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Musikvideo „Vai Malandra“ : Ludermanifest mit Cellulite

Bild: Anitta

In Brasilien befeuert ein Musikclip die Debatte über Sexismus: Sängerin Anitta will die brasilianische Frau zeigen, wie sie wirklich ist – und überträgt dabei das an den Stränden manifestierte sexistische Frauenbild auf die Dächer der Favelas.

          Am Anfang ist der Hintern, bedeckt mit einem roten Höschen. In der zweiten Einstellung des Videoclips setzt sich der Hintern auf ein Moped mit dem Kennzeichen „ANT 1256“. In der Buchstaben- und Zahlenfolge steckt eine Botschaft: Die drei Lettern stehen für Anitta, so heißt die Frau auf dem Sozius des Mopeds, die vier Ziffern spielen auf die Nummer einer Gesetzesinitiative eines Kleinunternehmers aus São Paulo an.

          Matthias Rüb

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Der hatte die Volksvertreter in Brasília im Mai aufgefordert, die Musikrichtung und zumal die populären Tanzpartys des Baile Funk wegen „Gefährdung der Gesundheit von Kindern und Heranwachsenden“ verbieten zu lassen. Denn bei den Partys in den Favelas – zumal von Rio de Janeiro – handele es sich um Rekrutierungsveranstaltungen „von Kriminellen, Vergewaltigern und Pädophilen“ mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche zum Rauschgiftkonsum zu verführen und der sexuellen Ausbeutung zuzuführen. Die von Beginn an aussichtslose Gesetzesinitiative starb im Senat einen eher lautlosen Tod.

          Die brasilianische Baile-Funk-Musik aber ist lebendig und erfolgreich wie eh und je. Dafür ist der musikalisch eher anspruchslose Ohrwurm „Vai Malandra“ von Anitta nur das jüngste Beispiel. Ihr Clip hat es auf Youtube seit seiner Veröffentlichung kurz vor Weihnachten auf 120 Millionen Zugriffe gebracht. Auf dem Musik-Streamingportal Spotify ist der Song der erste in portugiesischer Sprache, der es unter die Top 20 der Welt geschafft hat.

          Doch vor allem hat „Vai Malandra“ in Brasilien die Debatte über den Sexismus in der Gesellschaft, über das Frauenbild der Männer und der Medien sowie über das Selbstwertgefühl und die Selbstbestimmung von Frauen neu entfacht. Die Diskussion passt gut zum Sommer und zur Karnevalssaison im Februar, die informell schon begonnen hat: Dann wird das brasilianische Hochamt des wenig bedeckten Körpers besonders hingebungsvoll gefeiert.

          Gedreht wurde im August in der Favela Vidigal, einem Armenviertel Rios.
          Gedreht wurde im August in der Favela Vidigal, einem Armenviertel Rios. : Bild: Screenshot/YouTube

          Ein kalkulierter Halbskandal

          Anitta, 24 Jahre alt, heißt bürgerlich Larissa de Macedo Machado. Ihren nationalen Durchbruch als Popsternchen schaffte sie schon im Alter von 17 Jahren, seither gehört sie zum festen Inventar der brasilianischen Funk- und Pop-Szene. Einige Songs haben es sogar in den Vereinigten Staaten zu Bekanntheit geschafft, dank Unterstützung amerikanischer Rapper. Mit „Vai Malandra“ hat sie einen kalkulierten Halbskandal hervorgerufen. „Malandra“ bedeutet so viel wie Luder, „Vai Malandra“ wäre also als Kampfruf „Vorwärts Luder“ zu verstehen.

          Für diesen soll Anittas Hintern so etwas wie eine Illustration sein, zeigt er doch erkennbar Spuren von Cellulite. Sie wurden im Video gemäß Anittas ausdrücklichen Anweisungen nicht wegretuschiert. Damit will Anitta die brasilianische Frau zeigen, wie sie wirklich ist – statt das mit Photoshop bearbeitete Trugbild einer makellosen Oberfläche zu reproduzieren, wie es von Telenovelas, Illustrierten und Werbeplakaten verbreitet wird. „Die echte Frau hat Cellulite“, lautet Anittas Credo, das in den sozialen Medien einen gewissen Widerhall gefunden hat.

          Neben der echten Frau soll im Clip zu „Vai Malandra“ offenbar auch das echte Brasilien zu seinem Recht kommen. Gedreht wurde im August in der Favela Vidigal, einem der wenigen Armenviertel Rios, in dem die segensreichen Wirkungen der Anfang 2009 angestoßenen Befriedungsinitiative von Polizei und Politik noch nicht völlig verpufft sind. Bis heute können sich Besucher – wie Anitta in ihrem Clip – mit einem „Mototaxi“ durch die verwinkelten Gassen bis hoch hinauf in die Favela fahren lassen, von wo sich ein atemberaubender Blick auf Rio bietet. In den meisten anderen Favelas haben die Rauschgiftbanden wieder das Kommando übernommen, weil der faktisch bankrotte Bundesstaat Rio und auch die Stadt nicht mehr das Geld für die ständig in den Favelas stationierten Einheiten der Befriedungspolizei (UPP) und schon gar nicht für die Sozialprogramme aufbringen können.

          Doch was die Sängerin Anitta und ihre Anhängerinnen als eine Art feministisches Ludermanifest feiern, ist in Wahrheit bloß die Übertragung des drunten an den Stränden von Copacabana und Ipanema sowie in den Mainstream-Medien manifestierten sexistischen Frauenbilds auf die Dächer von Vidigal. Dort räkeln sich für Anitta dicke Frauen aus der Favela in selbst gebauten Planschbecken und tragen knappste Bikinis mit Oberteilträgern aus schwarzem Isolierband, damit beim Sonnenbad möglichst scharf konturierte Bräunungsstreifen entstehen. Derweil verteilen leicht bekleidete Männer großzügige Klapse auf die Frauenhintern – Cellulite hin oder her.

          Gedreht hat das Video der amerikanische Fotograf Terry Richardson, der wegen Vorwürfen zahlreicher junger Models, sie sexuell ausgebeutet zu haben, in Verruf geraten ist und im Zuge des Weinstein-Skandals im Oktober von den Modemagazinen schließlich geschasst wurde. Anitta wollte ihr und Richardsons Werk aber nicht verwerfen, angeblich aus Verpflichtung den Leuten von Vidigal gegenüber, die beim Dreh mitgemacht haben. Die Sängerin selbst ist übrigens weißer Hautfarbe.

          Mit ihrer Dreadlocks-Frisur gibt sie sich aber einen afro-brasilianischen Anstrich, als ob sie sich den Favela-Bewohnern, die überwiegend dunkler Hautfarbe sind, anzuverwandeln versucht. Außerdem wollen Beobachter festgestellt haben, dass Anitta bei ihrer Oberweite medizinisch hat nachhelfen lassen, was sich mit ihrem Bekenntnis zur echten Frau nicht vertrage. So wenig das von Anitta angeprangerte Gesetzesvorhaben 1256 eine Gefahr für den Baile Funk darstellte, so wenig untergräbt ihr Ludermanifest das sexistische Frauenbild der brasilianischen Gesellschaft. Viele von Anittas Kritikern sehen gerade darin den Grund für ihren Erfolg.

          Quelle: F.A.Z.

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