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Reisen mit dem Fernbus : Über Land

13:55 Uhr, ein verregneter Tag auf der Autobahn: Fernbusreisen ist sehr beliebt bei den Deutschen. Bild: Junker, Patrick

Mehr als 30 Millionen Deutsche fahren im Jahr mit dem Fernbus. Warum tun sie sich das an? Und was passiert, wenn man sich dazusetzt und nachfragt? Ein Selbstversuch.

          Sechs Uhr achtundvierzig, Leipzig, Hauptbahnhof

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es wird ein zäher Tag, aber Benjamin sieht gelassen aus, wenn auch irgendwie ungerüstet: sehr kleiner Rucksack, kein Kissen, „nein, danke, Kaffee lieber nicht, weißt schon, die Toilette“. So steigt Benjamin in Leipzig in einen Bus, und wenn alles gut geht, wird er in 14 Stunden in Malmö sein, bei seiner Tochter, und das alles kam so: Der Philosophiestudent Benjamin, eine Schwedin im Erasmus-Jahr, große Verliebtheit, vor fünf Jahren war das und in Freiburg, sie haben, O-Ton-Benjamin, „keine Gegenmaßnahmen ergriffen“.

          Eine junge Frau mit nachlässig gebundenem Haar geht die Reise professioneller an: Sie steckt ihre Beine in einen Schlafsack (unter den Sitzen wirbelt ein fragwürdiger Luftzug) und die Kopfhörer in die Ohren, spielt ihre Musik zweimal versehentlich laut ab, dann passt es. Augen zu.

          „Der Günther“, so hat sich der Busfahrer eben vorgestellt und vergeblich zum Anschnallen gemahnt, dämmt das Licht.

          Die Deutschen sind, wenn sie schon nicht selbst Auto fahren, ein Volk von Bahnfahrern. Den Bus nehmen nur Kinder oder Rentner, verschlafen zur Schule oder gut entertaint ins Allgäu. Bis vor vier Jahren war das gesetzlich quasi vorgeschrieben, dann wurden Fernbusse erlaubt. Dass so schnell so viele Leute Bus fahren würden, dass es 2016 mehr als 30 Millionen sein würden, war nicht zu erwarten - jedenfalls für niemanden, der mit 16 mal mit dem Bus in einen der Partyorte am Balaton oder der spanischen Küste gefahren ist und nicht auf die Bustoilette durfte, weil geschlossen. Wie kann das also sein, dass das plötzlich so viele freiwillig machen? Wirklich nur wegen des Preises, in einer Zeit, in der selbst Flugreisen immer billiger werden? Nehmen wir diese sechs Stunden und 40 Minuten auf der Strecke zwischen Leipzig und Hamburg zur Antwort.

          Die große Unwägbarkeit jeder Busreise ist ja: Mit wem bekomme ich es zu tun, wo mir doch am liebsten wäre, man ließe mich ganz allein? Was passiert, wenn wir die Unwägbarkeit auch noch herausfordern, uns nebeneinandersetzen statt weit weg, so weit weg es eben möglich ist in einem Raum, in dem jeder von ganz hinten ganz easy nach ganz vorn sehen kann? Lauter Zumutungen also, vom Zufall aneinandergereiht und lose zusammengehalten von diesem ständigen Geräusch, das Reifen auf Autobahnen machen.

          7:35 Uhr, draußen auf dem Land

          Der Tag ist fast da, Landschaft schält sich aus dem Januarnebel. Im Bus ist es still, viele Passagiere haben die Sitze nach hinten geklappt. Aber es ist jetzt hell genug, also umgucken: Die Passagiere sind viel heterogener als auf dem Bild auf der Flixbus-Startseite. Dort zu sehen: schöne junge Menschen, zwei Frauen hängen zwei Männern auf deren Rücken. Im Bus tatsächlich zu sehen: jung, alt, schick angezogen, nicht so schick. „Linie 225“ steht draußen am Bus, er bringt die Hamburg-Reisenden erst einmal nach Berlin, sein eigentliches Ziel ist aber Kühlungsborn, Ostseeküste.

          Silke und Jürgen reichen einander Trinkflaschen. Sie sind beide Mitte 50, seit 32 Jahren verheiratet, haben immer im Leipziger Umland gelebt. Und sie sind immer an die Küste gefahren, dahin, wo die Orte klein sind und alle Ostseebad heißen. Früher, weil es nicht anders ging, heute, weil Silke und Jürgen es nicht mehr anders wollen. Mit den Kindern ging es immer auf Campingplätze, jetzt geht es immer in dieselbe kleine Pension. 55 Euro die Nacht mit Frühstück, Nebensaison, „ein Freundschaftspreis“, sagt Jürgen.

          Seit es die Fernbusse gibt, sagt Silke, lassen sie bei ihren Küstenurlauben das Auto stehen. Sie haben früh gebucht, im November schon, zahlen pro Person 19 Euro für die Fahrt. „Das ist unschlagbar“, sagt Jürgen. Und dass er so aus dem Fenster schauen kann und nichts dabei denken und der alte Astra vielleicht noch ein paar Jahre hat.

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