http://www.faz.net/-gum-87s22

Schwierige Vornamen : „Lilly nimmt keiner ernst“

  • -Aktualisiert am

Charaktername: In „Fack ju Göhte 2“ spielt Chantal eine tragende Rolle. Bild: Constantin Film

Chantal oder Kevin haben seit Jahren einen schlechten Ruf. Warum ist das so? Darüber diskutieren ab diesem Montag Wissenschaftler auf der „Mainzer Namentagung“. Die Namensforscherin Damaris Nübling erklärt im Interview, wie Vornamen uns prägen.

          Frau Nübling, Sie veranstalten die „5. Mainzer Namentagung“. Sind Sie glücklich mit Ihrem Vornamen?

          Ja. Er ist ausgefallen und nicht allzu weiblich. Die meisten halten Damaris für einen männlichen Vornamen, weil er auf „s“ endet. Aber für mich ist das kein Problem, im Gegenteil

          Wie finden Sie meinen - Michael?

          Ein neutraler Name, der trendresistent ist und kaum soziale Informationen mit sich trägt. Sind Sie denn zufrieden?

          Nein, er hat etwas Beliebiges, dann die leichte Abwandlung ins Weibliche und diese Kurzform - „Michi“. Die ist infantil.

          In meinen Seminaren frage ich die Studenten öfter, ob sie zufrieden sind mit ihren Vornamen. Gut 20 Prozent sagen: Wenn ich dürfte, würde ich meinen Vornamen ändern. Ähnlich wie bei Ihnen ist der Name vielen zu normal.

          Namensforscherin Damaris Nübling: „Viele sagen: Mein Name ist mir zu kindisch.“

          Was können Eltern ihrem Kind bei der Vornamensgebung im schlimmsten Fall antun?

          Sie können einen zu ausgefallenen Namen wählen, der womöglich auch noch jemanden nachbenennt. Das ist immer riskant. Ich habe aus dem Ruhrgebiet gehört, dass der Name Raúl seit wenigen Jahren vermehrt vergeben wird.

          Wie der ehemalige Fußballspieler.

          Der dürfte eine ziemlich kurze Halbwertszeit haben. Eltern wollen sich selbst und ihre eigene soziale Schicht benennen, denken aber nicht an das Kind.

          Wann wird ein Name zur Belastung?

          Viele sagen: Mein Name ist mir zu kindisch. Menschen mit sogenannten Lallnamen, wie etwa Lilly, könnten als Erwachsene nicht ganz ernst genommen werden. Daher bin ich dafür, es den Kindern zu überlassen, sobald sie volljährig sind, sich selbst einen Rufnamen zu geben. In Schweden ist das etwa der Fall.

          Kevin und Chantal haben seit Jahren einen schlechten Ruf. Was ist an beiden Namen so verwerflich?

          Bei beiden Namen wurde eine regelrechte Hetzkampagne betrieben. Da scheint sich ein richtiger Schichtendiskurs abzuspielen, der sich auf diese beiden Namen fokussiert. Ich habe den Eindruck, das ist eine ganz billige Polemik, bei der man sich über andere Menschen stellt, nur weil man einen anderen Namen hat.

          Es besteht also ein Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Eltern und der Vornamensgebung?

          Ja. Oberschichtnamen sind bislang nach unten diffundiert und werden von den unteren Schichten aufgenommen. Seit einiger Zeit sehen wir aber, dass die unteren Schichten sich bei der Namensgebung abkoppeln und nicht mehr die oberen, die bürgerlichen Namen adaptieren. Das sind dann tatsächlich Namen aus dem Privatfernsehen. Dann kommen diese berühmten Bindestrichnamen, wie zum Beispiel Chantal-Sue.

          In Deutschland sind die beliebtesten Vornamen seit Jahren ähnlich. 2014 waren es Emma und Ben. Wie entsteht so ein Trend?

          Bei der Vornamensgebung haben wir nicht ständig neue Moden. Es geht auch weniger um konkrete Einzelnamen, sondern um Namensstrukturen. Jetzt sind kurze Namen beliebt, solche mit weichen Konsonanten und klangvollen Vokalen, wie Lea, Maria, Laura.

          Warum ist das so?

          Diese weichen Laute sind kindliche Laute, die Kinder in ihrem Spracherwerb schon sehr früh produzieren können. Das deutet darauf hin, dass wir seit einiger Zeit den Kindern Namen geben, die sie selbst aussprechen können. Wir benennen damit Kinder als Kinder. Die Frage ist, ob die Kinder mit diesen Namen später groß werden wollen.

          Ein Ben ist schwer vorstellbar als Großvater.

          Wir werden uns daran gewöhnen. Die Namen wachsen mit ihren Trägern.

          Kann die Vergabe eines Spitznamens nicht oftmals noch schlimmere Auswirkungen haben?

          Das ist das Wesen von Spitznamen. Die werden einem von der Umwelt verpasst, weil sie bestimmte Lebensphasen charakterisieren, und wenn der Spitzname auch noch eine unliebsame Eigenschaft benennt, dann kann jemand darunter leiden. Denn wirklich effizient dagegen wehren kann man sich nicht.

          Weitere Themen

          Das verlorene Paradies

          Brände in Kalifornien : Das verlorene Paradies

          In Kalifornien sind die Brände erst zu vierzig Prozent eingedämmt. Mehr als sechzig Menschen verloren bisher ihr Leben, Hunderte werden vermisst. Dem Besuch von Präsident Trump sehen die vor den Flammen Geflohenen mit gemischten Gefühlen entgegen.

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.

          Flugzeug mit Ionenmotor : Lautlos fliegen wie bei Star Trek

          Der Traum existiert schon lange, jetzt konnten Ingenieure am MIT ihn erstmalig realisieren: Sie konstruierten ein Flugzeug, das von einem rein elektrisch erzeugten Ionenwind getragen wird.
          Er als erster in stillem Protest auf dem Taksim-Platz, aber er stand nicht lang allein:  Erdem Gündüz gehört zu den vierzehn Verhafteten.

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.