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Nanga Parbat Eine Blume für Karl

 ·  Vor einem Jahr ist der Bergsteiger Karl Unterkircher am Nanga Parbat umgekommen. Seine Frau bleibt mit den drei kleinen Kindern zurück. Im Herbst will sie selbst in den Himalaya reisen und auf der „Märchenwiese“ am Unglücksort Blumen pflücken.

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Wenn man jemanden verloren hat, und dann auch noch so, so jung, so tragisch, so ergreifend, dann erwarten die Leute dasselbe von der Trauer: die ganz großen Gefühle. Silke Perathoner ist aber nicht bereit, solche Erwartungen zu bedienen. Sie ist auch nicht der Typ für so etwas. Da ist sie wie ihr Karl: zurückhaltend, stark. Reporter, die sie kurz nachdem es passiert war, zu Hause besuchten – sie ließ sie zu sich, weil sie die Herrschaft behalten wollte über das, was sowieso geschrieben worden wäre – diese Reporter schrieben: Sie schluchzte, sie weinte. Sie habe nicht geschluchzt, nicht geweint, sagt Silke Perathoner. Jedenfalls nicht in Anwesenheit der Reporter.

Die junge Frau, gerade 36 Jahre alt, sitzt auf der kleinen Bank vor ihrer Wohnung, in die sie 2001 mit ihrem Lebensgefährten Karl Unterkircher gezogen ist. Sie hätte ihn auch geheiratet, aber er wollte nicht, wegen des ganzen Brimboriums drum herum. Wenn sie den Blick hebt, über die Köpfe ihrer drei kleinen Kinder hinweg, schaut sie auf den Langkofel, das Wahrzeichen des Grödnertals. Der Berg ist mächtig, wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll wie die Rakhiotwand am Nanga Parbat, die Karl so viel Furcht einflößte und die er dennoch mit Walter Nones und Simon Kehrer vor einem Jahr als Erster durchsteigen wollte. Karl ging gerne hinaus, in Richtung Langkofelgruppe, gerne mit anderen, gerne aber auch allein, am besten dorthin, wo sonst keiner war. Wie früher, beim Skifahren, als er seine Trainer zur Weißglut trieb, wenn er fernab der Piste fuhr. Einmal hat er Silke gefragt: „Wie wäre es, wenn wir in die Belluneser Dolomiten ziehen, dorthin, von wo alle anderen weggehen?“ Wenn sie diesen Karl noch einmal haben könnte, sagt Silke Perathoner heute, nur für zwei Stunden, würde sie mit ihm wieder in die Berge gehen. Da draußen, sagt sie, spüre sie am meisten, dass Karl noch immer da sei und sie beschütze.

Er sei froh, bald heimzukommen, sagte er

Auf ihrem sehnigen Arm hält sie das Kleinste der drei gemeinsamen Kinder, Marco, der mit seinen zwei Jahren dem Vater schon so ähnlich ist. Er wird sich später nicht mehr an ihn erinnern, nur die vielen Pokale, Fotos und Filmaufnahmen im Schnee und Eis, von denen Marco eine Zeitlang gar nicht lassen konnte, werden noch da sein. Er läuft schon und spricht, der Kleine, meist nur ein paar Worte auf Ladinisch, die haben es ihm aber angetan: „Gaga lutra merda, gaga lutra merda“: Dünnschiss. Die Mutter lässt ihn gewähren. Sie weiß, dass es Schlimmeres gibt.

Am 15. Juli 2008 kam Karls Manager und Freund Herbert Mussner nach einem Telefongespräch mit Simon Kehrer von seiner Pension weiter oben im Dorf herunter zur Wohnung von Silke und Karl und hat die Nachricht überbracht. Marco war noch zu klein, um zu merken, dass die Mama anders ist als sonst. Die beiden Älteren, der Junge und das Töchterchen, haben mehr mitbekommen. Vor allem Alex, der in dem kleinen Garten vor der Wohnung mit den Nachbarskindern so unerbittlich Fußball spielt, dass er es nur vom Vater haben kann. Er ist der Älteste, kam 2002 zur Welt, als sein „Tati“, der Papa, noch nicht im Guinnessbuch der Rekorde stand. Alex muss etwas gespürt haben, vorher. Wenn das Telefon vom großen Berg im Westhimalaya her klingelte, sei er immer weggelaufen, sagt seine Mutter. Nur beim allerletzten Anruf, da habe er kurz mit dem Tati gesprochen. Auch sie habe das getan, sagt sie: nicht viel, ein bisschen über das Wetter, die Hitze, die Karl eigentlich so mochte. Morgen wollten sie angreifen, sagte er. Wie die Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg den Berg überfallen. Und dass er froh sei, bald wieder heimzukommen, sagte er auch noch. Mehr nicht. Es ist teuer, übers Satellitentelefon zu sprechen.

Karl wollte seinen Traum nicht begraben

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