“Uff“, sagt Miley Cyrus und streift die zehn-Zentimeter-Stilettos von den Füßen, als sie auf die Ledercouch des schicken SLS Hotel in Beverly Hills sinkt. Es ist erst kurz nach Mittag, und sie hat bereits ein halbes Dutzend Fernsehinterviews hinter sich. Sie zieht die langen Beine an und macht es sich auf der Couch bequem. „Hi!“, sagt sie gut gelaunt und strahlt. Aber wir werden gleich unterbrochen. Ein kleiner Hund kommt in die Suite geflitzt und springt zu ihr aufs Sofa.
“Happy!“, ruft Miley mit Babystimme aus und schließt den dackelgroßen Mischling in den Arm. Er ist ihr vor wenigen Wochen auf einem Supermarkt-Parkplatz zugelaufen, und sie hat ihn „Happy“ getauft, weil das so was wie ihr Lebensmotto ist. Fünf Jahre ihres Lebens hat sie als „Hannah Montana“ in der gleichnamigen Disney-Serie Fröhlichkeit und Rock ’n’ Roll zu einem Milliardenunternehmen kombiniert. Aber jetzt, ein gutes Jahr nach dem Schluss der Serie, ist dieses Wort, „happy“, auch ein Relikt in neuer Verwendung, so wie die gestreiften Shorts, die sie bereits seit der sechsten Klasse besitzt und die heute in Kombination mit einem beigefarbenen Seidenhemd die Sexiness ihrer langen Beine betonen.
Womöglich zu viel für die Fans
Nun versucht sich die Neunzehnjährige in der Erwachsenenwelt zu positionieren. Mit „LOL“, einer schwungvollen Komödie nach dem gleichnamigen französischen Original mit Sophie Marceau, hat sie einen Film gemacht, in dem Intimfrisuren und erster Sex, Alkohol und Marihuana Brennpunkte von ausgiebigem Mutter-Tochter-Knatsch sind, und es verwundert nicht, dass der (bereits vor zwei Jahren gedrehte) Film in den Vereinigten Staaten nur im „limited release“, in einer Handvoll Großstadtkinos, lief, in denen er prompt durchfiel. Die krasse Wandlung von Amerikas einstigem Lieblingsmädchen, das sich eben noch dafür entschuldigte, unangeschnallt im Auto gesessen zu haben, zur Partynudel mit Brazilian und Kifferkumpels, das ist womöglich zu viel für die Fans.
Cyrus trägt jetzt einen schmalen goldenen Ring im rechten Nasenloch und eine Ring-Kette, auf der „Liam“ eingraviert ist, der Name ihres Freundes, des Schauspielers Liam Hemsworth. Der sogenannte Promise-Ring, den zu Disney-Zeiten nicht nur sie, sondern auch ihr erster Freund Nick Jonas und überhaupt alle Disney-Jungstars als christliches Symbol der Keuschheit bis zur Ehe trugen, ist ab. „Man sagt halt mit 15 Dinge, die man später so nicht mehr sagen würde“, sagt Cyrus. „Als ich ein kleines Mädchen war, fand ich es super, eine Perücke aufzusetzen und zu tanzen und singen. Aber mit 15, 16 stellt man fest, dass das nicht mehr cool ist. Das bin nicht mehr ich.“
Von 2006 bis 2011 spielte Cyrus, die mit ihrer Familie von einer Farm in Tennessee nach L.A. gezogen war, um Fernsehkarriere zu machen, ein Abziehbild ihrer selbst: die Schülerin Miley Stewart, die ein heimliches Doppelleben als Rockstar Hannah Montana führt. Sie ging mit dem Alter Ego ihrer Fernsehfigur auf Tournee und wurde zum Idol einer Generation von Sieben- bis Dreizehnjährigen, den vorpubertären Tweens, die als Zielgruppe im Kielwasser des Serienerfolges erst umrissen wurden. Nur was sie war, durfte Cyrus nicht sein. Als sie einen kleinen Busen bekam, wurde sie auf dem Set der Serie mit Bandagen umwickelt. „Es war verrückt“, sagt sie, „die guckten mich an und sagten: Was sollen diese Brüste, macht sie platt! Ich wandelte mich zur Frau und durfte es nicht, weil ich in dieser Show ein kleines Mädchen spielte!“
Heute spricht Cyrus darüber, dass sie Sex „wunderschön“ findet, und erläutert, warum Männer und Frauen einen anderen Begriff von Beziehung haben: „Wenn eine Frau einen Mann küsst oder Sex mit ihm hat, schafft das für sie ein besonderes Verhältnis. Männer dagegen sind viel unverbindlicher.“ Sie wünscht sich einen weiblichen Präsidenten, weil sie Frauen für intelligenter hält. „Von wegen, Männer sind die Versorger - wie oft gehen Kerle denn einkaufen? Wir stellen das Essen auf den Tisch!“
Ihr Vater, der Nebendarsteller
Mit ihrer Whiskey- und Zigarrenstimme und ihrer direkten Art hätte sie sich womöglich in den verrauchten Bars ihrer Heimatstadt Nashville zur talentierten Blues-Sängerin entwickeln können. Stattdessen wurde sie von einem Heile-Welt-Konzern und dem puritanischen Glücksbegriff einer evangelikalen Familie vereinnahmt, für die sie eine vorbildliche Teenagerin, eine verbrämte Pippi Langstrumpf spielte, die Rebellion und Rock nur als Geste leben durfte.
Es war alles doppelbödig in diesem Kosmos, angefangen von der Konstellation der Serie, in der ihr Vater Billy Ray den Serien-Vater gibt. Billy Ray Cyrus war einst mit „Achy Breaky Heart“ selbst ein Countrystar, im Jahr von Mileys Geburt brachte eine andere Frau ein weiteres Kind von ihm zur Welt. Jetzt wurde er von seiner Tochter zum Nebendarsteller degradiert, während sie zum reichsten Teenager der Welt avancierte.
Aber Miley vergötterte ihren Vater, und er vergötterte sie - bis sie ihm über den Kopf wuchs. Als sich die pubertierende Miley in eher harmlosen lasziven Selbstdarstellungen versuchte - ein Foto von Annie Leibowitz zeigte die Fünfzehnjährige mit nackten Schultern in ein Laken gehüllt -, wurden diese emanzipatorischen Gesten mit öffentlichen Entschuldigungen bei den Fans gleich wieder dementiert.
„Hannah Montana“ habe die Familie zerstört
Und nachdem im Internet Fotos einer Wasserpfeife rauchenden Miley auftauchten (die eilige Beteuerung ihrer Agenten, Miley habe bloß legales Salbei inhaliert, machte das Ganze erst anzüglich), blieb Billy Ray der Feier zu Mileys 18. Geburtstag fern. Stattdessen reichte er die Scheidung von seiner Frau Tish ein und heulte sich darüber aus, „Hannah Montana“ habe seine Familie zerstört. Er habe Angst, dass seine Tochter ein Showbiz-Ende nehme wie Anna Nicole Smith oder Michael Jackson, klagte er.
Happy war das weiß Gott nicht, auch wenn sich Billy Ray Cyrus inzwischen mit Tish und Disney und Miley wieder zusammengerauft hat. „Mein Vater hat immer gesagt: Auch dies wird vorübergehen“, sagt Miley Cyrus, „und ich versuche mir in Erinnerung zu rufen, dass keiner dieser dunklen Momente für immer andauert. Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende.“ Sie sagt es mit einem Anflug bemühter Geduld, die zahllosen Entschuldigungen ihrer Jugend haben sie allzu sehr in die Defensive getrieben.
„Zuallererst“, sagt sie, „ist man nie über das Stadium hinaus, in dem man Fehler macht - du bist nicht Gandhi, du bist nicht Mutter Teresa. Du bist eben nicht perfekt.“ Die sie am schärfsten kritisieren, seien am wenigsten qualifiziert, sagt Miley. „Keiner von denen ist 19 oder 20 - die haben das seit 20 oder 30 Jahren hinter sich!“ Sie habe einiges durchgemacht, und sie findet, sie habe sich ganz gut geschlagen. „Ich habe immer Dinge getan, die mich happy machen, Familie und Freunde und meine eigene Zufriedenheit standen immer an erster Stelle, nie meine Karriere.“
„Halb bekleidet bei den Billboard Awards“
Heute sei sie einfach froh, niemandem mehr Rechenschaft zu schulden. „Ich fühle mich wohl in meinem Körper und mit meiner Sexualität. Ich muss mich nicht mehr verstecken, und ich kann wirklich ich sein.“ Wer das genau ist, ist freilich auch noch nicht klar. Miley spricht von „Musik, die Leute happy macht“, und von „Filmen, die Leute happy machen“. Sie hat ihr Management gewechselt und will sich künftig vor allem darauf konzentrieren, „meine Musik aufs nächste Level zu bringen“.
Aber derzeit macht sie vor allem Schlagzeilen mit gewagten Outfits, und die Unkenrufer sehen sie schon im Mahlstrom der Prominenz untergehen. In der vergangenen Woche sorgte sie mit nichts als einem sehr tief ausgeschnittenen weißen Sakko für Aufsehen, das knapp über den Po reichte und die „L.A. Times“ zu der Zeile hinriss: „Miley halb bekleidet bei den Billboard Awards“. Das passt denkbar schlecht zu ihrer Klage, dass sie ihre Freizeit am liebsten zu Hause in Abschottung verbringt, „weil ich draußen einfach dauernd belästigt werde“. Nur ist es für Jungstars vielleicht einfach zu verlockend, das Dasein als junge Erwachsenen eher als Berüchtigte denn als Begabte zu fristen. Neunzehn und stinkreich ist einfach keine Lage, in der man dem aufregenden Geglitzer Hollywoods den Rücken kehrt, um sich ernsteren Dingen zu widmen.
Damals, als das Leben noch einfach war
Das Vermögen von Miley Cyrus wird mit 54 Millionen Dollar beziffert, und ihr Freund Liam Hemsworth hat mit „The Hunger Games“ soeben einen der erfolgreichsten Filme aller Zeiten gedreht, wenn auch in einer Nebenrolle. „Wir haben seinen ersten großen Scheck gerahmt und an die Wand gehängt“, sagt sie. „Er hat Böden verlegt, bevor er Schauspieler wurde, ihm ist nichts in den Schoß gefallen.“
Abgesehen davon, dass „Australier alle unglaublich gutaussehende Männer sind“, mag sie an Liam, dass er so ein bodenständiger, entspannter Kerl ist. „Er erinnert mich an meine Freunde aus den Südstaaten, mit denen ich meine Kindheit verbracht habe“, sagt sie. Damals, als das Leben noch einfach war, und kein Mensch Miley Cyrus kannte. Es mag nicht einfach für sie sein, sich von einer Jugend als Teeniestar zu emanzipieren.
„Aber auch mit 40 haben ja Leute noch Angst vor dem Erwachsenwerden“, sagt sie und bemerkt dann, dass Happy ihren Schoß verlassen hat. Der Hund steht an der Kante der edlen Ledercouch und sucht den Boden in der Tiefe nach Fluchtmöglichkeiten ab. Zaghaft beugt er sich nach vorn, aber es ist ein großer Sprung. Er weicht zurück, blickt Miley an und hopst wohl oder übel zurück in ihren Schoß.
“LOL - Laughing Out Loud“ startet am 31. Mai in den Kinos.
Ja, sie ist wichtig...
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 29.05.2012, 00:41 Uhr