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Gespräch mit Michel Abdollahi : „Flüchtlinge leben in Teilen Deutschlands gefährlich“

  • -Aktualisiert am

Michel Abdollahi engagiert sich seit Jahren gegen rechts. Bild: Picture-Alliance

Der Journalist und Moderator Michel Abdollahi fordert die Bundeskanzlerin in einem offenen Brief dazu auf, mehr Engagement gegen Rechte zu zeigen. Er bekommt viel Zuspruch – aber auch Hass.

          Seitdem Sie den offenen Brief an die Bundeskanzlerin auf Facebook gepostet haben, wurde er über 12.000 Mal geteilt und 1000 Mal kommentiert. In den Kommentaren findet sich überwiegend Zuspruch, aber auch Hass und Unverständnis. Wie ist Ihr Eindruck?

          Die Resonanz ist unglaublich positiv, was zeigt, dass viele Menschen wahrscheinlich ähnlich denken und nur jemanden gesucht haben, der es ausspricht. Die Spinner, Rechten und Trolle, die immer Standardformulierungen wählen und sie copy&paste-mäßig überall verbreiten, die sind mir bekannt. Aber ich habe dieses Mal gesehen, dass die meisten Leute sich dafür nicht interessieren. Diese vorbereiteten Kommentare ziehen nicht mehr. Kaum jemand ist auf ihr Gerede eingegangen. Da gab es so eine Verteidigungshaltung, die ich in letzter Zeit öfter sehe. Ich glaube, dass die Leute müde sind und sich das nicht mehr antun möchten.

          In diesen Kommentaren wird Ihnen zum Beispiel vorgeworfen, Sie seien eine Marionette des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und würden mit der Bundesregierung zusammenarbeiten.

          Schön wär's, wenn die Regierung mich dafür bezahlen würde, dass ich Briefe schreibe (lacht). Als Anfang 2015 die ersten Flüchtlinge kamen und man sich das erste Mal traute, Lügenpresse zu skandieren, haben sich viele Menschen gedacht, dass da was dran sein könnte. Es ist nicht schön, was dort gerufen wird, aber es hat letztlich auch dazu geführt, dass die Presse sich selbst hinterfragt hat. Wir Medien arbeiten nun viel genauer, damit wir uns nicht angreifbar machen. Aber immer noch „Lügenpresse“ zu rufen, das zieht irgendwann nicht mehr. Es entspricht nicht der Wahrheit, und das haben die Menschen erkannt.

          Ihre Familie kam während des Golfkriegs aus Iran nach Hamburg. Sie wissen wie es ist, Flüchtling in Deutschland zu sein. Wie haben Sie in Ihrer Kindheit und Jugend Rassismus erfahren?

          Ich bin mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Wir haben uns vom iranischen Kalender auf den deutschen umstellen müssen. Aus meinem Geburtstag, dem 31. Farvardin 1360 wurde plötzlich der 20. April 1981 – Hitlers Geburtstag. Das wusste der 5-jährige Michel damals aber nicht. Wir hatten Ende der Achtziger in Hamburg-Eidelstedt eine recht aktive Neonazi-Szene, deshalb habe ich meinen Geburtstag an diesem Tag nicht gefeiert. Das war meine erste Berührung mit Rassismus und Ablehnung. Im Laufe der Zeit hat sich das gelegt, aber die Sorge vor diesen Neonazis und Skinheads, die wir so heute nicht mehr so oft sehen, die war in den Achtzigern berechtigt und präsent. Dann kam der klassische Alltagsrassismus. Dazu gehört, dass man mit einem fremdländischen Namen am Telefon anders behandelt wird oder dass man als Jugendlicher Probleme hat, in Diskotheken reinzukommen. Diese Geschichten findet man tausendfach unter dem Hashtag #MeTwo. Das ist nicht weniger geworden, ich habe mich einfach nur daran gewöhnt.

          Inwiefern hat sich das gesellschaftliche Klima verändert?

          In den Achtzigern hat der Skinhead mit den Springerstiefeln fremdenfeindliche Parolen gerufen und heute tut es Herr Müller. Ganz normale Leute ohne Glatze, Springerstiefel oder Tattoos mit SS-Runen. Der freundliche Herr im Anzug kommt und sagt: „Ich hab ja nichts gegen Sie“, und dann kommt das große „Aber“. Schritt für Schritt wird dann klar: Du hast doch ganz viel in Dir gegen mich. Es ist in die Mitte der Gesellschaft gerückt.

          Würden Sie sagen, dass es heute gefährlich ist, als Flüchtling in Deutschland zu leben?

          Das kommt drauf an, wo Sie sind. Ich bin sehr glücklich, dass ich in Hamburg gelandet bin. Wir haben alle noch die Bilder aus Rostock im Kopf. Ich glaube schon, dass es zu großen Spannungen kommt, wenn die Flüchtlinge dort untergebracht werden, wo Strukturschwachheit, Falschinformation und Desinteresse vorherrschen, habe aber nicht das Gefühl, dass Deutschland ein unsicheres Land ist – zumindest nicht überall. Wenn jetzt aber diskutiert wird, ab wann was eine Hetzjagd ist, dann macht mich das sehr wütend. Es darf nicht sein, dass ein jüdisches Restaurant angegriffen und kurz und klein geschlagen, der Wirt verletzt und als Judensau beschimpft wird. Das ist eine präsente Gefahr in Teilen von Deutschland, vor der wir die Augen nicht verschließen dürfen.

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