Hotel Crosby an der Crosby Street, das kann man sich merken. Johannes Hübl, der in Brooklyn lebt, mit Blick auf Manhattan, ist schon da. Er ist oft in der Stadt. Aber auf der New Yorker Modewoche ist er gar nicht so oft zu sehen. Auftritte in der ersten Reihe überlässt er seiner Freundin Olivia Palermo, die als Model, Bloggerin und Socialite in der Szene unterwegs ist. Er geht nicht immer mit.
„Ich müsste schon eine echte Verbindung zum Designer haben, damit meine Integrität gewahrt bleibt.“
Integrität! Dieser Mann redet nicht einfach so daher. Er überlegt sich, was er macht und sagt. Zu Marchesa zum Beispiel ist er mal mitgekommen, weil die beiden mit Designerin Georgina Chapman, der Frau von Harvey Weinstein, privat bekannt sind. Ansonsten scheint er nicht ins Rampenlicht zu drängen. Ohnehin muss er in dieser Woche viel arbeiten. Während der Schauen ist der Modebetrieb zwar lahmgelegt. Aber die Katalogarbeit zum Beispiel für die Department Stores Neiman Marcus, Barneys oder Bergdorf Goodman geht weiter.
Er fährt meist Fahrrad
Nach der Schauensaison beginnt dann die Arbeit an den Kampagnen. Die Anzeigen für Donna Karan zum Beispiel, in denen er gerade zu sehen ist, wurden nach den Schauen im April fotografiert. Dem Donna-Karan-Werbefilm entgeht man nicht in New York, weil er dauernd auf den Bildschirmen im Taxi läuft. Hübl hat davon gehört. Gesehen hat er es noch nicht - er fährt meist Fahrrad. Und wie ist das nun bei solchen Shootings? Was er auf den Werbefotos trägt, das stammt doch aus der Schauenkollektion?
„Ja, die Kleidungsstücke kommen quasi direkt vom Laufsteg, sind also gedacht für die sehr jungen und manchmal sehr schmalen Männer-Models. Ich bin jetzt 34 Jahre alt und habe Kleidergröße 48, während auf dem Laufsteg Größe 46 die ,sample size‘ ist. Also ist bei den Shootings immer eine Schneiderin dabei, die das Hemd hinten aufschlitzen kann. Oder die zum Beispiel die Ärmel absteckt, weil die Jacketts meistens nicht so gut anliegen. Ich darf also gar nicht so viel Sport machen, um nicht mehr Muskeln zu bekommen. Aber ich spiele zum Beispiel Tennis und Basketball und laufe am East River entlang. Leider habe ich so viel zu tun, dass ich es in den letzten drei Wochen nicht mal ins Fitnessstudio in unserem Haus geschafft habe, obwohl ich nur in den Aufzug steigen und in die 13. Etage hochfahren müsste.“
Er ist jetzt die Hälfte seines Lebens im Geschäft, eine in der Modelszene unglaublich lange Zeit. Mehr als in redaktionellen Modestrecken ist er auf Werbeaufnahmen zu sehen. Aber klassische Werbung für Cornflakes oder Milch macht er nicht. Mercedes-Benz ist sein einziger Nicht-Mode-Kunde. Er sucht sich die Aufträge schon genau aus. Bevor wir das Thema allzu lange rausschieben, fangen wir gleich mal mit den Model-Klischees an. Sind die eigentlich wirklich alle dumm, magersüchtig und feierfreudig? Er lacht - und antwortet dann analytisch kühl.
„Die formale Ausbildung kommt bei weiblichen, jüngeren Models vielleicht manchmal zu kurz. Manche haben nicht mal einen Schulabschluss. Als Mann hat man es auch da etwas leichter, weil man problemlos nach der Schule mit dem Job anfangen und länger arbeiten kann. Magersucht ist vielleicht auch eher bei Frauen ein Thema. Deswegen finde ich die ,Vogue‘-Aktion auch notwendig, nicht zu junge und nicht zu dünne Mädchen auszusuchen. Meine Agentur Promod achtet glücklicherweise sehr darauf. Und was das Glamour-Leben angeht: Wenn es so wild wäre! Am glamourösesten sind noch die Partys zur Modewoche.“
Vor 17 Jahren fing es an, da war er 17. Für ein halbes Jahr war er im Internat King’s Hospital bei Dublin. Da sprach ihn ein Booker der Agentur Boss Models an, ob er nicht zu einem Model-Contest des Magazins „GQ“ nach London kommen wolle. Erst vor kurzem hat ihm seine Mutter erzählt, der Rektor habe sie damals angerufen, um ihr einigermaßen entsetzt davon zu berichten, dass er für zwei Tage nach London fliegen wollte. Bis dahin hatte er nicht viel mit Mode zu tun. „Damals machte man sich ja nicht so viele Gedanken darüber.“ Er ist immer bei seiner Hamburger Mutteragentur geblieben. Dabei könnte er mit einem Wechsel die Agenturprovisionen auf eine einstellige Prozentzahl drücken, weil jeder froh wäre, ihn im Portfolio zu haben.
Abi-Durchschnitt? „3,0“
Er könnte also noch reicher sein, als er es ohnehin schon ist, wenn er nicht so treu wäre. „So denke ich nicht“, sagt er. Promod sei immer noch die beste Männermodel-Agentur. Mit dem Agentur-Chef Oliver Seeden ist er eng befreundet. „Er hat mich vor vielem bewahrt, mich häufig beraten und mir einiges ermöglicht. Zum Beispiel riet er mir, für mehrere Monate nach Japan zu gehen vor fast zehn Jahren. Und das war eine wunderbare Zeit. Und nach New York natürlich.“ Das Abitur hat er in Hannover gemacht am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium. Leistungskurse? „Griechisch, Deutsch, Mathe.“ Drei Leistungskurse? „In Griechisch war ich nicht so gut. Über einen dritten Leistungskurs konnte man das ausgleichen.“ Abi-Durchschnitt? „3,0.“ Er wusste eben, mit welchem Aufwand man durchkommt. Dann ging er nach Hamburg zum Studieren.
„Nach vier Semestern Betriebswirtschaft bekam ich aber einen Rappel. Die Materie interessierte mich nicht genug. Meine besten Freunde von damals arbeiten heute als Anwälte oder Investmentbanker. Ich hatte anderes vor und habe dann in Lüneburg Kulturwissenschaften studiert. Das hat mir Spaß gemacht. Viel lesen, viel schreiben, viel kommunizieren. Es war schöner, selbständig zu denken, als alles nachzubeten. Die Semesterferien gaben mir genügend Freiräume für Model-Jobs.“
Das Studium gab er dann doch auf, weil er immer mehr arbeitete und dafür reisen musste. Er war auch viel auf dem Laufsteg, aber mit wechselndem Erfolg: „Mailand passte wunderbar, weil es da eher um ein klassisches Männerbild ging. Da durfte man auch Muskeln haben. In Paris passt man einfach als normaler Mann nicht in die Kleidergrößen.“ Vor acht Jahren zog er nach New York. Seine amerikanische Agentur Wilhelmina hatte ihn angefragt und sich ums Visum gekümmert. Auch dieser Agentur ist er treu geblieben. Er ist eben loyal. Auch stur?
Nicht nur Model, sondern auch Celebrity
„Da müssten Sie meine Freundin fragen - die würde das wahrscheinlich sofort bejahen.“ In New York fasste er schnell Fuß. Das Leben sei ihm aber auch leicht gemacht worden von seiner Agentur: „Hier sind die Getränkebons für den Club am Wochenende! Dort stehst du auf der Gästeliste! Da gibt’s ein Fitnessstudio für dich! Hier ist deine Wohnung!“ Er weiß, dass er privilegiert ist in seinem Beruf. Trotzdem: Kann er nicht einfach mal klagen, wie schwierig alles geworden ist?
„Gerne! Heute gibt es ein massives Überangebot an Models. Dadurch sind die Preise in den Keller gegangen. Die Kunden verlangen immer mehr. Jetzt fahren nicht mehr drei Jungs zum Shooting nach Kapstadt - aus Spargründen fährt man alleine, für einen Tag. Außerdem geht es nicht mehr nur um Print. Man macht dann auch noch Bilder für Online, fürs Lookbook und noch ein 360-Grad-Video, damit der Kunde sich die Kleidungsstücke aus allen Richtungen anschauen kann. Außerdem ist der Markt bei Männern begrenzter. Frauen verdienen zu Recht mehr, denn sie bewerben auch eine viel größere Breite an Produkten. Aber ich habe unglaubliches Glück, ich beschwere mich nicht.“
In New York bekam der Zufall eine Chance. Er traf Olivia. Seitdem ist er nicht nur Model, sondern auch Celebrity. Zum ersten Mal ist er, der meist soft-spoken ist, ernst: „Das kann man so nicht sagen, so sehe ich mich sicherlich nicht. Vielleicht werde ich in Deutschland häufiger eingeladen und bin dadurch mehr in Zeitschriften.“ Aber hier in New York gebe es so viele Prominente, Sportler, Künstler, Fernsehstars - da falle er nicht richtig auf. Er zeigt in die Ecke des Restaurants. Und wirklich: Da sitzt Schauspielerin Kate Bosworth!
Fotografieren ist sein liebstes Hobby
Jedenfalls arbeitet er nun auch mit seiner Freundin zusammen, fotografiert sie für ihre Website, hat mit ihr auch schon für Kampagnen vor der Kamera gestanden. Jetzt arbeitet sie als Botschafterin eines wohltätigen Projekts der spanischen Schuhmarke Pikolinos, und er wird die Kampagne fotografieren. Ende des Monats fliegen sie nach Kenia, in die Massai-Gegend. „Es ist eine ziemliche Verantwortung, dann auch ein gutes Ergebnis abzuliefern.“
Er hofft, dass er das Fotografieren, sein liebstes Hobby, zum Beruf machen kann. Kristian Schuller hat ihn früh motiviert, bei Peter Lindbergh hat er sich am Set einiges abgeguckt. Und nach monatelanger Wartezeit hat er jetzt auch endlich seine Nikon D800. „Ein Pixelwunder.“ Und wie schlimm sind die Promi-Fotografen? Schließlich wohnt in seinem Apartmenthaus im trendigen Brooklyner Stadtteil Dumbo auch Hollywood-Star Anne Hathaway.
„Anne, mit der wir bekannt sind, ist oft unterwegs, dann sind seltener Fotografen vor der Tür. Auch der Schauspieler Jim Caviezel wohnt da. Und angeblich zieht jetzt Jim Carrey ins Penthouse. Ich habe keine Probleme mit Fotografen, wenn sie mit 400-Millimeter-Linse aus weiter Entfernung Fotos machen. Aber vor kurzem ging meine Freundin mit dem Hund raus, und sie haben sie zu fünft bedrängt. Das ist für mich grenzwertig und nicht hinnehmbar.“
Auch sein Bruder Philipp, zwei Jahre älter als er, Juniorprofessor für Philosophie in Stuttgart, wird gerade bekannt - er hat einen Bestseller über philosophische Fragen geschrieben. Sein Bruder Julius, zwei Jahre jünger als er, ist Neurologe an der Charité und kümmert sich um Parkinson-Patienten.
„Klasse, dass Philipp akademisch lehren und auch weitgefächert veröffentlichen kann. Julius sehe ich leider zu selten, Ärzte arbeiten einfach zu viel. Da kann ich manchmal schon froh sein, wenn wir uns zum Kaffee treffen können. Ich selbst vermisse das Akademische nicht. Sagen wir mal so: Ich werde mich in den nächsten Jahren weiter in die Themen Fotografie, Art-Direktion, Markenaufbau, Design einarbeiten - da muss man auch ein Gespür für viele Dinge entwickeln, das ist auch eine Wissenschaft für sich.“
Ist er eigentlich noch immer glücklicher Abonnent der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“? „Ja, eines der schönsten Geschenke eines meiner ältesten Freunde, Ferdinand.“ Lieblings-Ressorts? „Feuilleton, Gesellschaft, Wissenschaft.“ Danke!