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Nachhilfe auf Youtube : Stochastik in fünf Minuten

  • -Aktualisiert am

Mai Thi Nguyen-Kim erklärt Chemie für „Terra X Lesch & Co.“ und dreht auch Videos für funk. Bild: dpa

Schüler lassen sich den Lernstoff immer öfter auf Youtube erklären. Aber was taugt die digitale Nachhilfe und worauf muss man achten?

          In Blazer und Bluse steht Lisa Ruhfus vorn, Deutschunterricht, 8. Klasse. Thema heute: „Kleider machen Leute“, eine Novelle von Gottfried Keller. Die Lehrerin hat sich bei der Vorbereitung Mühe gegeben, der Stoff soll den Schülern im Gedächtnis bleiben. Den arbeitslosen Schneider mimt sie mit Schnurrbart, seine Zukünftige, das Amtsratskind Nettchen, in einer Robe aus dem 19. Jahrhundert. Als Figur und Erzählerin fasst Ruhfus die Novelle salopp zusammen. „Damit ist die Party vorbei“, erklärt sie, als der Schwindel des Schneiders auffliegt. Es kommt trotzdem zum Happy End. Die Lehrerin holt tief Atem. Die Deutschstunde ist vorüber, die Novelle erklärt – und das in rund fünf Minuten.

          Es ist fast normaler Unterricht, den Ruhfus da hält – aber eben nur fast. Denn die junge Frau befindet sich nicht in der Schule, sondern im Studio. Sie steht nicht vor der Klasse, sondern vor der Kamera. Und eine richtige Lehrerin ist sie auch nicht. Sondern Teil von „musstewissen“, einem schulbegleitenden ZDF-Projekt auf Youtube, produziert für funk, ein multimediales Inhalteformat des Senders in Kooperation mit der ARD. Auf ihrem Kanal „musstewissen: Deutsch“ interpretiert Ruhfus Pflichtlektüren wie die von Keller, erklärt Kommaregeln und deckt häufige Deutschfehler auf: „seid“ oder „seit“, „das“ oder „dass“, „als“ oder „wie“.

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          Neben Deutsch gibt es bei „musstewissen“ Nachhilfe in Chemie, Geschichte, Physik und Mathematik, an jedem Wochentag laden Studierte der jeweiligen Fachrichtung ein Video hoch. Das Format ist neu, gestartet wird mit dem Lehrplan der 8. Klassen. Jedes Jahr soll eine Klassenstufe dazu kommen.

          Keine Nische mehr

          Projekte wie „musstewissen“ sind kein Einzelphänomen. Der Trend zur Digitalisierung hat sich auch im Bereich Lehre und Nachhilfe durchgesetzt. Vor allem auf dem kostenlosen Videokanal Youtube häufen sich die Angebote. Didaktiker und Spezialisten, Freelancer und Spaßmacher erklären dort ihre Materie – mal mehr, mal weniger hochwertig. Die Angebote variieren zwischen am Lehrplan orientierten Erklärvideos, skurrilen Wissensfragen und „Edutainment“-Beiträgen, Videos also, die durch gute Unterhaltung Inhalte vermitteln.

          Und so vielfältig die pädagogischen Möglichkeiten im herkömmlichen Unterricht, so bunt auch die Methodik der E-Lehrer. Erklärt wird mit Flipchart und Powerpoint-Präsentation, iPad und Karteikarten. Experimente veranschaulichen das Gesetz der Zentrifugalkraft, Pappfiguren die französische Ständegesellschaft. Schnell wird klar: Nachhilfe auf Youtube ist längst keine kleine Nische mehr.

          Traditionellen Nachhilfeunterricht bekommen in Deutschland rund 1,2 Millionen Schüler zwischen sechs und 16 Jahren; Eltern geben knapp 900 Millionen Euro im Jahr für Nachhilfe aus. Das ergab eine Befragung der Bertelsmann Stiftung 2016. Diese Zahlen könnten in den nächsten Jahren sinken, denn immer mehr Schüler nutzen das Nachhilfeangebot auf Youtube. Die Klickzahlen der Videos schießen in die Höhe. Ruhfus’ Inhaltsangabe zu „Kleider machen Leute“ haben sich innerhalb weniger Wochen bereits 5000 User angesehen. Auf ihrem separaten Wissenskanal „Die Klugscheisserin“ hat Ruhfus bis zu 200 000 Zuschauer. Und Erklärungen zu Stochastik oder Alkanen und Isomeren von „TheSimpleClub“, einem der führenden Anbieter für Online-Nachhilfe in Europa, generieren regelmäßig bis zu 600 000 Klicks.

          Macher sind überzeugt vom Potential der Angebote

          Haben also Lehrer und Nachhilfe versagt? Reichen konventionelle Schulmethoden nicht mehr aus? Kann Youtube mehr als der ausgebildete Lehrer? Teilweise schon, findet Zara, eine 16-jährige Gymnasiastin aus Düsseldorf. Die Zehntklässlerin ist eigentlich sehr gut in der Schule, trotzdem holt sie immer wieder Unterrichtsstoff auf Youtube nach, gerade in Bio und Mathe. „Die erklären das auf Youtube manchmal echt besser als unsere Lehrer“, sagt Zara. Kommentare unter den Videos bestätigen Zaras Eindruck. „Mit euren Videos rettet ihr einfach Generationen von Schülern!!!“, schreibt ein euphorischer User unter ein Mathe-Video von „TheSimpleClub“. Ein anderer ergänzt: „In 7 Minuten besser verstanden als in 2 Jahren.“

          Kann nicht mehr alle Fragen der Nutzer beantworten: Mirko Drotschmann.
          Kann nicht mehr alle Fragen der Nutzer beantworten: Mirko Drotschmann. : Bild: Youtube

          Derartige Rückmeldungen bestätigen die Macher. Der Physik-Doktorand Philip Häusser ist überzeugt vom Potential digitaler Nachhilfeangebote. „Diese Videos sind sehr gut vor- und aufbereitet“, betont er. „Außerdem ist einfach mehr möglich, finanziell und logistisch.“ Häusser hat selbst schon Mathe-Nachhilfevideos in Kooperation mit dem Dudenverlag gedreht, erklärt für das ZDF bei „Terra X Lesch & Co“ und vor allem auf seinem eigenen Youtube-Kanal „Phil’s Physics“ physikalische Alltagsphänomene, begleitet von spektakulären Versuchen, samt Nebel und Explosionen. Dass solche Wow-Effekte spannender sind, als die Schulbank zu drücken, ist klar. Aber hinter Explosionen und ansprechenden Titeln wie „Entsteht Popcorn, wenn der Blitz ins Maisfeld einschlägt?“ verbergen sich Erklärungen zu Gewitter und Elektrizität. Die Schüler lernen also Physik. Und das auch noch freiwillig.

          Schüler sind oft motivierter

          Das ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Nachhilfeangebote auf Youtube. Deshalb sei der Lerneffekt oft höher als im klassischen Nachhilfeunterricht, sagt Häusser. „Schüler gucken sich das an, weil es sie interessiert.“ Oder eben kurz vor Klausuren, weil sie den Stoff jetzt endlich mal kapieren wollen. So oder so sind sie oft motivierter als in der Schule. Zudem wird der Weg zur Nachhilfestunde – und das Geld dazu – gespart. „E–Nachhilfe“ ist also vor allem eins: praktisch.

          Doch der Boom derartiger Angebote wird nicht nur positiv wahrgenommen. Interaktion zwischen Lehrer und Schüler, von Pädagogen gefordert, fällt weg. „Bei uns können Schüler sofort nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, das geht im Netz nicht“, erklärt Raul Simionescu, Physiklehrer an einer Realschule in Dachau. Letztlich sind Youtube-Videos die Rückkehr zum Frontalunterricht, wenngleich zu einem sehr gut aufbereiteten.

          Nicht alle Fragen können beantwortet werden

          Youtuber versuchen, dieses Manko auszugleichen. Durch Klickzahlen und die Möglichkeit, die Beiträge zu kommentieren, findet eine Art Kommunikation zwischen dem Schüler vor und dem Lehrer hinter dem Bildschirm statt. Viele virtuelle Nachhilfelehrer bieten zudem an, Fragen zu Hausaufgaben, Klausuren und Referaten digital zu beantworten. Was allerdings nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist: „Bitte schickt mir keine Fragen mehr“, schreibt „MrWissen2go“ alias Mirko Drotschmann an seine Fans; „ich bekomme pro Tag einfach zu viele Mails, als dass ich alles beantworten könnte.“

          Die 130 000 Aufrufe seines Videos „Wer ist Emmanuel Macron?“ nach der Frankreich-Wahl auf seinem Wissenskanal übersteigen die rund 30 Schüler, die ein Lehrer in einer deutschen Geschichtsklasse unterrichtet. Die Möglichkeit, Fragen direkt zu beantworten und auf Details einzugehen, hat der konventionelle Unterricht dem Youtube-Ersatz wohl voraus.

          Lehrer warnen vor inhaltlichen Fehlern

          Vor allem warnen Lehrer jedoch vor falschen Inhalten in den Videos. Denn Clips hochladen kann auf Youtube jeder. Und tatsächlich sind die digitalen Nachhilfelehrer meist keine Lehrer, manchmal haben sie nicht einmal das Fach studiert, das sie nun erklären. Physiklehrer Simionescu ist eigentlich ein Fan der Online-Angebote. Selbst zeigt er immer wieder kurze Clips im Unterricht, hat den Schülern schon QR-Codes zum Nachschauen auf Arbeitsblätter gedruckt. „Aber manchmal werden falsche Fachausdrücke verwendet und inhaltliche Fehler gemacht“, warnt er. Und Schüler, die auf Nachhilfe in den Videos angewiesen sind, verfügen wohl nicht über die nötige Fähigkeit, diese Fehler zu bemerken.

          Mit störender Werbung müssen sich die Schüler auf Youtube auch abfinden, zumindest bei Angeboten, die nicht wie „musstewissen“ von Rundfunkgebühren finanziert werden. An den Werbeeinnahmen werden die Macher der Videos beteiligt, vor allem jedoch verdient Youtube daran, weshalb es im Interesse des Videoportals liegt, beliebte Beiträge zu fördern – und nicht die inhaltlich besseren, wie Kritiker bemängeln.

          Videos in den Unterricht integrieren

          Aber nicht nur Youtube vermittelt Unterrichtsstoff mit Erklärvideos. Auch Schulbuchverlage arbeiten seit einigen Jahren verstärkt mit Erklär- und Übungsvideos, die dann eigenen Qualitätsforderungen entsprechen; auch das Nachhilfeportal „Schülerhilfe“ hat bereits ein Online-Lerncenter. Derartige Angebote sind allerdings nicht kostenlos, was schließlich dazu führt, dass Schüler wie Zara immer häufiger doch auf Youtube zurückgreifen.

          Wird das Internet die Schule also einmal völlig ersetzen? Das nicht, sagt Simionescu entschieden: „Youtube-Videos sind eine Bereicherung – aber kein Ersatz.“ Die traditionellen Methoden haben nicht ausgedient – „Schule und normale Nachhilfe ist unverzichtbar“, betont auch Ruhfus. Häusser träumt davon, digitales und analoges Lernen effizient zusammenzubringen. In deutschen Klassenzimmern werde tausendmal das Gleiche erzählt, sagt er; jedes Jahr die immergleichen Inhalte. „Da denke ich mir, das ist doch eigentlich bescheuert: Warum nicht einmal den Unterricht richtig gut vorbereiten?“ Er findet, man müsste ein herausragendes Video drehen, zu jedem Thema, und dieses dann in den Unterricht integrieren. Der Lehrer könne nach Abspielen des Videos Fragen beantworten und die Materie genauer erklären. So wünscht Häusser sich den Unterricht der Zukunft.

          Und wer weiß: Vielleicht löst die Schule irgendwann auch solche Begeisterungswellen aus, wie es die Youtube-Videos regelmäßig tun. Dann bedanken sich Schüler womöglich so überschwänglich bei Lehrern wie kürzlich eine Nutzerin bei „TheSimpleClub“: „Danke, Leute!!! Eine 4 ist dank euch morgen in der Klausur sicher drin.“

          Nachhilfe Auf youtube

          TheSimpleClub bietet Erklärvideos, Übungsaufgaben und Zusammenfassungen in acht verschiedenen Disziplinen. Abrufbar sind die Videos auf Youtube, einer eigenen App oder der Website. Behandelt werden in dem Club in lockerem Plauderton relevante Themen für Schüler und Studenten.

          Mathe by Daniel Jung heißt ein aus mehr als 2000 kurzen Videos bestehendes Angebot für Mathe-Nachhilfe. Am Whiteboard erklärt Jung ganz unprätentiös und leicht verständlich mathematische Themen von der 5. Klasse bis zum Studium.

          Musstewissen ist ein ZDF-Schulbegleitungsformat für funk, ein Content-Netzwerk auf Youtube, Facebook und Co.; Nachhilfe gibt es in fünf Fächern, inhaltlich werden schulische Themen ab der 8. Klasse behandelt.

          Phil’s Physics sollte ursprünglich nur ein Buch werden. Mit dem Erscheinen ist zusätzlich ein Youtube-Kanal daraus entstanden, auf dem der Physik-Doktorand Philip Häusser physikalische Alltagsphänomene ausprobiert und erklärt.

          Die Klugscheisserin ist ein Kanal von Lisa Ruhfus, auf dem sie Fragen beantwortet, die sich kluge Menschen schon immer gestellt haben. Dabei imitiert sie den Duktus einer strengen Deutschlehrerin. Techtastisch besteht aus kurzen Unterhaltungsvideos, in denen losgelöst von deutschen Lehrplänen anhand von Experimenten chemische Reaktionen und physikalische Phänomene vorgestellt werden.

          MrWissen2go heißt eigentlich Mirko Drotschmann. Auf seinem Kanal erklärt er Geschichte und Politik und gibt prägnante Rückblicke auf Nachrichten der Woche.

          Quelle: F.A.S.

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