Lisa und Svenja haben schon um elf Uhr morgens vor der Frankfurter Festhalle gestanden. Jetzt ist es sieben, die beiden Mädchen aus Offenbach sind schon ziemlich müde und können schon zwei Stunden vor Beginn der eigentlichen Show kaum noch stehen. Aber dafür haben sie zwei der wenigen Plätze ganz vorne am roten Teppich zur Verleihung der MTV Europe Music Awards ergattert. Autogramme von Heidi Klum und den Sängerinnen Rita Ora und Taylor Swift haben sie schon in ihren Blöcken.
Der rote Teppich führt nicht etwa in die Festhalle hinein, sondern wurde in einer benachbarten Messehalle aufgebaut. 150 Meter lang ist er, damit auch all die Fernsehteams aus aller Welt einen Teil des Einmarsches der Stars mitbekommen. Die meisten der 650 Fans, die der Musiksender hier hereingelassen hat, können von dem stundenlangen Procedere kaum etwas sehen, weil sie auf einer kleinen, zehn Meter entfernten Holztribüne stehen. Sie kreischen, jubeln und singen aber dennoch artig, sobald die Stimme aus dem Off ansagt, wer als nächstes einläuft. Svenja ist begeistert: „Supercool, die Leute mal in echt zu sehen. Die sehen alle genau aus wie im Fernsehen.“
Die ganze Show ist die unverhohlene Huldigung des Pop
MTV hat gerufen. Und ungeachtet dessen, dass das Musikfernsehen schon lange, seit dem Aufkommen von Youtube, für tot erklärt wird, hat die Verleihung der silbernen Kugeln mit dem MTV-Logo an der Springfeder ihre Anziehungskraft noch nicht verloren. Viele Stars sind der Einladung nach Frankfurt gefolgt. Alicia Keys, No Doubt, Muse und The Killers gehören zu den bekanntesten Namen, Lana del Rey, Carly Rae Jepsen und die Jonas Brothers müssen erst noch beweisen, wie lange sie sich am Firmament halten können.
Den Feind umarmt der Musiksender einfach und macht Phänomene wie Psy, die nur durch Youtube groß werden konnten, zum Teil der eigenen Show. Dessen Video „Gangnam Style“ wurde auf der Internetplattform binnen weniger Wochen mehr als eine halbe Milliarde Mal angesehen. Den eigenwilligen Tanz des etwas unförmigen Koreaners hat selbst Ban Ki-Moon schon imitiert.
Durch den Sonntagabend in der Festhalle zieht sich der Gangnam-Style wie ein roter Faden. Und die imposante Show, die der Sender um den Auftritt des Koreaners inszeniert, soll zeigen: Im Internet können zig Millionen Klicks zusammenkommen, wenn jeder jederzeit Musikclips am heimischen Computer sehen kann, aber damit aus den Gestalten Stars werden, brauchen sie doch immer noch das Fernsehen. Die ganze Show ist die unverhohlene Huldigung des Pop, die perfekte Inszenierung der Glitzerwelt, der Eitelkeiten und Oberflächlichkeiten, die immer wieder neue Generationen von Teenagern begeistern.
Ein Hoch auf die Pyrotechnik
Die Produzenten haben die Festhalle in ein gigantisches altertümliches Zirkuszelt verwandelt, die Ränge sind mit gelb-rot gestreiften Planen geschmückt, von der Decke hängen Artisten an roten Seilen, Tänzer sind als große Vogel Strauße und Zebras verkleidet. Moderatorin Heidi Klum eröffnet die Show in Frack und Zirkusdirektor-Zylinder.
Sonst wird angenehm wenig gesprochen und angenehm viel und live Musik gespielt. Nach Klums kurzem, berüchtigt kiekshohem „Hello Frankfurt“ folgen gleich drei Auftritte hintereinander. Rita Ora im roten Spitzen-Jumpsuit rockt mit „R.I.P.“, die Aufsteiger von Fun spielen ihren Hit „Tonight we are young“, und Carly Rae Jepsen trällert ihr „Call me maybe“, das später noch als bestes Lied des Jahres ausgezeichnet wird.
Funken sprühen, Feuerfontänen schießen aus der Bühne, Laserstrahlen zucken durch die Halle - ein Hoch auf die Pyrotechnik. Während Alicia Keys stehend am Klavier mitten in der Halle ihre aktuelle Single „Girl on fire“ röhrt, turnt über ihr an der Decke eine Tänzerin im brennenden Reifen.
Wer die Preise gewinnt, ist nicht so wichtig
Die Halle tobt. Dabei sind die kreischenden Teenager, die ihre Karten über Gewinnspiele bekommen haben, eher klatschende Kulisse für die Fernsehübertragung als Zuschauer einer Show. Der Sound in der Halle ist nicht sonderlich gut, No-Doubt-Sängerin Gwen Stefani hört man kaum aus dem Gitarren-Geschrubber ihrer Bandkollegen heraus, die Killers bleiben hinter einem LED-Lämpchen Vorhang versteckt, was wohl nur am Fernsehbildschirm coole Effekte bietet. Das Geschehen spielt sich auf drei Bühnen ab, so dass viele Zuschauer immer wieder durch die Halle wandern müssen.
Egal. 700 Millionen Haushalte in der ganzen Welt will MTV mit seinem europäischen Großereignis erreichen. Da können die 7000 Jungen und Mädchen, die live dabei sein dürfen, sich nicht beschweren. Zumal die Chance, selbst einmal ins Fernsehen zu kommen, irgendwo im Hintergrund zu sehen zu sein, für viele das Wichtigste zu sein scheint.
Wer echtes Publikum ist und wer Teil der Show, ist manchmal schwer zu sagen. Als Carly Rea Jepsen zum Stagedive in die Menge springt, wird sie zielgenau auf die gegenüberliegende Bühne getragen. Aus dem Publikum heraus kommen dann scheinbar spontan in legerem Teenie-Schick gekleidete Jungen und Mädchen auf die Bühne gesprungen, die aber offensichtlich professionelle Tänzer sind.
Wer die Preise gewinnt, ist nicht so wichtig. Die Einspieler zu den Nominierten sind so kurz, dass die Lieder kaum zu erkennen sind. Da es kein Stehpult auf der Bühne gibt, können sich die Gewinner erst gar nicht mit langen Dankesreden aufhalten.
Han Geng: „I love MTV“
Nach Angaben des Senders wurden die Preisträger von 184 Millionen Musikfans in der ganzen Welt gewählt. So gehen viele der Trophäen, anders als ihr Name vermuten ließe, nicht an europäische Musiker. Drei der Silberkugeln nimmt die in Deutschland ziemlich unbekannte Taylor Swift mit nach Hause. Ebenso viele gehen an Justin Bieber, der sich - sehr zur Trauer vieler Mädchen in der Festhalle - nur per Videobotschaft bedankt.
Tim Bendzko hatte sich schon vor einigen Wochen als bester deutscher Künstler durchgesetzt. Auf dem roten Teppich vor der Show gibt der junge Berliner zu Protokoll, dass er schon total aufgeregt sei und fünf Tassen Kaffee getrunken habe. Doch in der Show kommt er dann überhaupt nicht vor. Er hätte sich erst gegen die europäische und dann gegen eine weltumspannende Konkurrenz durchsetzen müssen. Für den „Best worldwide Act“ wird schließlich dem Chinesen Han Geng ein Preis übergeben. Der bedankt sich auf chinesisch, nur einen Satz versteht man in der Festhalle: „I love MTV.“