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Lionel Shriver : Wenn sich der eigene Bruder zu Tode isst

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Der Tod ihres übergewichtigen Bruders war ein Grund für Lionel Shriver, ihr Buch „Großer Bruder“ zu schreiben. Bild: Jens Gyarmaty

Lionel Shrivers Bruder starb an seinem Übergewicht. Jetzt hat die Schriftstellerin, Spezialistin für ungeschminkte Wahrheiten, einen Roman über einen Fettleibigen geschrieben. Ihr Bruder stand dafür Modell.

          Lionel Shriver sieht aus wie eine Frau, die nun wirklich kein Problem mit ihrem Gewicht hat. Kleingewachsen, drahtig, schmal sitzt die Amerikanerin auf dem Sessel, ganz in Schwarz, die Haare aus dem Gesicht straff zurückgenommen, vor sich ein Mineralwasser.

          Im Gespräch ist sie abwechselnd heiter und intensiv; sie kann einen anschauen, als habe sie Röntgenaugen für die Seele. Das passt zu ihrem Ruf als Meisterin des „emotionalen Noir“, wie der britische „Observer“ ihre Sorte Literatur nannte; der „New Yorker“ sprach von ihrer „illusionslosen Offenheit“.

          Bekannt geworden ist Shriver, 1957 in North Carolina geboren, die als Teenager ihre ursprünglichen Vornamen Margaret Ann ablegte, weil ein männlicher besser zu ihr passe, vor allem mit dem Buch „Wir müssen über Kevin reden“ von 2003, der (fiktiven) Geschichte einer Schießerei an einer Highschool.

          Ihr jüngstes Werk, „Großer Bruder“, wurde inspiriert durch den Fall ihres Bruders, der 2009 mit gerade mal 55 an den Folgen seines Übergewichts starb - nur Tage nachdem sie in einer Zeitungskolumne über ihn geschrieben hatte: „Jedes Mal, wenn ich mit ihm rede, frage ich mich, ob es das letzte Mal ist. Er isst sich zu Tode.“ Vor dem Interview plaudern wir, und ich erzähle ihr, dass ich zufällig gerade auf einer Formula-Diät bin - genau wie die übergewichtige Hauptfigur in ihrem Roman.

          Mrs. Shriver, in Ihrem Buch gibt es niemanden, der hat, was man ein entspanntes Verhältnis zum Essen nennen könnte.

          Das stimmt, und ich wollte das als typisch für unsere Zeit verstanden wissen. Kaum jemand heutzutage hat ein normales Verhältnis zum Essen. Obwohl, eine Figur gibt es im Buch, die es entspannt sieht - der Alibi-Normale. (lacht)

          Haben Sie eine Erklärung dafür?

          Im Verhältnis zum Essen treiben wir unsere Besessenheit mit unserem Äußeren, unserem Gewicht, aber auch unsere Besessenheit mit unserer Gesundheit auf die Spitze. Wir sind unsicher, was beides betrifft: Wie sehen wir aus? Und: Ist unser Essen gesund? Ist es gut für uns? Macht es uns nicht krank? Vor allem: Macht es uns dick? Das ist die ganz große Obsession. Viele Leute, die vom gesunden Essen reden, wollen in Wahrheit nur vermeiden, zu viel zu essen. Wir haben beim Essen unsere Unschuld verloren. Und wie jede andere Art von Unschuld lässt sich auch diese nicht wiederherstellen, wenn man sie erst einmal verloren hat.

          Ihr Roman handelt von einem Geschwisterpaar; nach langer Zeit sieht die Schwester den Bruder wieder - und ist schockiert, wie unheimlich dick er geworden ist. Sie steht vor der Frage, ob sie ihn nicht retten muss, ob sie ihm nicht eine Diät verordnet und ihn viele Monate lang beaufsichtigt, auch wenn sie das ihre Familie kostet. Vor so einer Entscheidung standen Sie auch, mit ihrem Bruder Greg.

          Ja, aber das Buch ist nicht autobiographisch, kein Erinnerungsbuch. Das Thema ging mir schon vorher lange im Kopf herum.

          In einer britischen Zeitung haben Sie über den Moment gesprochen, der im Rückblick eine Art Startrampe für Ihr Buch war: Sie stehen in Ihrer Küche zu Hause in London, und ein Arzt aus Amerika ruft an und sagt Ihnen: Ihr schwer übergewichtiger Bruder braucht einen chirurgischen Eingriff - und jemanden, der sich danach für längere Zeit um ihn kümmert.

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