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Horror-Haus von Höxter : In den Abgründen menschlicher Beziehung

Lange ging man davon aus, dass der angeklagte Wilfried W. bei den Taten im Horror-Haus von Höxter die treibende Kraft war. Doch laut forensischem Gutachten war das anders. Bild: dpa

Im Prozess um die Greueltaten von Höxter bringt das forensische Gutachten Absurditäten ans Licht, die kaum zu glauben sind. Und lässt die Angeklagten in einem vollkommen neuen Licht erscheinen.

          Wilfried W. hält sich beide Hände vors Gesicht. Seine Exfrau Angelika W., die ein paar Plätze weiter links neben ihm auf der Anklagebank des Landgerichts Paderborn sitzt, grinst. Ein außergewöhnlicher Moment ist das, weil beide an anderen Prozesstagen meist völlig emotionslos erschienen. Aber das, was die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh, die in dieser Woche ihre Schuldfähigkeitsgutachten für beide Angeklagte vorgestellt hat, gerade vorträgt, scheint Angelika W., 49, zu belustigen und Wilfried W., 48, verlegen zu machen: Saimeh redet über Wilfried W.s intellektuelle Ausstattung – beziehungsweise über das weitgehende Fehlen einer solchen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er habe einen Intelligenzquotienten (IQ) von 59 und gehöre damit zu den drei Prozent der Bevölkerung, die einen IQ von weniger als 70 haben. „Damit hat er die Stufe der Lernbehinderung deutlich überschritten“, erläutert Saimeh. Juristisch gesehen sei sogar das schuldmindernde Merkmal des Schwachsinns erfüllt. Angelika W. habe indessen einen IQ von 119, sei damit überdurchschnittlich intelligent – und voll schuldfähig.

          Es sind Feststellungen wie diese, die alte Gewissheiten hinwegfegen. Angelika W. sei Wilfried W. quasi „hörig“ gewesen und habe ihm bei seinen Taten „geholfen“, hatte es vor knapp zwei Jahren in ebendiesem Gerichtssaal in der Anklageschrift von Staatsanwalt Ralf Meyer geheißen. Gestützt hatte sich Mayer damals auf das vorläufige psychiatrische Gutachten des inzwischen entpflichteten Gutachters Michael Osterheider. Doch dass ein schwachsinniger Mann eine hochintelligente Frau dominiert und sie sich ihm freiwillig unterordnet – das ist kaum vorstellbar. Und so war es auch nicht. Sondern genau andersherum.

          Eine hochgradig kranke Beziehung als Ausgangssituation

          Spannend wie ein Blick in die Seele der beiden Angeklagten und gleichzeitig alle Rollenklischees auf den Kopf stellend – so wirken die beiden Gutachten der Sachverständigen, die in den jeweils einzeln geführten und insgesamt 17 beziehungsweise 23 Stunden dauernden Explorationen nichts unversucht gelassen hat, um die wahren Beweggründe für die Taten in Höxter zu verstehen. Tatsächlich enthüllt Saimeh dann ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, ja eine hochgradig kranke Beziehung als Ausgangssituation für die Verbrechen, in deren Folge die Angeklagten zwei Frauen grausam töteten und mehrere andere ihnen gerade noch schwerverletzt entkommen konnten.

          Zunächst einmal erklärte Saimeh jedoch, warum Angelika W., die auch selbst fast täglich von Wilfried W. misshandelt worden war, siebzehn Jahre lang, bis zu ihrer beider Festnahme, bei ihm blieb, und selbst heute, in der Untersuchungshaft, noch seine Unterhosen trägt. Lasse man einmal die körperliche Ebene beiseite – Wilfried W., ein stattlicher Mann mit eckiger dunkler Brille, erscheint nicht unattraktiv, während sie selbst trotz ihrer kinnlangen, rotbraun getönten und akkurat geschnittenen Ponyfrisur eher unscheinbar wirkt – so gebe es zwei weitere Gründe dafür: Einerseits erinnere Herr W. die in recht gewöhnlichen familiären Verhältnissen auf einem Bauernhof in Bad Salzuflen-Lockhausen aufgewachsene Frau W. an ihren Vater, sagte die Gutachterin, „und sie war ein Papakind, während ihr Verhältnis zur Mutter sehr distanziert war“.

          Andererseits hätten die Misshandlungen eine Art Größenphantasie von Angelika W. bedient: „Dadurch, dass Wilfried sie misshandelte, hat sie maximale Selbstbeherrschung gelernt – das war ein narzisstischer Gewinn; das Gefühl, sich trotz widriger Lebensumstände nicht unterkriegen zu lassen“. Hinzu kam noch etwas anderes. So sagte Angelika W. gegenüber der Gutachterin: „Ich glaubte, ich hätte es verdient, dass Wilfried mich bestrafte. Er erklärte mir immer stundenlang, warum ich die Strafe verdient hatte.“

          Höxter-Prozess: Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh trägt am 03. Juli 2018 ihre Einschätzung zur Schuldfähigkeit der beiden Angeklagten vor.

          Dass eine so intelligente Frau wie sie allerdings den schwachsinnigen Begründungen des Wilfried W. glaubte und sich an seine absurden Regeln hielt, liege daran, dass sie, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, hoch auffällige autistische Züge habe, erklärte Saimeh. Deswegen habe sie kaum Gefühle und kein Gespür für Moral, aber eine fast sklavische Bereitschaft, sich noch an die absurdesten Regeln zu halten. Auf die theoretische Frage der Gutachterin im Zuge der Erstellung des Gutachtens, ob sie auch ein Konzentrationslager hätte leiten können, hat Angelika W. lächelnd geantwortet: „Ja, und ich hätte noch einen Orden dafür bekommen.“ Sie sei beziehungsgestört, perfektionistisch, narzisstisch, manipulativ und reuelos, könne sich weder in andere hineinversetzen noch deren Leid wahrnehmen, fasste Saimeh zusammen. Und Wilfried W. könne das eben auch nicht, weil er dafür nicht intelligent genug sei.

          „Wie Schlüssel und Schloss waren die beiden“

          Auch die Absurdität der von Wilfried W. aufgestellten Regeln sei Angelika W. aufgrund ihrer autistischen Züge nicht bewusst gewesen, daher habe sie das Regelsystem mitsamt seinen drakonischen Strafen sogar noch weiterentwickelt. Dass die Frauen, die unter anderem verbrüht oder fast ertränkt wurden, die mit dem Elektroschocker gequält, bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und mit hölzernen Essstäbchen penetriert wurden, Qualen gelitten hätten, sei tatsächlich weder ihr noch Wilfried W. bewusst gewesen: Ihm nicht wegen seines geringen IQ, ihr nicht aufgrund ihrer autistisch begründeten Rationalität und Gefühllosigkeit. „Wie Schlüssel und Schloss waren die beiden“, sagte Saimeh.

          Auch insofern ergänzten sich Herr und Frau W. bei ihren Taten, als dass Wilfried W. seiner Exfrau nicht nur intellektuell unterlegen ist, sondern auch in fast jeder anderen Hinsicht. Er nimmt laut Gutachten öfter Baldriantropfen gegen Aufregung, und wenn man ihm Blut abnimmt, muss er sich hinlegen. Noch bis er 23 war, legte ihm die Mutter die Kleidung raus. Wilfried W. sei so naiv wie ein Kind im späten Grundschulalter, das rasch und gehorsam auf Zurechtweisungen reagiert. Er sei devot und habe eine dependente oder abhängige Persönlichkeit, die so stark ausgeprägt ist, dass Saimeh ihm eine Persönlichkeitsstörung attestiert. „Herr W. ist sehr unreif, er hat keine stabile Vorstellung davon, was verboten ist und was nicht. Vielmehr ist er von außen durch Worte beeinflussbar, und sein Verhalten ist dann jeweils situationsabhängig. Man kann ihn kirre quatschen.“ Er habe sich Angelika W. unterworfen und gleichzeitig keine Vorstellung davon gehabt, welches Leid sie beide gemeinsam den Frauen zugefügt hätten. Denn er könne selbst gröbste Gewalttaten nicht als solche erkennen. So sei die Verbrennung der zerstückelten Leiche der ersten getöteten Frau, Anika W. aus Uslar, die sich 2013 auf eine Kontaktanzeige gemeldet hatte, für ihn keine Straftat. Ein Verkehrsunfall aber schon – weil da die Polizei komme. Warum er in Untersuchungshaft sitzt, versteht Wilfried W. bis zum heutigen Tag nicht.

          Die Beziehung, die die beiden geführt hätten, sei hochpathologisch gewesen, sagte Saimeh. Denn es sei beiden nicht möglich, eine gesunde Beziehung zu führen. Wilfried W. benutze das Wort Verliebtheit lediglich als naive Chimäre für seinen Beziehungswunsch, den er aber überhaupt nicht einlösen könne, weil es ihm dazu an Intelligenz fehle. Und Angelika W. sei wegen ihrer autistischen und auch psychopathischen Züge nicht in der Lage, Gefühle für jemand anderen zu entwickeln. Echte Intimität sei beiden somit nicht möglich, daher „ist etwas anderes, und zwar das System des sogenannten gaslighting, an diese Stelle getreten“, führte die Gutachterin aus.

          Mittels Kontaktanzeigen in das „Horror Haus“ gelockt

          So lupenrein wie aus dem Lehrbuch, allerdings vollkommen unbewusst, hätten Wilfried und Angelika W. diese Form der psychischen Gewalt auf ihre mittels Kontaktanzeigen in das Haus gelockten Opfer angewendet. Der Begriff des gaslighting stammt ursprünglich vom Titel des Theaterstücks „Gaslight“ des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem diese Praxis erstmals beschrieben und thematisiert wurde. In den 1940er Jahren wurde der Psychothriller mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle unter dem Titel „Das Haus der Lady Alquist“ verfilmt und der Begriff gaslighting weltbekannt. Er steht dafür, dass Opfer gezielt manipuliert werden, um ihr Selbstbewusstsein zu zerstören und sie zu beherrschen. Die Berechtigung ihrer Empfindungen wird ihnen abgesprochen, und ihnen wird vorgeworfen, sich nicht an Regeln gehalten zu haben. Die Worte werden ihnen im Munde herumgedreht.

          Sekten wenden gaslighting an, und Wilfried und Angelika W. taten es, unbewusst, auch: Sie führten endlose Diskussionen über ihr absurdes Regelwerk, um die Frauen zu zermürben, zu verunsichern, willfährig zu machen und Macht über sie zu gewinnen. Sie nahmen ihnen ihre Menschlichkeit, indem sie sie kahlschoren, sie brachen ihren Willen und führten sie in die Irre. Angelika W. schimpfte mit den Frauen, Wilfried W. stimmte mit ein, dann ließ sich Angelika W. perfide Methoden zur Abstrafung der Frauen einfallen, um das ursprünglich von Wilfried installierte System zu perfektionieren. „Wilfried hat in ihr seinen Meister gefunden“, sagte Saimeh, ob sie früher als Gärtnerin Geranien angepflanzt, eine Katze im Trockner zu Tode gequält oder die Leiche Anika W.s entsorgt hat: „Sie machte das alles mit der Perfektion, die ihr entspricht.“ In Untersuchungshaft hat Angelika W. eine Liste mit 80 Spalten angefertigt, in jeder Spalte steht eine Strafe, mit der sie selbst und Wilfried W. die Frauen gequält haben. Die Strafen reichen von „Treppe herunterstoßen“ (sie), „würgen“ (sie) und „Bauch ins Knie rammen“ (er) über „mit dem Gürtel peitschen“ (er) bis hin zu „im Liegen mit den Schuhen auf den Hals drücken“ (er).

          „Da waren sie plötzlich im Wir“

          Das Quälen der Frauen – und auch das bestialische Töten etlicher Tiere – habe der Stabilisierung der eigenen Beziehung von Wilfried und Angelika W. gedient. „Da handelten sie nämlich gemeinsam, da waren sie plötzlich im Wir und konnten als Paar in Aktion treten“, sagte Saimeh. Dies sehe man sehr gut auf den Videos, die beide damals von den Gesprächen mit den Frauen gemacht hatten und die im Gericht gezeigt wurden. Da Herr und Frau W. schwer beziehungsgestört seien, hätten sie nicht auf gesunde Art miteinander umgehen können.

          Auch wenn Wilfried W. auf der reinen Handlungsebene, also beim Quälen, nicht so aktiv gewesen sei wie Angelika W., so sei er doch Teil des manipulativen Systems gewesen, und zwar auf der Beziehungsebene. Denn zu einem der Täter muss das Opfer Vertrauen haben, damit es nicht sofort wegläuft, und im vorliegenden Fall war dies Wilfried W., der sexuelle Beziehungen mit den wechselnden Frauen unterhielt. Keine der überlebenden Zeuginnen hatte vor Gericht jemals davon gesprochen, dass sie vergewaltigt worden sei, die Frauen schliefen also freiwillig mit ihm.

          Abgesehen davon, dass das Hetzen gegen Dritte also dazu führte, dass Wilfried und Angelika W. trotz ihrer Beziehungsunfähigkeit eine letzten Endes stabile Beziehung miteinander führen konnten, zogen beide aus den Quälereien noch einen weiteren Vorteil: Wilfried W., der aufgrund seines niedrigen IQ nicht zu Intimität fähig ist, setzte Macht und Kontrolle an die Stelle der Intimität, um überhaupt eine menschliche Beziehung zu den in das Haus gelockten Frauen aufzubauen und irgendwas zu sagen zu haben. In Wirklichkeit, sagte die Gutachterin, sehne er sich nämlich nach „ewiger Liebe“.

          Die Einzige, die blieb

          Und Angelika W., die zwar durch das Aufgeben der Kontaktanzeigen vordergründig Ersatz für sich selbst suchte, konnte immer, wenn eine Frau starb oder verschwand, das Gefühl haben, dass sie selbst diesen Frauen überlegen sei, weil sie blieb und das eigene Misshandeltwerden aushielt. „Sie war im Gegensatz zu den anderen Frauen wichtig und unersetzbar, was in ihr ein Gefühl von Macht auslöste“, sagte Saimeh. Und dadurch, dass sie die Frauen für Wilfried W. sogar selbst mit aussuchte, kontrollierte sie sogar noch seine Sexualität.

          Was die Gutachten für das wahrscheinlich im Herbst fallende Urteil bedeuten, wurde schon diese Woche im Gerichtssaal deutlich: Herr W.s dependente Persönlichkeit und seine niedrige Intelligenz seien schuldmindernd, sagte Saimeh, die empfiehlt, ihn in einer Psychiatrie unterzubringen. Angelika W. sei indes voll schuldfähig, da ihre autistischen und psychopathischen Züge nicht so ausgeprägt seien, dass man im klinischen Sinne von einer Störung sprechen könne.

          Tatsächlich hat Angelika W. bis zum heutigen Tag kein Mitleid mit den getöteten und gequälten Frauen: Diese hätten sich ja die Bestrafungen selbst zuzuschreiben, weil sie sich nicht an die Regeln gehalten hätten. Und sie hätten ja auch gehen können. Tatsächlich entkam eines der Opfer: Christel P. aus Magdeburg, die Anfang 2011 in das Haus gekommen war, hatte nach einiger Zeit explizit darum gebeten, wieder nach Hause gehen zu dürfen. Und das durfte sie – schwer traumatisiert – dann auch.

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