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Nachlass von Otto von Habsburg : Ein unwiderstehliches Angebot

Otto von Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaiserpaars: seine Nachlässe kommen nach Ungarn. Bild: dpa

Österreichs Boulevard wittert eine Verschwörung, weil Ungarns Präsident Viktor Orbán die Erben Otto von Habsburg so sehr umgarnte. Nun werden seine Nachlässe in Budapest aufbewahrt.

          Der Nachlass des Kaisersohnes, einstigen österreich-ungarischen Thronfolgers und späteren Europaabgeordneten Otto von Habsburg soll in einer Privatstiftung in Ungarn aufbewahrt und gepflegt werden. Das ist kurz vor Weihnachten durch die Familie Habsburg bekanntgegeben worden. Ungarn hat unter anderem dafür ein Gesetz zu Privatstiftungen verabschiedet. Gespräche mit österreichischen Institutionen über eine mögliche Nachlassverwaltung waren zuvor ohne Ergebnis geblieben.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Die Nachrichtenagentur APA zitierte eine Stellungnahme des Hauses Habsburg-Lothringen, wonach es konkrete Gespräche mit dem Bundesland Niederösterreich gegeben habe, ob das Archiv Ottos im Stift Klosterneuburg bei Wien aufbewahrt werden könne. Das hätte insofern nahegelegen, als das Kloster im 18. Jahrhundert durch die Habsburger Kaiser mit der Absicht erweitert worden war, es zu einer Art Familienkloster nach dem Vorbild des spanischen Escorial zu machen; aus finanziellen Gründen blieb das aber bei – immer noch ansehnlichen – Rudimenten. Die Leichname der bedeutenderen Familienmitglieder wurden weiterhin in der Kapuzinergruft in der Wiener Innenstadt beigesetzt.

          Was den Nachlass des 2011 verstorbenen Erzherzogs Otto betrifft, hieß es in der Habsburg-Mitteilung: „Die Verhandlungen (mit Niederösterreich) zogen sich über zwei Jahre, eine konkrete Realisierung zeichnete sich in der Zeit allerdings nicht ab.“ Offenbar ging es dabei nicht nur um die finanzielle Ausstattung, sondern auch darum, dass der Nachlass in Privatbesitz bleiben und nicht in einem staatlichen Archiv aufgehen sollte. Hierfür wäre sonst das Österreichische Staatsarchiv in Frage gekommen. Die Republik Österreich hatte nach dem Ende der Monarchie 1918 die Mitglieder der Familie Habsburg per Gesetz vollständig enteignet – bis auf diejenigen, die ausdrücklich einen Verzicht auf etwaige Thronansprüche leisteten. Das Staatsarchiv stellte wegen zahlreicher Nachfragen klar, dass „die vom 12. bis in das 20. Jahrhundert reichenden Bestände des Habsburg-Lothringischen Hausarchivs selbstverständlich weiterhin in staatlicher Obhut, nämlich in der Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs, verbleiben und der interessierten Öffentlichkeit für Forschungszwecke zur Verfügung stehen“. In Ungarn werde ausschließlich der private Nachlass Ottos von Habsburg in eine private Stiftung eingebracht.

          Österreichs Boulevard ist empört

          Zu dem Missverständnis, dem da begegnet wurde, mögen die Schlagzeilen in österreichischen Medien beigetragen haben. Sie schwankten zwischen Bedauern, Neid und Häme. Bei der titelgerecht betroffenen „Kronen-Zeitung“ hieß es beispielsweise: „Österreich verliert Habsburg-Erbe an Ungarn“. Abgebildet wurde dazu Kaiser Franz Joseph I., um den es hier zwar nicht ging und der nicht einmal ein direkter Vorfahre Ottos war, dessen markantes Gesicht aber eingängig ist. Das oberösterreichische „Neue Volksblatt“, das die Meldung zuerst brachte, gab ihr noch eine andere Note. Es titelte: „Orbán schnappt Österreich Habsburg-Nachlass weg“.

          Tatsächlich geht diese Nachlassfrage auf den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zurück. Er sprach Anfang 2016 den in Ungarn lebenden jüngeren Sohn Ottos von Habsburg, Georg, an, ob Ungarn als Standort für das Archiv in Frage käme. Die gesetzlichen Grundlagen dafür wurden noch im Herbst gleichen Jahres geschaffen. Das Archiv soll nun auf der Budapester Burg aufbewahrt, wissenschaftlich aufgearbeitet und digitalisiert werden, wie seitens der Familie verlautete. Ein Beamter des Landes Niederösterreich, in dem Klosterneuburg liegt, versicherte im „Neuen Volksblatt“, an der Finanzierung wäre das Projekt im Stift nicht gescheitert. Die Habsburger hätten vollendete Tatsachen geschaffen. Familienchef Karl habe mitgeteilt, „dass er von Orbán ein Angebot habe, das er nicht ausschlagen konnte“.

          Die Nähe Orbáns zu den Habsburg-Erben

          Anders als Freunde des klassischen Kinos („Der Pate“) vermuten könnten, ist mit dieser Formulierung keine Drohung gemeint, sondern ein Versprechen: standesgemäße Unterbringung und Betreuung des Nachlasses zum Beispiel. Nicht nur in diesem Punkt hat der ungarische Regierungschef gezeigt, dass er um Nähe zum einstigen Königshaus bemüht ist. So ist Ottos Sohn Georg zum Sonderbotschafter Ungarns für die Bewerbung des Landes um die Austragung der Olympischen Spiele 2024 ernannt worden. Und ein Spross eines anderen Zweiges der Familie, Eduard von Habsburg, ist seit einem Jahr in Rom ungarischer Botschafter beim Vatikan. „Wir haben beschlossen, das habsburgische Erbe liebevoller zu pflegen als jedes andere Land, inklusive Österreich“, sagte der ungarische Sozialminister Zoltán Balog der Wiener „Presse“ zu diesem Thema.

          Otto von Habsburg hatte für Ungarn aber auch persönlich Bedeutung. Nicht deshalb, weil sein Vater, der letzte österreich-ungarische Kaiser und König Karl, nach 1918 in einem putschartigen Restaurationsversuch gescheitert war und zeitweilig im Kloster Pannonhalma am Plattensee interniert wurde. Viel später, zu Zeiten der Teilung des Kontinents, hatte Otto als Europaparlamentarier (auf dem Ticket der CSU) und als Präsident der Paneuropa-Union ein besonderes Augenmerk auf die Länder Ost-Mitteleuropas. In Ungarn betätigte sich die Paneuropa-Union – eine in den 1920er Jahren gegründete Nichtregierungsorganisation, deren Name Programm ist – schon vor der Wende von 1989.

          Legendär ist ihre Beteiligung am „Paneuropäischen Picknick“ an der ungarisch-österreichischen Grenze unter Schirmherrschaft Ottos von Habsburg und des ungarischen Staatsministers Imre Pozsgay. In dessen Folge gelang Hunderten DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. Ein sehr persönlicher Teil seines Nachlasses befindet sich ohnehin schon in Ungarn. Seine Gebeine ruhen in der Kapuzinergruft, doch hatte er verfügt, dass sein Herz in Pannonhalma beigesetzt werde.

          Quelle: F.A.Z.

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