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Nina Kunzendorf Sie kann auch anders

02.10.2011 ·  Meist stellt sie unnahbare oder leise Charaktere dar. An der Ermittlerin, die sie im „Tatort“ spielt, genießt Nina Kunzendorf die Abwechslung.

Von David Klaubert
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Dienstagmorgen, 7.30 Uhr, hinter der verlassenen Woolworth-Zentrale in einem Frankfurter Gewerbegebiet, die ersten braunen Blätter fallen von den Bäumen, und Nina Kunzendorf, zweifache Grimme-Preisträgerin, strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Sie sitzt in einem Wohnwagen im hintersten Eck des Parkplatzes, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, in den Haaren ein gutes Dutzend rote Lockenwickler und auf den Wangenknochen weiße Pflaster gegen Augenringe. Die Schauspielerin hat einen langen Drehtag vor sich, allein in der Maske wird sie gut anderthalb Stunden sitzen, und so freut sie sich über ein Gespräch. „Conny Mey? Die mag ich total, mit der würd' ich gern mal ein Bier trinken gehen“, sagt Kunzendorf und lacht in den Spiegel vor sich. „Ich mag Weiber.“

Conny Mey, das Küken unter den Kommissarinnen des „Tatort“, und doch ein ganzes Weib irgendwo zwischen „Pretty Woman“ und „Erin Brockovich“, ermittelt seit Mai für die Frankfurter Fernseh-Polizei. In Cowboy-Stiefeln, knallengen Jeans und mit einem ordentlichen Verschleiß an Nagellack und Männern stürmt sie durch ihre Fälle. Sie ist schnell, laut, direkt, und mit ihrem zu tiefen Dekolleté und ihrer Mischung aus Naivität und Selbstironie überfordert sie nicht nur ihren Kollegen, Hauptkommissar Frank Steier alias Joachim Król.

Die Schublade der Drama Queen

Nina Kunzendorf, 39 Jahre alt, ist eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation, ihre Spezialität sind leise, verschlossene und unnahbare Figuren. Für die herzenskühle Kommissarin Anja Amberger im Film „In aller Stille“ ist Kunzendorf für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, der an diesem Sonntag vergeben wird. Den Grimme-Preis hat sie für diese Rolle schon bekommen, wie zuvor auch für die Darstellung einer vergewaltigten Frau im „Polizeiruf“-Film „Der scharlachrote Engel“. Kunzendorfs Figuren sind geheimnisvoll, unberechenbar, sie fesseln den Zuschauer, sympathisch sind sie aber oft nicht. Und beim breiten Publikum haben sie Kunzendorf trotz aller Erfolge nicht besonders populär gemacht.

„Das ist eine Schublade, in die ich mich selbst immer wieder stecken würde, so diese Drama Queen“, sagt Kunzendorf, während ihr die Maskenbildnerin ein großes Abzieh-Tattoo auf den linken Unterarm drückt, eine Rosenranke mit roter Blüte. „Auch als Zuschauerin mag ich Figuren, bei denen es etwas zu entdecken gibt, Menschen, die verschlossen sind und nur für wenige Momente ein Fenster aufmachen.“ In solch einen Menschen hineinzuschlüpfen, ihn und seine Umwelt zu erforschen, das mache für sie den Reiz der Schauspielerei aus, diese Neugier, Spannung und Vorfreude.

Eine Kommissarin mit bunten Acryl-Nägeln

Auch Conny Mey sollte als Nachfolgerin der schwermütigen Charlotte Sänger, gespielt von Andrea Sawatzki, eine ruhigere Rolle sein. „Alleinerziehende Mutter“ lautete das Profil des Hessischen Rundfunks ursprünglich, eine einsame Kämpferin zwischen Erziehung und Beruf, eine klassische Kunzendorf eben. Doch Kunzendorf selbst hatte eine ganz andere Vorstellung, sie wünschte sich Abwechslung, eine saftige Rolle, forsch und ein bisschen proletarisch, mit Humor und emotionaler Intelligenz. Zusammen mit Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume bastelte sie deshalb lange an Mey, manche Charakterzüge entwickelten sie erst während der Drehs. Das Outfit der Kommissarin wurde im Lauf der Kostümproben immer knalliger, man habe sich gegenseitig hochgeschaukelt, erinnert sich Kunzendorf. „Geil, dann mach ich mir so Acryl-Nägel dran“, habe sie sich gefreut.

An diesem Morgen vor dem Dreh zur dritten Folge sind die Fingernägel inzwischen knallig pink und mit Glitzersteinchen verziert, die nilgrünen Augen haben einen dunklen Rahmen aus Kajal und Wimperntusche bekommen. Man hört Conny Mey schon leise stampfen, doch noch sitzt da Nina Kunzendorf, in flachen Lederschuhen und grauem Baumwollpulli, unkompliziert und bescheiden quatscht sie drauf los. Vom Mannheimerisch ihrer Kindheit ist das schnoddrige Auf und Ab geblieben, das ihrer herben Stimme eine fröhliche Färbung verleiht. Kunzendorf lacht viel, und so fragt man sich, wie sie es bei all ihren melancholischen Rollen immer wieder geschafft hat, die Lachfältchen rund um ihren Mund verschwinden zu lassen.

„Meine Zeit in Hamburg war geprägt vom Druck“

„Ich bin optimistisch wie Conny Mey“, sagt Kunzendorf. „Ich laufe grundsätzlich rum und denke: Das wird schon.“ Andere Parallelen zu ihrer Kommissarin weist sie grinsend von sich: „Mein Dekolleté ist privat ein bisschen dezenter. Und ich kaufe in anderen Läden ein als Conny Mey.“ Dann lacht sie, und auf ihrem Kopf tanzen die Lockenwickler. Auch Kunzendorfs Leben abseits der Filmsets scheint wesentlich bodenständiger zu sein als das einer Conny Mey. Zusammen mit Mann und zwei Kindern lebt sie in einem Dorf bei München, in einem Haus mit Garten, in der Nähe gibt es einen Waldweiher, manchmal riecht es nach Gülle. Wenn sie gerade nicht auf Dreh ist und die Kinder, vier und fünf Jahre alt, in den Kindergarten gebracht hat, dann backt Kunzendorf oder mäht den Rasen. „Ich liebe relativ konkrete Dinge“, sagt sie.

Bäckerin, Bäuerin und Hebamme waren einst ihre Wunschberufe, doch während ihrer Zeit auf dem Gymnasium in Mannheim fand sie Gefallen am Theater. Und so bewarb sich die Tochter eines Arztes und einer Lehrerin an der Schauspielschule in Hamburg, wo sie direkt angenommen wurde, ausgewählt aus rund 800 Bewerbern. Danach spielte Kunzendorf am Nationaltheater in Mannheim, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und schließlich als festes Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen. Ihr Aufstieg verlief rasend schnell - zu schnell manchmal für das Selbstbewusstsein der jungen Frau. „Vor allem meine Zeit in Hamburg war geprägt von einem unglaublichen Druck, den ich mir selbst gemacht habe“, erzählt sie. „Ich habe immer gedacht, irgendwann fliegt der ganze Irrtum auf, irgendwann merken die, dass ich gar nichts kann.“ Sosehr sie das Theaterspielen liebte, so groß war ihre Nervosität und ihre Angst vor dem Publikum. „Erst in München“, sagt Kunzendorf, „hat mich mein Selbstbewusstsein wieder eingeholt.“

Improvisation mit Köpfchen

Und dabei scheint es geblieben zu sein, von einem Mangel an Selbstbewusstsein fehlt jedenfalls auch an diesem Drehtag jede Spur. Ob sie ihren Text schon kann? „Nein“, sagt Kunzendorf lächelnd, „aber das wird schon“, dann marschiert sie in ihren dunkelroten Stiefeln über den Parkplatz in die frühere Woolworth-Zentrale, die der HR als Polizeirevier nutzt. Regisseur Stefan Kornatz begrüßt Kunzendorf mit einer festen Umarmung, ihrem Schauspieler-Kollegen Uwe Bohm, der in dieser Folge den Bösewicht mimt und auch schon etwas grimmig dreinblickt, legt sie freundschaftlich ihren Arm auf die Schulter.

Als es dann losgeht, auf dem Drehplan steht ein Verhör, ist Kunzendorf von einer Sekunde auf die andere hochkonzentriert, noch einmal überfliegt sie ihren Text, dann wird die Szene geprobt und gedreht. In den Pausen, in denen die Kameras und die Scheinwerfer umgebaut werden, diskutiert Kunzendorf immer wieder mit Regisseur Kornatz, es geht um einzelne Wörter und Stimmungen, soll sie „Nutten“ sagen oder „Prostituierte“? Stimmt der Tonfall? Müsste sie nicht sensibler reagieren als Person mit hoher emotionaler Intelligenz?

Die Bürde der „Tatort“-Kommissarin

„Nina denkt immer total mit“, sagt Kornatz wenig später in der Mittagspause. „Sie hat große Lust, ihre eigene Figur zu erforschen, und es ist ein ganz großes Geschenk, das mit ihr zu machen.“ Dann folgt eine Schwall positiver Adjektive: kollegial, schwungvoll, aufgeschlossen, immer wach, superfreundlich, frisch, kraftvoll, gefühlvoll. „Und sie ist die erste Tatort-Kommissarin, die rennen kann, ohne dass es scheiße ausschaut.“

„Tatort“-Kommissarin - dass das in der Wahrnehmung vieler Deutscher weniger eine Rollenbeschreibung ist denn ein öffentliches Amt, verbunden mit der entsprechenden Aufmerksamkeit, das bekam Kunzendorf schnell zu spüren. Die „Bild“-Zeitung kramte alte Nacktfotos aus Theaterzeiten hervor, garniert mit einem schlüpfrigen Text: „So scharf ist die Neue!“ Und in Kunzendorfs Agentur sind seit dem ersten Auftritt von Conny Mey so viele Liebesbriefe gelandet, dass die Assistentin vorschlug, eine Heiratsagentur aufzumachen. „Ich finde es sehr befremdlich, wenn Leute denken, dass sie einen kennen, nur weil sie mich im Fernsehen gesehen haben“, sagt Kunzendorf. Nach ihrem ersten Tatort machte sie einen Test, zog ihre dunkle „Nerdbrille“ an und ging in Frankfurt Schuhe kaufen. „Keine Sau hat mich erkannt“, sagt sie. „Das hat mich mit großer Zufriedenheit erfüllt.“

„Ich hätte Lust, das Gesetz zu brechen“

Zweimal wird Kunzendorf nun pro Jahr als Conny Mey vor der Kamera stehen, für andere Filme bleibt da neben der Familie nicht viel Zeit, höchstens ein weiteres Projekt will sie sich „familientechnisch“ zumuten. Als Kommissarin hat sich Kunzendorf dafür vorgenommen, mit Schmackes und Niveau zu unterhalten - und nicht nur das: „Ich hätte schon Lust, auch mal das Gesetz zu brechen, dass die Leute am Sonntagabend nicht so verstört werden wollen, dass sie ihre Arbeitswoche nicht hinkriegen.“ Gerade das sonnige und optimistische Gemüt der Ermittlerin lasse viel Spielraum, auch für Versagen und Verzweiflung.

Was Kunzendorf damit meint, zeigt sie wenig später, als Conny Mey plötzlich sehr schweigsam wird. Zusammen mit Kollege Steier steht sie vor dem Fenster des Verhörraums, drinnen der verstörte Verdächtige, und langsam dämmert ihr, dass sie sich getäuscht haben könnte. „Er war's nicht“, sagt sie leise, die Kamera ist auf ihr Gesicht gerichtet, dann sagt Mey lange nichts mehr. Ihre Augen aber, ihr Mund, ihre Mimik erzählen von Unsicherheit und Selbstzweifeln, von Anspannung und Angst. Mit einem einzigen Blick nur lässt Nina Kunzendorf die frech-frohe Conny Mey verschwinden.

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Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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