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Geschlechtsangleichung : Ich muss dir was erzählen...

Für viele, die sich im biologischen Geschlecht nicht wohl fühlen, gilt auch nach einer Operation: Es bleibt kompliziert. Bild: NV/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Wer eine Geschlechtsangleichung hinter sich hat, hat damit meist noch längst nicht alle Probleme gelöst. Eine große Hürde: Wie ehrlich ist man zu einem möglichen Partner? Zwei Beispiele.

          Bis sie in die Pubertät kam, hielt Netty sich wahlweise für lesbisch oder für verrückt: Seit sie denken konnte, hatte sie sich wie ein Junge gefühlt, sie hatte drei ältere Brüder und immer nur mit deren Spielsachen gespielt. Mädchenkleider hatte sie nur an Weihnachten angezogen, wenn es unbedingt sein musste, ihren Eltern war es ansonsten egal. Und verlieben tat sie sich stets nur in andere Mädchen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann aber, sie war 16, verstand sie plötzlich, dass es eine dritte Option gab: Sie bekam einen Zeitungsartikel über Männer in die Hände, „die nach Casablanca fuhren und als Frauen zurückkamen“, erinnert sie sich. „Von dem Moment an wusste ich, dass es möglich ist, im falschen Körper geboren zu werden.“ Dennoch: Um ihren Eltern zu gefallen, heiratete sie mit 21 einen jungen Mann aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war. Nach einem Jahr war die Ehe gescheitert, „wir lebten nur noch nebeneinander her, ich war sehr unglücklich“. Die erste Freundin hatte sie zwei Jahre nach ihrer Scheidung, da war sie 26. Und sie dachte immer noch, wenn sie es wage, ihr Geschlecht zu ändern, verliere sie alles: ihre Familie, ihre Freunde, ihren Job als Sozialarbeiterin. Lesbisch zu sein, das erschien ihr als guter Kompromiss.

          Keine Zukunft mehr ohne Operation

          Und dann, 1997, als sie 40 war und ihren ersten Computer hatte, konnte sie sich zu Hause und unbemerkt informieren. Sie suchte nach „transsexuell“, sie suchte nach „transgender“. Der Gedanke an eine Operation machte ihr zwar immer noch Angst, wurde aber in den kommenden vier Jahren zusehends verlockender: „Ich sah keine Zukunft mehr ohne Operation. Mir war klargeworden, dass ich keine Frau war, die ein Mann werden wollte, sondern dass ich schon immer ein Mann gewesen war, nur im falschen Körper. Und dass ich nur als Mann im richtigen Körper würde weiterleben können. Dass es keine andere Option mehr für mich gab, als mich operieren zu lassen. Egal, wie hoch der Preis dafür wäre. Es konnte einfach nicht mehr schlimmer werden, als es war. Ich konnte den Gedanken nicht mehr ertragen, von anderen Menschen als Frau gesehen zu werden. Mehr als 40 Jahre lang hatte ich eine Rolle gespielt, die allem widersprach, was mich ausmachte; ich steckte in einem Körper, den ich hasste und der mir jedes Mal, wenn ich in den Spiegel guckte, entgegenschrie: Dein Leben ist sinnlos!“

          Ein guter Freund von ihr hatte kurz zuvor Suizid begangen, und sie dachte: Wenn ich mich nicht operieren lasse, bringe ich mich auch um. Noch vor der Operation begann sie, Freunden, Kollegen und ihren Brüdern zu erzählen, was sie vorhatte. Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich: „Meine Brüder sagten: Wir haben immer gewusst, dass du ein Mann bist.“ Ihre Eltern waren schon verstorben. Ihre Kollegen sagten: „Interessant. Erzähl mal“ Ihr Chef sagte: „Wenn du Hilfe brauchst, bin ich für dich da.“ Und die meisten ihrer Freunde hielten ebenfalls zu ihr.

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