21.08.2007 · Vor einem Jahr gelang ihr nach acht Jahren die Flucht aus dem Kellerverlies ihres Enführers. Nun hat Natascha Kampusch im Fernsehen über ihr neues Leben gesprochen. Sie findet sogar versöhnliche Worte für ihren Peiniger.
Ein Jahr nach ihrer Flucht aus den Händen ihres Entführers Wolfgang Priklopil hat die inzwischen 19 Jahre alte Österreicherin Natascha Kampusch noch immer gesundheitliche Probleme, die von ihrer acht Jahre langen Gefangenschaft herrühren. „Jetzt geht es mir sukzessive besser, obwohl ich noch immer recht schreckhaft bin und ich immer noch meine Kreislaufprobleme habe“, sagte die junge Wienerin am Montagabend in einem vom ORF-Fernsehen ausgestrahlten Interview.
ORF-Interviewer Christoph Feurstein war für das Interview mit Kampusch und deren Schwester Sabina Sirny nach Barcelona geflogen. „Gegen den Rat der Psychologen“, wie Kampusch zugibt. Die entspannte Urlaubsatmosphäre sollte ihr das Plaudern erleichtern. In einem roten Sommerkleid wirkte Kampusch bei der Stadtbesichtigung heiter und entspannt. Sie fühle sich nicht als Opfer, auch wenn sie so gesehen werde. „Zum Opfer machen einen nicht die anderen, sondern immer nur der Täter und man selbst“, sagte sie. Vorwürfe aus der Öffentlichkeit, warum sie überhaupt den Medienkontakt suche, kontert sie mit verblüffender Ehrlichkeit. Schließlich, so Kampusch, müsse sie ihr Leben und auch ihre Zukunft über diese Einnahmen finanzieren, sagt sie. Dem ORF, der massiv für das „Medien-Event“ warb, bescherte das Interview gute Einschaltquoten. Knapp eine Million Österreicher verfolgten am Montagabend die Sondersendung.
Ein wenig die Scheu vor anderen Menschen verloren
Nach ihrer Gefangenschaft in dem dunklen Kellerverlies ihres Kidnappers werde es sicher „noch lange dauern“ bis sie „irgendjemand wirklich voll vertrauen kann“. Kampusch sagte im ORF: „Ich habe ein klein wenig meine Scheu vor anderen Menschen verloren, und diese Ängstlichkeit ist weggegangen.“ Allerdings hätten „diese acht Jahre (in den Händen ihres Entführers) mich eben heute zu dem gemacht, was ich jetzt bin (...) Ich kann sie nicht ableugnen.“
Natascha Kampusch war im März 1998 im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg aus einem Wiener Stadtteil von dem Radiotechniker Priklopil entführt worden. Achteinhalb Jahre hielt dieser sie in einem Kellerverlies in einer Garage in einem kleinen Ort in Niederösterreich gefangen, bis ihr am 23. August 2006 die Flucht gelang. Der damals 44 Jahre alte Priklopil beging unmittelbar danach Selbstmord.
„Er tut mit immer mehr leid“
Ihr Bild von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil habe sich im letzten Jahr nicht verändert, sagte Kampusch nach Angaben der österreichischen Nachrichtenagentur APA. „Was ich nur sagen kann, ist, dass er mir nach und nach immer mehr leid tut.“ Sie sehe ihn als eine „arme Seele, verloren und fehlgeleitet“. Über die acht Jahre ihrer Gefangenschaft in einem winzigen fensterlosen Raum sprach Kampusch nicht. Es gebe keine Worte und keine Definitionen für Qual oder Leid, sagte sie.
Die junge Frau lebt heute allein in einer Wohnung in Wien. Sie sei nicht immer so stark wie sie erscheine, gab Kampusch zu. Sie würde jedoch nicht in der Öffentlichkeit zusammenbrechen oder weinen. „Das regle ich für mich privat“, sagte sie.
Kein Partygirl und auch kein Superstar
Kampusch holt ihre versäumte Schulbildung mit Privatlehrern nach und besucht in Wien die Fahrschule. Vor einigen Wochen war sie beim Tanzen in einer Wiener Diskothek mit einem jungen Mann abgelichtet worden. Zeitungen, die das Bild veröffentlichten, schrieben, das sei ihr erster Freund. Kampusch selbst sprach von einer Zeitungsente. „Das ist eben das Witzige daran, weil die wissen das ja nicht und behaupten das einfach so“, sagte sie. Sie wolle nicht wie das Partygirl Paris Hilton in der Öffentlichkeit stehen und sie wolle auch kein Superstar sein. „Ich möchte, dass ich und mein Fall ernst genommen werden, dass die Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden“, sagte Kampusch.
Sie wünsche sich, dass die Menschen mit ihr „etwas sensibler“ umgingen „und nicht irgendwie drauflos fotografieren“. Sie sei kein Superstar. Als Kind habe sie so etwas Ähnliches werden wollen wie ein Hollywood-Star - die Medien wollten aber „eher so eine Art Partyluder oder einen Mausi-Lugner-Paris-Hilton-Verschnitt aus mir machen“.
„Man soll nicht Böses mit Bösem vergelten.“
Im Gespräch mit dem ORF-Journalisten Feurstein sagte die junge Frau, die inzwischen ihren Hauptschulabschluss nachmacht, dass das, was er ihr angetan habe, „einfach weiter in die Ferne gerückt“ sei. Um das Trauma der Entführung und Gefangenschaft aufzuarbeiten, sei sie sogar an den Ort ihrer Gefangenschaft zurückgekehrt: „Es kommen schon gewisse Erinnerungen hoch, wenn sie da diesen dicken Betonblock sehen und sich denken, da waren sie drinnen eingesperrt“. Allerdings sei dieses Haus für sie inzwischen „nur ein Schauplatz“. Auch Kleidungsstücke aus der Zeit ihrer Gefangenschaft trägt die 19 Jahre alte Frau weiterhin. „Gewisse Erinnerungen“ haften an den Socken und T-Shirts, erzählte sie.
Kampusch erklärte, sie wolle „das Beste aus ihrer jetzigen Situation machen“. Das habe sie auch in den acht Jahren ihrer Gefangenschaft gemacht: „Warum soll ich negativ oder böse sein? Man soll nicht Böses mit Bösem vergelten“, sagte sie dem ORF.
Tod Priklopils eine Art Sieg
Kampusch bestätigte in dem Interview, dass sie nach dem Selbstmord ihres Entführers am Sarg Priklopils „Abschied genommen“ habe. Schließlich habe sie ihm einmal „zynisch“ geschworen: „Eines Tages werde ich auf deinem Grab tanzen.“ Kampusch sagt weiter: „Das war natürlich nicht der Fall, aber es war schon auch eine gewisse Genugtuung dabei, so eine Art Sieg“, schildert sie ihre Gefühle über den Tod des Entführers. „Es war immer klar, es konnte nur einen von uns beiden geben und ich war das, letztendlich, und er nicht. Das war auch so ein bisschen Bedauern dabei, Mitleid.“
In dem Interview kritisierte Kampusch auch das kürzlich von ihrer Mutter Brigitta Sirny veröffentlichte Buch über die Zeit ohne ihre Tochter. „Sie muss das für sich selbst vertreten können und offenbar ist das so und das kann ich nicht ändern“, meinte die Wienerin. „Ich würde anders handeln, das ist klar, jeder hat sein eigenes Gewissen und jeder wiegt für sich ab, was ethisch und moralisch vertretbar ist. Vorwürfe gab es auch an die Adresse ihres Vaters, der „im Umgang mit der Presse naiv“ sei.