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Nachruf auf Joy Fleming : Mama Blues

Joy Fleming bei ihrem Auftritt 1975 beim Vorentscheid für den Grand Prix d’ Eurovision de la Chanson, bei dem sie ihren Titel „Ein Lied kann eine Brücke sein“ präsentierte. Bild: dpa

Die Sängerin Joy Fleming ist gestorben. Sie war zu gut für den „Eurovision Song Contest“. Doch trotz großartiger Stimme war ihr keine große Karriere vergönnt.

          Sie war zu gut für den „Eurovision Song Contest“ (ESC). Zumindest aus Sicht derer, die kein gutes Haar an dem „Schlagerwettbewerb“ lassen. Wie sonst lässt sich der 17. Platz (bei 19 Teilnehmern) beim ESC in Stockholm im Jahr 1975 erklären? Noch immer streiten sich die Experten, warum Joy Fleming damals mit ihrer großartigen Ballade „Ein Lied kann eine Brücke sein“ so abstürzte. Ehrlicherweise muss man sagen: Der Auftritt war eine ziemliche Zumutung. Die Stimme viel zu laut, die Sängerin viel zu hektisch, das Kleid einfach schrecklich. Überhaupt das Kleid! Angeblich bestand der Unterhaltungschef des Hessischen Rundfunks, Hans-Otto Grünefeldt, darauf, dass Joy Fleming nicht, wie sie wollte, in einem Hosenanzug, sondern in einem Abendkleid antrat, das augenscheinlich aus einem grünen Samtvorhang zusammengenäht worden war. Es war, gelinde gesagt, unvorteilhaft. Sie will es aus Wut danach zerschnitten haben. Dass es vorher beim Hessischen Rundfunk schon geheißen hatte, „so eine“, gemeint war „so eine Dicke“, könne doch nicht Deutschland vertreten, wusste Joy Fleming da noch gar nicht.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Joy Fleming aber konnte. Sie versuchte es danach noch drei Mal für Deutschland beim ESC: 1986 wurde sie beim Vorentscheid Vierte, 2001 und 2002 jeweils Zweite. Doch Joy Fleming gehörte bei weitem nicht nur zu den vielen gescheiterten ESC-Teilnehmern, deren Karrieren mit dem Grand Prix schon wieder beendet waren. Auch wenn die gebürtige Pfälzerin eine große Karriere nie hingelegt hat. Dabei hatte sie etwas, um das sie selbst Janis Joplin beneidete. „You have got the best voice I’ve heard in Germany“, habe die amerikanische Sängerin vor ihrem Konzert 1969 in der Jahrhunderthalle in Frankfurt zu ihr gesagt, erzählte Joy Fleming. In Wirklichkeit soll die zugedröhnte Joplin sogar einen Wutanfall bekommen haben, als sie hörte, wer da in ihrem Vorprogamm sang und ihr die Schau zu stehlen drohte: „Who’s that fucking bluesy girl“, habe die Amerikanerin über die Deutsche geschimpft.

          Joy Fleming, 1944 als Erna Raad in Rockenhausen in der Pfalz geboren, hatte keine einfache Kindheit. Ihr saufender Vater schlug sie und ihre Mutter, wie Fleming in ihren Lebenserinnerungen „Über alle Brücken“ schrieb. Ihren Schmerz sang sie sich von der Seele. „Ernalein, wer singt dann so schee aus dem Radio“, habe ihre Mutter dann immer gerufen.

          Sie sang überall, wo man sie singen ließ

          Der Vater hörte Jazz, Swing und Blues, hatte Platten von Peggy Lee, Stan Kenton und Sarah Vaughan. Mit 14 Jahren sang Erna, mit einem Aufpasser an ihrer Seite, genau diese Musik in Bars und Kneipen für die in Mannheim stationierten Amerikaner. Mit 16 ging sie nach einer Lehre als Verkäuferin nach Frankreich. Auch dort sang sie überall, wo man sie singen ließ. Ende der sechziger Jahre wurde schließlich der Südwestfunk auf ihre Stimme aufmerksam, ein Auftritt im „Talentschuppen“ folgte und verhalf Joy Fleming zum Durchbruch. Es hätte der Beginn einer großen Karriere werden können, doch sie verspielte ihre Chancen. Ihr größtes Manko war, wie sie meinte, dass sie nicht in die Zeit passen wollte. In Deutschland waren damals schnulzige Schlager angesagt, die sie nur ungern sang. Erfolg hatte sie nicht, denn ihr fehlte, was eine Katja Ebstein, Gitte Haenning oder eine Vicky Leandros hatte: gutes Aussehen. Sie litt darunter und ließ es auch an den Konkurrentinnen aus, über die sie herzog, was ihr zusätzlich schadete. Später sagte sie: „Ich weiß nicht, warum das Äußere so überbewertet wird. Louis Armstrong war auch nicht schön, oder Ella Fitzgerald.“ Joy Fleming war zudem beratungsresistent. Manager verzweifelten an ihr. Tolle Stimme, aber zickig, hieß es über sie.

          1972 kam ihr „Mannemer Neggabriggebluus“ heraus, in dem sie in heimatlicher Mundart von einer betrogenen Frau singt, deren Mann immer zu einer anderen Frau über die Neckarbrücke geht. Es wurde ihr Lied, das sie fortan auf Konzerten meist zum Schluss sang. 1975 folgte ihr verpatzter Grand-Prix-Auftritt. Er schadete ihr, aber sie machte weiter, wurde zum Geheimtipp mit oft ausverkauften Konzerten. Und sie genoss es auch, Mutter (von vier Kindern) und Hausfrau zu sein.

          Aufhören aber kam nicht in Frage. Sie sei eben ein altes Showpferd, das immer wieder in die Manege gehe. Auch weil sie das Geld gut gebrauchen konnte. Ihr letztes Album von 2010 hieß passenderweise: „So bin ich“. Zuletzt bot die Frau mit der Drei-Oktaven-Stimme sogar Gesangsunterricht an. „Ich singe ebbe, bis ich nicht mehr kann. Ich will auf der Bühne umfalle. Lieber wie in der Küch beim Kartoffelschälen“, sagte sie vor ein paar Jahren. Beides war ihr nicht vergönnt. Am Mittwoch ist Joy Fleming im Alter von 72 Jahren gestorben.

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