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Veröffentlicht: 11.01.2016, 10:23 Uhr

Nach Übergriffen in Köln Deutsche Werte im Stresstest

Wie die Republik über Köln und die Folgen streitet, zeigt, dass wir unseren eigenen Werten nicht vertrauen – Regeln für das alltägliche Miteinander, die wir doch eigentlich auch an die neuen Deutschen vermitteln möchten und müssen. Eine Analyse.

von
© Imago Eine Woche nach den Übergriffen in der Silvesternacht geht das Leben am Hauptbahnhof in Köln wieder seinen Gang.

Eine wahrlich verdruckste, verkorkste, letztlich unreife Debatte über Flüchtlinge und Einwanderer, Sexismus und Männergewalt, Rechtsstaat und Polizei haben wir in Deutschland da geführt in der vergangenen Woche.

Bertram  Eisenhauer Folgen:

Will man sie in ihrer ganzen Ratlosigkeit noch einmal abschreiten, dann vielleicht am besten entlang ihrer schlagendsten Zitate. „Ich habe noch nie so viele heulende Frauen gesehen“ – so fing es an, mit diesen Worten schilderte eine 31-jährige Augenzeugin die Ereignisse der Silvesternacht. Während die Republik und ihre Medien sich noch den Winterferienschlaf aus den Augen rieben, drangen die Umrisse des verstörenden Geschehens allmählich ins allgemeine Bewusstsein.

Und weil es dabei um Deutschland und mutmaßliche Migranten ging, gab es zwei vorherrschende Reaktionen: die Dramatisierung und die Verharmlosung. Von einer „Gang-Bang-Party rund um den Kölner Hauptbahnhof“ fabulierte Alice Schwarzer; der Publizist Jakob Augstein verstieg sich zu der Aussage: „Ein paar grapschende Ausländer, und schon reisst (sic) der Firnis der Zivilisation.“

Sexismus „nicht zur Ausländerfrage erklären“

Unübersehbar war gerade bei der Politik in diesen ersten Tagen das unbedingte Bemühen, die Aufregung über „koelnhbf“ – so bald der Hashtag auf Twitter – von der Diskussion über die neue deutsche Flüchtlingspolitik fernzuhalten und den Ressentimentgewinnlern von AfD bis Pegida nur bloß kein Material zum weiteren Zündeln zu liefern. Auch die politischen Vorfeldorganisationen in Blogs und Zeitungen taten dafür ihr Bestes, und da wurde dann auch manch haarsträubendes Argument bemüht.

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Die „taz“ schrieb: „Als ob es in Deutschland ohne Einwanderer keine Diebstähle, keine Vergewaltigungen und keine Morde gäbe“ – was natürlich niemand jemals behauptet hatte. Man dürfe den Sexismus „nicht outsourcen und zur Ausländerfrage erklären“, mahnte eine Kolumnistin auf „Spiegel Online“ – ganz so, als ob das Land nicht, im Privaten wie im Öffentlichen, an Esstischen und in Zeitungen, ständig über Geschlechterbeziehungen streite, als ob man sich – da hat Alice Schwarzer dann allerdings wieder recht – so gar keine Sorgen über den „Import von Männergewalt, Sexismus und Antisemitismus“ machen müsste.

Besonders unkalkulierbar war in der Frühphase der Debatte der Hinweis, den man nicht nur von den habituellen Leisetretern hörte, es sei in jener Nacht vornehmlich um Eigentumsdelikte und nur in zweiter Linie um sexuelle Übergriffe gegangen, und überhaupt seien die Täter von der Domplatte ja Gewohnheitskriminelle vor allem aus Nordafrika gewesen und nicht etwa Syrer oder andere Menschen, die in der aktuellen Flüchtlingswelle zu uns gekommen waren – als ob der Taschendieb aus Marokko nicht gerade ein schlagendes Beispiel dafür wäre, wie die Integration von Migranten misslingen kann. Man musste Leuten, die so redeten, fast die Daumen drücken: Hoffentlich findet sich am Ende nicht doch ein Bürgerkriegsflüchtling aus Damaskus unter den Tätern.

© afp Gedrückte Stimmung nach Übergriffen in Köln

Merkel zeigte sich „auch persönlich“ betroffen

Doch dann, gegen Ende der Woche, wurde das Bild aus Köln immer deutlicher; mehrere Medien machten zum Beispiel einen internen Bericht der Bundespolizei öffentlich, der notierte, was Beamten aus den Reihen der Menge entgegengehalten worden sei: „Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen.“ Ob die Flüchtlinge in dem entfesselten Mob nun vor allem für Diebstähle und eher nicht für sexuelle Übergriffe verantwortlich waren, worauf die bisherigen Ermittlungen angeblich hindeuten, was im Einzelfall aber schwer zu ermitteln sein dürfte: „Frau Merkel hat mich eingeladen“ – so ein offiziös kolportierter Satz muss vor allem für die professionellen Abwiegler das worst-case scenario sein.

Da konnte dann selbst die Kanzlerin nicht mehr anders, als sich „auch persönlich“ betroffen zu zeigen und politisch zuzugeben, wenngleich noch immer in beinahe kodierter Form: „Natürlich ergeben sich aus dem, was da passiert ist, einige sehr ernsthafte Fragen, die über Köln hinausgehen. Gibt es Verbindungen, gibt es gemeinsame Verhaltensmuster, gibt es in Teilen von Gruppen auch so etwas wie Frauenverachtung?“

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