aber ich bin ganz offen damit umgegangen.

          Sie haben damit gute Erfahrungen gemacht?

          Gerich: Auch in der Feuerwehr! Als es noch nicht raus war, hat ein älterer Kamerad mal einen richtig derben Witz gemacht. Der war natürlich nicht gegen mich persönlich gerichtet, trotzdem fühlte ich mich in meinem ganzen Sein angegriffen. Dem hab’ ich dann zwei, drei passende Sätze gesagt, sodass er ganz irritiert guckte. 14 Tage später wusste er, was los war - und hat sich bei mir entschuldigt.

          Lag bei allen Wählergruppen bis 59 Jahren in Wiesbaden vorn: Oberbürgermeister Sven Gerich

          Womit lässt sich besser umgehen: mit persönlichen Angriffen oder mit allgemeinen Ressentiments?

          Ebling: Mich besorgt, wenn Polemik dumpf und anonym rüberkommt. Mir ist jeder AfD-Politiker, der mit seinem Gesicht vorne steht und sagt, ich halte euch für falsch, lieber als eine anonyme Masse. Denn da weiß ich nicht, wo mein Gegenüber ist, wo es sich versteckt.

          Was meinen Sie mit Masse? So etwas wie Pegida?

          Ebling: Das ist hier kein ganz falsches Stichwort. Natürlich trägt Pegida die Homophobie nicht im Namen, und ich bin auch kein Soziologe. Aber ich vermute mal, dass der Grad der Homophobie doch in hohem Maße korreliert mit dem Grad der Islamfeindlichkeit.

          Gerich: Das gehört in dieselbe Kiste. In beiden Fällen geht es um Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen, beide Male ist der Glaube an die Richtigkeit der eigenen Sichtweise unerschütterlich.

          Können Sie besagte Ängste ein kleines bisschen nachvollziehen?

          Ebling: Ich lebe im Mainzer Arbeiterstadtteil Mombach, ist natürlich auch schon wieder ein Klischee, ist jetzt aber wurscht. Da gibt es die Mehrgeschosswohnungen, in denen früher die Facharbeiter der Firma „Schott Glaswerke“ mit ihren Familien gewohnt haben. Die hießen Müller, Maier, Schulze. Heute heißen die Bewohner halt auch mal Yildiz, Özmir, Arslan. Und von vier Metzgern ist vielleicht noch einer geblieben, dafür sind zwei Dönerläden hinzu gekommen. Dass Menschen, die ihr Umfeld über Jahrzehnte gewohnt waren, die das wahrscheinlich auch als Schutz empfunden haben, diffuse Gefühle entwickeln, wenn sich etwas verändert, das finde ich erst einmal nicht absurd, sondern zutiefst menschlich. Da müssen auch wir politisch Verantwortlichen Erklärstückchen liefern. Aber wir sind schon auch eine Verantwortungsgesellschaft, in der jeder selbst wissen und dafür einstehen muss, was er sagt und was er tut. Da darf man dann auch mal fragen: Hast du dich wirklich informiert? Weißt du eigentlich, wer da vorne auf der Bühne das Maul aufreißt?

          Als Politiker sind Sie in mehrerlei Hinsicht in einer privilegierten Position. Gilt das auch für den Umgang mit der Homosexualität?

          Gerich: Zumindest haben wir es leichter als Profifußballer. Aber auch erst seit Wowereit.

          Sie meinen sein öffentliches Coming-out.

          Ebling: Es war historisch, dass ein Politiker in dieser Position sagt: „Ich bin schwul“ - und dass er das auch noch so positiv konnotiert hat. Danach hat sich für den politischen Bereich sehr viel zum Guten verändert. Im Unterschied zum Fußball. Da hat sich nach Hitzlsperger leider gar nichts verändert. In dieser Männergesellschaft - oder wie man das nennen soll - scheint das nach wie vor nicht zu gehen, sonst hätte sich längst einer getraut. Die Gaußsche Normalverteilung muss schließlich auch in der Fußballkabine greifen.

          Vielleicht ja nicht. Fußball, heißt es, sei ein harter Sport: Zweikämpfe, Grasfressen, Männer, die beim Torjubel übereinander herfallen. Über Homosexuelle hört man hingegen, sie seien eher künstlerisch veranlagt.

          Ebling: Emotionaler! Sinnlicher! Deswegen sind wir auch Oberbürgermeister geworden. Wir haben ein libidinöses Verhältnis zu unseren Akten! Darüber dürfen wir aber nicht sprechen. Das ist nicht frei ab 16 Jahren.

          Ist also alles Käse?

          Ebling: Es kommt allein auf die Akzeptanz im Umfeld an. Nehmen wir die Theaterwelt. Da konnte man schon in den zwanziger Jahren mit der Homosexualität wenigstens andeutungsweise spielen, ohne dass einem deshalb gleich was Schlimmes passiert wäre.

          Gerich: Aber so, wie es schwule Schauspieler gibt, gibt es eben genauso den homosexuellen Maurer, Kfz-Schlosser, Profifußballer. Hitzlsperger war ja auf dem Platz auch nicht nur künstlerisch unterwegs. Ich meine mich zu erinnern, dass auch er Gelbe und Rote Karten bekommen hat.

          Haben Sie selbst Fußball gespielt?

          Ebling: Ich hatte dazu keine Zeit, ich war jeden Tag in der Ballettschule ...

          Gerich: Ich hab’ geturnt. Tut mir leid.

          Versuchen wir trotzdem zu ergründen, wo beim Fußball das Problem liegt.

          Ebling: Fußball ist nicht nur ein harter Sport, sondern auch ein hartes Business. Da geht es jenseits des sportlichen Ehrgeizes richtig um Kohle. Und über die Wertigkeit eines Spielers entscheiden ja nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch noch ein paar andere Faktoren. Brutal gesagt, besteht die Gefahr, dass der Spieler und damit auch sein Verein einen massiven Wertverlust erleiden, wenn er sich zu seiner Homosexualität bekennt. Der kann also mutig sein und vielleicht ins Geschichtsbuch kommen, aber dummerweise macht er dadurch seinen Preis kaputt und ist bald weg vom Fenster. Diese Mechanismen gibt es auch in der Politik.

          Inwiefern?

          Ebling: Wenn über meine Kandidatur zu entscheiden war, wird es auch immer Menschen gegeben haben, die sich die Frage stellten: Ist es für unsere Aussichten bei der Wahl eher nützlich, eher schädlich oder egal, wenn der Kandidat homosexuell ist? Und wenn Sie sich jetzt in einem bestimmten Umfeld bewegen, ich sag’ mal wieder ganz klischeehaft: Ostniedersachsen, und da haben Sie einen Kandidaten, von dem man weiß, der wohnt mit einem Mann zusammen, da stellt sich die Frage eben anders als in Mainz oder Wiesbaden. Bei geheimen Wahlen spielen solche taktischen Erwägungen mal mehr, mal weniger eine Rolle. Vom Tisch wischen kann man sie nicht.

          Was glauben Sie selbst: Hat Sie Ihre Homosexualität bei der Wahl Stimmen gekostet, war sie egal oder gereichte sie Ihnen zum Vorteil?

          Gerich: Weil die Wahl bei mir noch nicht so lange zurückliegt, hab’ ich noch ziemlich gut im Kopf, wie die einzelnen Wählergruppen abgestimmt haben. Ich lag bei allen Altersgruppen bis 59 Jahre vorne, in der Altersgruppe 60 plus war ich deutlich unterlegen. Das könnte man so interpretieren, dass sich die Älteren mit dem Thema Homosexualität nach wie vor schwerer tun, auch wenn es da viele gibt, die komplett aufgeschlossen sind.

          „Es war historisch, dass ein Politiker in dieser Position sagt: ’Ich bin schwul’“: Michael Ebling über Klaus Wowereit

          Sie erwähnten am Beispiel Ostniedersachsens den Unterschied zwischen Stadt und Land.

          Gerich: Früher war der noch viel stärker. Mein erster Freund hat auf dem Dorf gewohnt. Der musste unsere Beziehung geheim halten. Als es der Vater mitbekam, hat er seinem Sohn 20.000 Mark angeboten, damit er sich von mir trennt.

          Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Familien gemacht?

          Gerich: Bei mir war Familie ein schwieriges Thema, ich bin in einem Kinderheim aufgewachsen. Irgendwann habe ich es meinen Eltern dennoch gesagt, und das war total entspannt.

          Ebling: Meine Eltern wussten sowieso, was ich sagen würde, als ich mich ihnen offenbart habe. Das ganze Setting war so, dass sie jeden meiner Sätze selbst hätten sprechen können.

          Gerich: Das war auch das erste, was meine Mutter gesagt hat: Ja, wusste ich.

          Sie haben anklingen lassen, dass Sie keine Lust haben, zu „Vorzeigeschwulen“ gemacht zu werden.

          Ebling: Ich bitte darum, das nicht misszuverstehen. Das Thema wird nicht ausgeklammert. In Mainz haben wir zum Beispiel eine Kampagne angeschoben mit dem Titel: „Ich liebe, wie ich lebe - Mainz ist so bunt wie das Leben.“ Bei aller Bedeutung des Themas Akzeptanz und Vielfalt glaube ich allerdings auch, dass unsere Stadt wichtigere Aufgaben hat: Kinderbetreuung, Wohnungsbau, Stadtentwicklung. Ich hätte es daher als verdreht und als mangelnde Wertschätzung für die Bürger empfunden, wenn ich gesagt hätte, Akzeptanz ist mein großes Thema.

          Wer taugt dann als schwules Vorbild?

          Ebling: Außer Ernie und Bert fällt mir niemand ein.

          Wollen keine „Vorzeige“-Schwule sein: Sven Gerich (links) und Michael Ebling

          Wir sprachen von Wowereit. Gehört der nicht zu den Figuren, die es den Leuten einfach machen, ihre Klischees bestätigt zu finden? Stichwort Party-Wowi.

          Ebling: Ich finde nicht, dass Wowereit den schrillen Typen verkörpert, weder was sein Leben betrifft noch sein Erscheinungsbild.

          Gerich: Im Übrigen hat man so ein Image schnell. Wenn ich über den Sommer hinweg auf 30 Wein- oder Kirchweihfesten bin, dann gibt es schon Leute, die sagen, der schwirrt nur in der Weltgeschichte herum.

          Bei einem kernigen Mannsbild von der CSU würde man sagen: Wahnsinn, wie nah der bei den Menschen ist.

          Ebling: Da könnte was dran sein.

          Apropos Feiern: Ich hätte da noch ’ne Frage. Ich hatte mal einen schwulen WG-Mitbewohner. Wir sind bestens miteinander klargekommen, aber es gelang uns doch nie, unsere Abendgestaltung aufeinander abzustimmen. Mir erschien das damals logisch, weil in dem Alter, in dem wir waren, 23, 24, da spielte die Partnersuche eine doch recht große Rolle. Wie sehen Sie das? Für Homosexuelle ist es doch sinnvoll, solche Clubs aufzusuchen, in denen von vornherein klar ist, wie der Hase läuft. Andernfalls muss man ja mühsam versuchen herauszuklamüsern, wer als Sexualpartner überhaupt in Frage kommt. Ist das richtig beobachtet?

          Ebling: Ja.

          Gerich: Sie haben es sich mit Ihrer Frage jetzt arg schwer gemacht, aber es war für uns ein Genuss!

          Ebling: Ist doch irgendwie logisch, dass man das so macht. Denn sonst kommen wir ständig in so ’ne Szene wie mit dem Beckenbauer rein. Das ist auf die Dauer blöd!

          Eine gewisse Trennung zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen ist also nur folgerichtig?

          Gerich: Das löst sich gerade auf. Weil sich das Thema Partnersuche zunehmend auf soziale Medien verlagert. Und wenn man das Thema digital gelöst hat, kann man sich ganz entspannt in der Eckkneipe treffen.

          Früher hieß es: Ohrring rechts - schwul. Ist das noch so?

          Gerich: Darauf würde ich mich heute nicht mehr verlassen.

          Ebling: Da sind wir wieder bei den Ängsten. Meine Güte, es kommen heute Leute durch die Tür, die haben rechts einen Ohrring, und du kannst nicht mehr sicher sein, dass die schwul sind. Das macht mir Angst!

          Die Fragen stellte Timo Frasch.

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