18.09.2007 · Yared Dibaba stammt aus Äthiopien und entdeckte im Norden Deutschlands seine Leidenschaft fürs Platt. Inzwischen moderiert er eine Plattdeutsch-Sendung im NDR-Fernsehen, in der seine norddeutsche Kollegin für den hochdeutschen Part zuständig ist.
Von Alexander MarguierDie skurrilsten Momente im deutschen Fernsehen erlebt man bekanntlich bei den Dritten Programmen. Zum Beispiel folgenden: Ein Schwarzer im Hawaiihemd und ein mennonitischer Cowboy sitzen mitten in der paraguayischen Pampa nebeneinander auf zwei Pferden und unterhalten sich auf Plattdeutsch darüber, wie man am besten Kühe einfängt. Der Schwarze: „Wenn di nu ähn Ko einfangen doot, denn mocht ihr dat jo mäm Lasso. Is dat änfoch?“ Darauf der Cowboy: „Far ons is dat säh änfoch. Weer mochen dat ja alle Taach.“ Dann endet das Gespräch etwas unvermittelt, weil das Pferd von Yared Dibaba (so heißt der Mann im Hawaiihemd) im Rückwärtsgang aus dem Bild läuft.
Diese Szene stammt weder aus einem Comedy-Format noch aus der Werkstatt eines Experimentalfilmers, sondern aus der durchaus ernstgemeinten Sendereihe „Die Welt op Platt“ des Norddeutschen Rundfunks. Genauer gesagt aus der Episode „Paraguay op Platt“, für die ein Filmteam um den halben Globus geflogen ist, denn selbst im entlegensten Winkel lassen sich offenbar immer ein paar Leute auftreiben, die Plattdeutsch sprechen - entweder, weil ihre Vorfahren aus Norddeutschland stammen wie im Fall des mennonitischen Cowboys. Oder, weil sie es einst von norddeutschen Auswanderer gelernt haben wie jener alte Indio, der später im gleichen Beitrag noch zu sehen sein wird.
Deutsche Kollegin spricht hochdeutsch
Yared Dibaba dagegen, der die Sendung gemeinsam mit seiner Kollegin Julia Westlake moderiert (wobei sie die hochdeutschen Passagen übernimmt und nur er plattdeutsch snackt), kam 1969 in einem kleinen Dorf im südwestlichen Äthiopien zur Welt und hatte bis zu seinem zehnten Lebensjahr von Plattdeutsch ungefähr so viel Ahnung wie ein Flensburger von Oromo, Yared Dibabas Muttersprache. Wir treffen uns in der Wohnung von Jürgen Meier-Beer, der „Die Welt op Platt“ beim NDR als Redakteur betreut und der das originelle Format vor anderthalb Jahren mit aus der Taufe gehoben hat, weil kaum noch jemand die alten Plattdeutsch-Sendungen sehen wollte. Dass es dafür neue Gesichter brauchen würde, stand von vornherein fest - da kam ein plattdeutsch sprechender Schauspieler mit Charme, Witz und allerhand Exotenbonus natürlich gerade recht. Der Quote hat es auch nicht geschadet: Sie liegt inzwischen bei durchschnittlich acht Prozent und hat sich damit im Vergleich zum etwas betulichen Vorgängerformat „Talk op Platt“ mehr als verdoppelt.
Yared Dibaba ist vor einer halben Stunde am Flughafen in Hamburg-Fuhlsbüttel gelandet, einen großen Hartschalenkoffer und die Gitarre, mit der er immer auf Reisen geht, schleppt er deswegen noch mit sich herum. Das Wochenende über war er in Valencia, um eine Beach-Volleyball-Meisterschaft zu moderieren, davor hat er für einen „Die Welt op Platt“- Dreh zehn Tage in Sibirien verbracht, wo ebenfalls plattdeutsch sprechende Gemeinden ausfindig gemacht werden konnten. Die sibirische Landschaft sei faszinierend, berichtet Dibaba, noch immer sichtlich bewegt: „Man kann da in der Steppe unheimlich weit gucken - das ist gut für die Seele.“ Weiter Himmel, flaches Land - so sprechen eigentlich nur überzeugte Bewohner der Norddeutschen Tiefebene, und Yared Dibaba ist tatsächlich Norddeutscher durch und durch. Oder wie soll man jemanden nennen, der als Jugendlicher keine Fernsehübertragung aus dem Ohnsorg-Theater verpasste und mit seinem Bruder im plattdeutschen Kinderchor sang?
Als Zehnjähriger ins Oldenburger Land
Als die Dibabas vor dem roten Terrorregime des äthiopischen Diktators Mengistu über Kenia nach Deutschland flohen, war Yared gerade zehn Jahre alt geworden. Die Familie landete nach längerer Odyssee schließlich in Falkenburg, einer Ortschaft im Oldenburger Land, und wäre es nach den Schulbehörden gegangen, hätte Yared dort trotz seines Talents für Sprachen die Hauptschule besucht. Auf Drängen der Mutter kam ihr Sohn dann immerhin auf die Realschule, später schaffte er den Wechsel zum Delmenhorster Gymnasium und 1990 auch das Abitur. Die Faszination fürs plattdeutsche Idiom wurde bei ihm allerdings weder durch Lehrer noch durch Mitschüler geweckt, sondern in einer Bäckerei: „Da stand eines Tages eine Frau neben uns, die hat mit der Verkäuferin plattdeutsch geredet. Da wollte ich natürlich wissen, was das für eine Sprache ist.“ Der Rest ergab sich praktisch wie von selbst.
Dass er eines Tages zum Star der Plattdeutsch-Szene werden würde, war aus naheliegenden Gründen trotz Yared Dibabas Sprachtalent lange Zeit nicht absehbar. Zumal er eigentlich Betriebswirtschaft studieren wollte und nach dem Abitur erst mal eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei einem Bremer Rohkaffeeimporteur absolvierte: Eine „Superausbildung“ sei das gewesen, erzählt er und schwärmt ganz aufrichtig vom Ethos hanseatischer Kaufleute, für die ein Handschlag noch etwas bedeute und bei denen auch mündliche Absprachen eingehalten würden. Yared Dibaba ist in dieser Hinsicht etwas altmodisch - womit er umso besser in die Sendung passt, denn die Nachfahren plattdeutscher Auswanderer in aller Welt sind es meistens auch. Zweieinhalb Jahre lang stand er nach der Ausbildung noch bei der Firma Jacobs in Bremen als Kaffeetester auf der Lohnliste, aber dann beschloss Yared Dibaba, Schauspieler zu werden. Besser gesagt: Sich in Hamburg als Schauspieler zu versuchen, denn Schauspielunterricht hatte er schon vorher in seiner Freizeit genommen.
Erste Bühnenrolle im „Ohnsorg“
„Ich bekam tatsächlich ein paar Kurzfilmrollen, aber leben konnte man davon natürlich nicht. Also hab' ich gekellnert und Stadtführungen gemacht.“ Bis er eines Tages durch Zufall den Intendanten des Ohnsorg-Theaters kennenlernte, der sehr angetan war von einem schwarzen Schauspieler, der sich aufs Plattdeutschsprechen verstand. Ein paar Wochen später hatte Yared Dibaba seine erste große Bühnenrolle: als Taxifahrer namens Tom, der ungefähr allen Klischees entsprach, die man auf Volkstheaterbühnen von Afrikanern so pflegt. Immerhin war seine Partnerin niemand Geringere als Heidi Kabel, das Fernsehidol aus Kindheitstagen. „Übrigens eine sehr charmante Frau, die immer Kuchen mitgebracht hat.“
Seit Oktober vergangenen Jahres reisen Julia Westlake und Yared Dibaba nun regelmäßig in der Welt umher und interviewen skateboardende Teenager in Australien, kuchenbackende Hausfrauen im amerikanischen Mittelwesten oder auf Giftschlangen ballernde Rentnerinnen in Brasilien, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie reden Platt. Was längst nicht heißen muss, dass „Die Welt op Platt“ nur aus hübschen Reisebildern und harmlosen Anekdoten mit Heimatbezug besteht. Da sitzt dann zum Beispiel in der Episode „Südafrika op Platt“ ein älterer weißer Herr vor seiner gepflegten Farm und erklärt Yared Dibaba auf Plattdeutsch, warum er 1945 aus Mecklenburg ausgewandert sei: „Wir waren ja völlig verzweifelt damals. Wir sind in einem Deutschland groß geworden, da sprachen alle vom Tausendjährigen Reich und einer Zukunft sondersgleichen für die Jugend. Dann wird das alles zerschlagen, die ganzen Hoffnungen, die ganzen Ideale . . .“ Als Dibaba nachfragt, was das denn so für Ideale gewesen seien, lautet die Antwort: „Ich wollte Großraumlandwirtschaft machen.“
Plattdeutsch bringt Vertrautheit
So verstörend manches Zitat der vielen Gesprächspartner auch sein mag, fällt doch vor allem eines auf: Wie sehr nämlich eine gemeinsame Sprache die Unterschiede in Herkunft und Hautfarbe vergessen macht. Kaum vorstellbar, dass etwa ein betagter weißer Farmer in Südafrika einem schwarzen Journalisten vor laufender Kamera zum Thema Apartheid Rede und Antwort gestanden hätte, wenn nicht das Plattdeutsche die beiden irgendwie miteinander verbinden würde. „Wenn ich Plattdeutsch mit den Leuten rede, ist da einfach von Anfang an eine Vertrautheit da“, sagt Yared Dibaba, der trotzdem keinen Hehl daraus macht, dass ihm gerade vor der Filmerei in Südafrika ziemlich unwohl gewesen sei. Anfeindungen gab es jedoch keine, nach einem Dreh während einer Grillparty mit stiernackigen Buren sagte sogar ein Farmer, der beim Filmteam anfangs unter besonderem Rassismusverdacht stand: „Yared, du bist einer von uns.“ Was nicht viel heißen muss, denn letztlich habe sich keiner der Anwesenden ausdrücklich von der Apartheid distanziert - Plattdeutsch hin oder her.
Yared Dibaba weiß natürlich, dass „Die Welt op Platt“ eine Unterhaltungssendung ist, in der gesellschaftliche Probleme allenfalls am Rande vorkommen dürfen. Umso mehr vertraut er auf die gemeinschaftsstiftende Kraft einer gemeinsamen Sprache. „Als Kind von Auswanderern kann ich da diese Menschen besonders gut verstehen.“