http://www.faz.net/-gum-8eytw

Liebesentzug : Nein!

„Wer schlecht nein sagen kann, hat in der Kindheit gelernt, dass ein Nein Kontaktabbruch zur Folge hat“, sagt der Coach und Berater Holger Dammit. Bild: F.A.Z.

Wenn uns jemand um etwas bittet, sagen wir oft ja, obwohl wir das Gegenteil meinen. Dahinter steckt meist die diffuse Angst vor Liebesentzug.

          Laura Mouson hatte sich alles so schön vorgestellt. Sie war gerade fertig mit dem Examen, hatte eine Stelle in Frankfurt und wollte nun von Münster in Westfalen an den Main ziehen. Nur eine neue Wohnung fehlte noch. Um die zu finden, war sie kürzlich mit der Mitfahrzentrale unterwegs, sie hatte sich einen Fahrer gesucht, der schon um 6 Uhr morgens startete, obwohl der erste Besichtigungstermin erst für 11.30 Uhr angesetzt war.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber weil diese erste Wohnung ihr absoluter Favorit war, wollte sie einen dicken Puffer von drei Stunden haben. „Ich hatte mir überlegt, dass ich dann noch schön frühstücken gehen und völlig entspannt zu dem Termin kommen würde“, erzählt sie. Doch dann gab es unterwegs eine Autobahnsperrung, sie steckten stundenlang fest, und als sie endlich wieder freie Fahrt hatten, fragte der Fahrer, ob sie eine Pause machen sollten.

          Die anderen beiden Mitfahrer waren dafür, Mouson natürlich dagegen, weil es allmählich knapp wurde mit ihrem Termin. „Aber ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich weiterfahren will, weil ich dachte, dass die anderen mir das übelnehmen“, erzählt sie. Also rasteten sie fünfzehn Minuten lang – und Mouson kam schließlich genau 15 Minuten zu spät zu ihrem Termin. Die Wohnung konnte sie sich trotz flehentlicher Anrufe beim Makler nicht mehr ansehen. Und eine andere fand sie an diesem Tag auch nicht.

          Wer „nein“ sagt, übt Macht aus

          Anderen Menschen einen Wunsch oder eine Bitte abzuschlagen ist schwer. Wer „nein“ sagt, setzt anderen Grenzen und übt dadurch Macht über sie aus. Wenn man Angst vor Konflikten oder Zurückweisung hat, schreckt man davor zurück. Manche Menschen haben sich auch durch ein Nein schon öfter in Schwierigkeiten gebracht und glauben so vielleicht, dass sie kein Recht auf ein Nein haben.

          „Wer schlecht nein sagen kann, hat in der Kindheit gelernt, dass ein Nein einen Kontaktabbruch oder Liebesentzug zur Folge hat. Um die Bindung zum anderen zu halten, sagt er nicht nein“, sagt der Coach und Berater Holger Dammit. Er gibt Seminare zum Thema Neinsagen und erlebt immer wieder Menschen, die wissen, dass sie in gewissen Situationen eigentlich nein sagen müssten. „Aber sie schaffen es nicht. Im beruflichen Kontext rutschen solche Menschen dann irgendwann in einen Erschöpfungszustand oder Burnout.“

          Die Angst vor dem Beziehungsabbruch

          Auch Thomas Henk – der wie alle „Jasager“ in diesem Text eigentlich anders heißt – musste schon schmerzhaft erfahren, dass ein rechtzeitiges Nein ihm viel Ärger erspart hätte. Gemeinsam mit einem Kumpel wollte der Betriebswirt vor zwanzig Jahren einen Club übernehmen, sie hatten einen Businessplan erstellt und alle Verträge unterschrieben, als Henk plötzlich herausfand, dass sein Kumpel einem Handwerker, ohne ihn zu informieren, einen Auftrag über 60.000 Mark erteilt hatte, damit der die Soundanlage modernisiere.

          Am Tag nach diesem Vorfall stieg dann auch noch der dritte Investor aus – genau zwei Stunden bevor die Widerspruchsfrist für das Inkrafttreten der Verträge auslief und Henk mit einer Million Mark in der Haftung stehen würde. „Ich weiß noch, wie ich in dem Club saß, mit meinem Kumpel und dem Handwerker und dem dritten Investor und den Technikern und dem vorherigen Geschäftsführer. Meine Stirn war schweißnass, mir war ein bisschen schwindelig, und ich wusste, dass ich aussteigen musste“, erzählt Henk, „aber ich konnte nicht. Ich hatte Angst vor dem Gesichtsverlust – dass die anderen denken, ich würde mich nicht trauen, das Risiko einzugehen. Und die hatten ja auch alle schon viel Vorleistung erbracht, ich hatte das Gefühl, ich sei es ihnen schuldig.

          Aber in Wirklichkeit hatte ich nur nicht die Eier in der Hose, und ein bisschen dachte ich wohl auch, meine Wahrnehmung sei falsch und ihre richtig, die haben mich alle so belabert, dass ich es durchziehen soll.“ Erst drei Monate später, als alles immer mehr den Bach runterging, kaufte er sich mit 100.000 Mark aus dem Vertrag heraus. Immerhin: Der Kumpel von damals ist heute immer noch sein Freund, und sie können jetzt sogar über die Geschichte lachen.

          Selbstbewusste Menschen können gut „nein“ sagen

          Rückblickend ist Henk indes klar, dass er „einfach nicht das Selbstbewusstsein hatte, nein zu sagen“. Selbstbewusste Menschen können nämlich meist sehr gut nein sagen, weil sie keine übertriebene Angst vor einem Beziehungsabbruch haben. Wenn dieses Selbstbewusstsein indes fehlt, verleugnet man sich selbst und sagt ja zu Situationen, die einem nicht guttun.

          Meist liegen die Ursachen für dieses Verhalten lange zurück. Die Fähigkeit, nein zu sagen, erlernt man schon in der Trotzphase. Wenn das Kind in dieser Entwicklungsphase erfährt, dass es Ärger bekommt, wenn es nein sagt, dann passt es sich an den Elternwillen an und entwickelt kein autonomes Selbst.

          Und noch eine andere Erklärung gibt es: „Es kann auch sein, dass solche Menschen als Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass sie nur wahrgenommen werden, wenn sie etwas für andere getan haben“, sagt Holger Dammit. „Dann sagen sie nicht nein, weil sie durch das Jasagen Bestätigung bekommen und sich ihrer persönlichen Bedeutung vergewissern können.“

          Fähigkeit kann im Erwachsenenalter noch erlernt werden

          Indes könne man auch als Erwachsener noch lernen, nein zu sagen, sagt Dammit. „Man muss lernen, dass man nicht versuchen sollte, eine Bindung zu Menschen zu wahren, die nicht zum engsten Kreis gehören. Man muss lernen, Brüche in Kauf zu nehmen, statt sich ausnutzen zu lassen.“

          Genau das hat Pauline Haffner, eine 61 Jahre alte Juristin, sich vorgenommen. In diesem Jahr möchte sie endlich einmal laut und deutlich nein sagen. Denn sie hat seit zwanzig Jahren das Gefühl, sich von einer Bekannten nach Strich und Faden ausnutzen zu lassen. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen beim Ballettunterricht ihrer Töchter, bald wurden sie gute Freundinnen, und so sagte Haffner bereitwillig zu, als die Freundin – eine Musiklehrerin – sie fragte, ob sie ihre Tochter nachmittags künftig zu Hause abholen und mit zum Ballettunterricht nehmen könne, da sie selbst an dem betreffenden Nachmittag Schüler zu unterrichten hätte.

          Fortan also holte Haffner die Tochter der Freundin von zu Hause ab, half ihr – ebenso wie ihrer eigenen Tochter – beim Umziehen und brachte sie zurück. „Irgendwann fiel mir dann auf, dass meine Freundin an diesen Nachmittagen gar nicht weg war, sondern gemütlich zu Hause saß und Tee trank“, erinnert sich Haffner, „aber ich hatte nicht den Schneid, es anzusprechen“. Und so fuhr sie die beiden Mädchen weiterhin zum Ballett.

          „Ich habe mich nicht getraut abzulehnen“

          Ein paar Jahre später – die beiden Frauen waren immer noch befreundet – fragte die Freundin, ob Haffner als Helferin bei einem Musikfestival mitwirken könne, das die Freundin und deren Mann organisierten. Haffner sagte zu, in dem Glauben, einen Nachmittag lang Kuchen verkaufen zu müssen. „Aber dann sagte sie mir, dass ich drei Tage lang 150 Chormitglieder aus ganz Deutschland zu betreuen hatte – von der Unterkunft bis zur Verpflegung“, erzählt Haffner.

          „Ich war so geplättet, dass ich mich nicht getraut habe abzulehnen.“ Stattdessen engagierte und bezahlte Haffner ihre Putzfrau und die Mitarbeiterinnen aus der Praxis ihres Mannes, also einen Stab aus sieben Leuten, um das alles zu schaffen. „In den Folgejahren hat das dann ein Cateringunternehmen gemacht.“

          Nach diesem Vorfall distanzierte sich Haffner allerdings von der Freundin, seit Jahren sehen sich die beiden Frauen nur noch zwei- oder dreimal im Jahr. Kürzlich war es wieder einmal so weit. Die Stimmung war harmonisch, Haffner fühlte sich wohl, da sagte ihre Bekannte plötzlich diesen Satz: „Ich habe gerade noch einer Musikschülerin erzählt, dass ich dich treffe und dass du eine Freundin bist, die sich, wenn ich mal in ganz großen Schwierigkeiten wäre, ständig um mich kümmern würde.“

          Die innere Barriere, Hilfe zu verweigern

          Haffner sagt, sie sei total überrascht gewesen. „Aber ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, ich will andere nicht verletzen. Ich bin sehr christlich erzogen worden und sehr gläubig, ich spüre eine innere Barriere, Hilfe zu verweigern. Und ich habe einfach den totalen Horror davor, dass Dinge, die entspannt sind, aus dem Ruder laufen.“ Also widersprach sie nicht.

          Doch später, als sie zu Hause war, hat sie einen Entschluss gefasst: Sie will sich mental vorbereiten und sich gegen die Störung der Harmonie wappnen. „Und dann will ich meiner Bekannten sagen, dass ich mich nicht mehr als ihre Freundin sehe und mich nicht ständig um sie kümmern werde, wenn sie mal in ganz großen Schwierigkeiten ist. Und dass wir uns aber weiterhin ein- bis zweimal im Jahr treffen können.“

          „Nein“ heißt nicht „nie“

          Nach Meinung von Holger Dammit schafft Haffner damit etwas, was er auch den Teilnehmern in seinen Seminaren beizubringen versucht: Sie kommuniziert ihrer Bekannten, dass ein Nein nicht ein „Nie“ ist. Das heißt, dass es eine Alternative zu einem klaren Nein gibt und somit kein vollständiger Kontakt- oder Beziehungsverlust mit einem Nein einhergehen muss. Dammit nennt das ein „Kompetenz-Ja“. Es bedeutet, dass man sagt: „Ich erfülle deinen Wunsch, aber zu meinen Bedingungen. Also zum Beispiel nicht jetzt sofort oder nur mit Hilfe.“ Vielen Menschen, die schlecht nein sagen könnten, sei nicht klar, dass es diese Alternative gebe.

          Und es hat ja auch Vorteile, wenn man nicht nein sagen kann. Dann sind nämlich die anderen schuld, wenn wir uns nicht selbst verwirklichen können, wenn wir uns ausnutzen lassen und das Leben uns enttäuscht. Wir geben dann die Verantwortung für unser Leid einfach den anderen, die uns herumschubsen. Und wiegen uns in dem Gefühl, als nette, hilfsbereite Menschen angesehen zu werden. Wir müssen keine Konflikte aushalten und gehen Situationen aus dem Weg, in denen wir Schuldgefühle entwickeln könnten.

          Dabei kann es einer vor sich hindümpelnden Beziehung manchmal sogar einen richtigen Schub geben, wenn man sich plötzlich nicht mehr alles gefallen lässt. So war es bei Sarah Asholt und ihrer Freundin. Asholts Freundin war von München nach Köln gezogen, fragte aber in regelmäßigen Abständen immer wieder an, ob sie in Asholts Wohnung übernachten könne. Mal war es ein spontanes Date mit einem Bekannten, mal ein Flamenco-Workshop, mal eine Geburtstagseinladung.

          Zunächst war Asholt noch hilfsbereit, aber spätestens, als die Freundin andeutete, dass sie an einem Wochenende, an dem Asholt nicht da war, auch männlichen Besuch mit in Asholts Wohnung bringen würde, zog sie eine Grenze. Ich habe ihr gesagt: „Ja, du kannst bei mir übernachten, aber nicht gemeinsam mit dem Mann“, erzählt Asholt.

          Und fügt hinzu: „Ich habe mir noch überlegt, ob sie dann sauer auf mich wäre, aber das war bei mir wirklich die Grenze.“ Als die Freundin dann drei Wochen später schon wieder bei ihr übernachtete, kam es am letzten Abend zu einem Riesenstreit zwischen den beiden, weil Asholts Freundin ausgiebig über einen guten Freund von Asholt lästerte – für Asholt war es das Tüpfelchen auf dem i, das noch gefehlt hatte, um in die Luft zu gehen.

          Doch am nächsten Tag, als Asholt von der Arbeit kam und die Freundin tagsüber planmäßig die Wohnung geräumt hatte, war die ganze Wohnung geputzt, Blumen und eine Bodylotion standen als Geschenk bereit, der Kühlschrank war gefüllt und alles aufgeräumt. „Das fand ich dann wiederum sehr nett“, sagt Asholt. Sie ist sich sicher, dass ihre Freundin ihre Grenzziehung wahrgenommen hat. Und will ihr daher erlauben, in diesem Jahr noch weitere drei Wochen in ihrer Wohnung zu verbringen, damit sie ihre Flamenco-Ausbildung zu Ende machen kann.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Per Bulldozer ins Massengrab Video-Seite öffnen

          Tote IS-Kämpfer : Per Bulldozer ins Massengrab

          Das sogenannte Kalifat der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien bröckelt immer weiter. Das Schicksal der getöteten Kämpfer sorgt bei den Menschen vor Ort nicht für Mitleid: Im irakischen Dhuluijah sind die Verstorbenen mit Bulldozern in Massengräbern am Stadtrand verscharrt worden, nachdem die Leichen offen herumgelegen hatten.

          China setzt auf Gesichtserkennung Video-Seite öffnen

          Totale Kontrolle : China setzt auf Gesichtserkennung

          In China müssen die Menschen damit leben, dass ihr Gesicht in der Öffentlichkeit permanent gefilmt, gescannt und ausgewertet wird. Gesichtserkennung hat inzwischen alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfasst.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.