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Mutter von intersexuellem Kind : „Man muss viel erklären“

Blau oder Rosa?: In unserer Gesellschaft wird immer noch in „Typisch Mädchen“ und „Typisch Junge“ unterschieden. Bild: Imago

Gerade hat sich das Bundesverfassungsgericht für ein drittes Geschlecht im Geburtsregister ausgesprochen. Wir haben mit der Mutter eines intersexuellen Kindes über den Alltag in einer Gesellschaft gesprochen, die bei Kindern nur in Rosa und Blau denkt.

          Wann haben Sie erfahren, dass Ihr Kind intersexuell ist?

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es kam deutlich zu früh auf die Welt. Die Hebamme hat mir dann direkt nach dem Kaiserschnitt gesagt: „Es ist ein Junge.“ Meinem Mann aber, der unser Kind auf die Intensivstation begleitet hat, haben die Ärzte gesagt: „Es ist wahrscheinlich ein Mädchen.“ Da war uns dann schon schnell klar, das ist eine merkwürdige Situation. Aber durch die Frühgeburt hatten wir erst einmal ganz andere Sorgen. Die genaue Diagnose Gonadendysgenesie haben wir dann einige Wochen später erst erfahren.

          Was steckt hinter dieser Diagnose?

          Unser Kind hat einen männlichen Chromosomensatz, aber der Penis ist nur schwach ausgebildet, ebenso wie ein Hoden. Der andere befindet sich im Bauchraum. Außerdem hat unser Kind eine Gebärmutter und eine Vagina.

          Nachdem die Ärzte Ihnen diese Diagnose mitgeteilt hatten, wie ging es weiter?

          Für mich war diese Diagnose erst mal schon überraschend. Ich hatte davon noch nicht viel gehört. Aber da wir eher große Sorgen um die Gesundheit wegen der Frühgeburt hatten, war die Diagnose für mich jetzt nicht so schockierend. Ich bin schon immer sehr offen mit solchen Themen umgegangen. Für mich stand unabhängig von unserem Kind fest, dass man nicht nur diesen beiden Wegen, also Mann oder Frau, folgen muss. Aber trotzdem mussten wir uns natürlich damit nach der Geburt auseinandersetzen.

          Mussten Sie sich für ein Geschlecht entscheiden?

          Wir mussten uns innerhalb von einer Woche entscheiden und unser Kind in das Geburtsregister eintragen lassen. Das Geschlecht offenzulassen, das war damals noch nicht möglich. Wir haben dann ein wenig rumgedruckst, aber am Ende gesagt: Schreiben Sie weiblich rein. Wir mussten uns ja entscheiden und haben ihr dann auch einen weiblichen Namen gegeben. Wir haben uns erst mal nach der ersten Einschätzung der Ärzte gerichtet. Mehr wussten wir nach einer Woche ja auch noch nicht.

          Inzwischen ist Ihr Kind 13 Jahre alt und immer noch eine Sie?

          Sie hat immer noch einen weiblichen Namen. Wir zu Hause sagen auch immer noch sie. In der Schule sagen aber auch viele Kinder er. Unser Kind ist damit aufgewachsen, mal als sie oder er angesprochen zu werden.

          Und das stört sie gar nicht?

          Für sie ist das bisher kein Thema.

          Und für andere Kinder, etwa Mitschüler? Beim Spiel „Mädchen fangen Jungen“, wo spielt sie mit?

          Wir sind damals einfach offen mit der Situation auf Lehrer und Mitschüler zugegangen. Wir haben erklärt, wie es ist, und vor allem positive Reaktionen bekommen. Unser Kind hat keine Probleme in der Klasse.

          Vanja, der intersexuelle Mensch, der vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt hat, hat die Pubertät durchlebt, sich damit auseinandergesetzt, Frau oder Mann oder anders zu sein. Bei einem kleinen Kind spielt das alles noch keine Rolle. Wie haben Sie mit Ihrem Kind darüber gesprochen?

          Wir haben sehr früh mit ihr darüber gesprochen. Wir müssen ja regelmäßig in die Klinik, um sie untersuchen zu lassen, und da habe ich immer gesagt: Wir gehen jetzt dahin, weil die meisten Menschen Junge oder Mädchen sind, du bist ein Puzzle aus beiden und kannst dir später mal aussuchen, was du sein möchtest – oder so bleiben. Wir haben regelmäßig über das Thema gesprochen. Je älter sie geworden ist, umso mehr sind wir ins Detail gegangen.

          Und im Alltag, auf dem Spielplatz, im Kinderladen – überall wird in unserer Gesellschaft nach Jungs- oder Mädchenklamotten sortiert und nach Spielsachen, die pink glitzern oder militärisch anmuten. War es nicht schwierig, das Kind durch diese rosa-blaue Konsumwelt zu navigieren?

          Wir sind, wie gesagt, sehr offen damit umgegangen, aber wir haben es auch nicht jedem auf die Nase gebunden. Wenn jemand gesagt hat: „Ach, ein Mädchen“ oder „Das wäre doch etwas für ein Mädchen“, dann haben wir genickt, gelächelt – und gut war, wenn wir nicht aufklären wollten. Unser Kind hatte allerdings in einem bestimmten Alter mal die Mission, es allen zu erzählen.

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