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Kuba : Ein Deutscher hält Havannas Verfall auf

  • -Aktualisiert am

Erstrahlt in frischem Weiß: die Kathedrale in Havanna Bild: dpa

Früher war Michael Diegmann Banker, mittlerweile hält er Havanna sauber. Davon profitiert auch der Papst bei seinem Besuch in Kuba. Ohne Diegmann müsste Franziskus die Vesper heute in einer heruntergekommenen Kathedrale feiern.

          Dass Papst Franziskus an diesem Sonntag in der Kathedrale de San Cristóbal in Havannas Altstadtviertel Vieja die Vesper an einem weiß strahlenden Altar feiern kann, hat er dem früheren Bankkaufmann Michael Diegmann aus Küllstedt im Eichsfeld zu verdanken. Dunkelbraun vom heiligen Gebrauch der Jahrhunderte sei der Marmor gewesen, sagt der Mitvierziger in einer weißen Malerhose und dem meerblauen Poloshirt, das sein Firmenlogo trägt. Deswegen habe er vor Wochen beschlossen, dem Papst ein Geschenk zu machen, „über das er sich jetzt hoffentlich auch freuen kann“, sagt Diegmann.

          Mutmaßlich aber wird Franziskus den Wandel nicht bemerken; denn er kannte den schmutzigen Tisch des Herrn in einer der schönsten Barockkirchen der Karibik nicht. Aber die Nachbarn an der Plaza de la Catedral im Zentrum der Altstadt grüßen den Deutschen schon seit Wochen dankbar, denn direkt neben der Kathedrale hat er sein Büro und die Werkstatt, von wo er mit seinen vier Arbeitern die Stadt „gegen das Meer versiegelt“, und nun eben auch die Fassade der einstigen Missionskirche der Jesuiten säuberte.

          Alles begann vor bald zehn Jahren, als der Stadthistoriker von Havanna auf den Thüringer Diegmann aufmerksam wurde, der längst schon nicht mehr zur Bank ging, sondern zu einem auf dem Baumarkt begehrtem Techniker geworden war, weil er das Patent für einen speziellen Epoxidharzmörtel hält, der Häuserwände gegen den salzhaltigen Wind vom Meer schützt. Mittlerweile sind viele der ehrwürdigen Fassaden am Karibikboulevard Malecon, wo auch die Botschaft der Vereinigten Staaten steht, „gereinigt und atmungsaktiv gegen die Umweltschäden geschützt“, sagt der Ingenieur.

          Eine neue Haut für das Herzstück Havannas

          Seit Monaten hängt das Banner der Michael-Diegmann-Firma „MD-Projektmanagement“ auch an der Kuppel des größten Bauwerks der Stadt: „Havannas Kapitol ist in seiner Konstruktion als Kopie des Kongresses in Washington einzigartig in der Karibik", sagt Diegmann, und da sei es eine Ehre, gerade diesem Herzstück des modernen Havanna eine neue Haut geben zu können, „die genauso aussehen soll, wie sie geplant und gebaut wurde.“ Diegmann schwärmt von der einmaligen Herausforderung in Kubas Hauptstadt, sei Havanna doch einst eine Perle in der Karibik gewesen, die aber seit der sozialistischen Revolution und dem amerikanischen Embargo, das von 1960 an immer strikter wurde, nicht mehr glänzen kann. Da gebe es viel zu tun. Kaum noch sechs Wochen im Jahr verbringt Diegmann in Deutschland. Längst ist er in Havanna mit einer deutschen Sprachpädagogin liiert und scheint dort heimisch zu werden.

          Ein Papstbesuch ist für das kubanische Regime immer eine besondere Probe. Diesmal habe der Staat mehr Geld zur Verfügung gestellt als für die Visite von Benedikt XVI., wohl um bei dem „südamerikanischen Landsmann“ einen besonders guten Eindruck zu machen. Und da der am Sonntagnachmittag mit Geistlichen und Seminaristen in der Kathedrale eine Vesper feiern will, musste auch an der Kirche Hand angelegt werden, die bis vor wenigen Wochen noch ein schwarzer Fleck an dem bereits renovierten, weiß strahlenden Kathedral-Platz war. Nach einer gründlichen Wirbelstrahlbehandlung erstrahlt nun auch die Korallenkalkfassade mit den beiden ungleichen Glockentürmen wieder so, wie sie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im regionalen Barock gebaut wurde.

          Der kubanische Schriftsteller Alejo Carpentier soll die Kirche einmal als „zu Stein gewordene Musik“ gewürdigt haben. Tatsächlich aber „waren die Steinporen schwarz verklebt und fettig. Da klang nichts mehr“. Zudem seien bei der Reinigung schwere Schäden gefunden worden, berichtet Diegmann. Eine Pflanze habe sich über die Jahre so in den Stein gefressen, dass sie mit ihrem Stamm beinahe einen Teil der Fassade über dem linken Portal zum Einsturz gebracht hätte. Die beiden Prunkvasen auf dem rechten und linken Fassadensims drohten abzustürzen.

          Als alles draußen dann sauber und repariert gewesen sei, erzählt Diegmann weiter, wäre ihm der dunkelbraune Altar drinnen besonders schmutzig und so traurig vorgekommen; und so ließ er auf Kosten seiner Firma auch den Tisch des Herrn säubern. Dem Papst wird das nicht auffallen, aber Präsident Raúl Castro wisse von seiner Arbeit, berichtet der Eichsfelder mit gewissem Stolz. Das Staatsoberhaupt ließ nämlich den Grabstein seiner Frau von Diegmann reinigen. Dereinst wird Raúl Castro selber unter diesem Moment der unabänderlichen Vergänglichkeit ruhen, die der Eichsfelder mit seiner Arbeit auch nur einen Atemzug der Geschichte herauszögern kann. Immerhin aber kann Diegmanns Havannas Verfall aufhalten.

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