http://www.faz.net/-gum-7kw6m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 01.01.2014, 17:10 Uhr

Meryem Uzerli Einmal Istanbul – und zurück

Meryem Uzerli aus Kassel wurde in der Türkei über Nacht zum Serien-Star. Dann stieg sie aus. Nun ist die Schauspielerin in Berlin – und startet neu.

von Meltem Toprak, Berlin
© Urban Ruths Istanbul kannte sie nur aus dem Urlaub: Meryem Uzerli hatte 24 Stunden Zeit, in Berlin ihre Koffer zu packen und anzufangen.

Rote Hollywoodlocken fallen auf eine hochgeschlossene weiße Seidenbluse. Ein Arm lehnt auf der Schulter eines britischen Hairstylisten, der andere Arm ist in die Hüfte gesetzt. Ein goldener Gürtel schmückt die eng anliegende Jeans. Rot geschminkte Lippen tragen das Lächeln. Als Gesicht der Marke Elidor wirbt Meryem Uzerli, auf die Straßen der Millionenmetropole Istanbul blickend, für Haarprodukte.

Denn mit dem Haarton ihrer Rolle setzte sie den Trend der letzten drei Jahre. Mit ihrer Persönlichkeit sorgt sie für die besten Verkaufszahlen, die das Unternehmen mit einem Produkt je hatte. Von der türkischen „Instyle“ bis zur „Marie Claire“ wurde sie zum Titelthema. In der türkischen „GQ“ war sie „Woman of the Year“ 2012. Meryem Uzerli ist aber in dem Land, dem sie ihren Erfolg verdankt, nicht anzutreffen. Die Hauptdarstellerin der türkischen Fernsehserie „Muhteşem Yüzyıl“ („Das großartige Jahrhundert“) hat die Rolle der Hürrem Sultan abgegeben.

Mit der erfolgreichsten Serie der Türkei, die in 52 Ländern ausgestrahlt wird, wurde sie über Nacht zum Star. Aus dem Zentrum des orientalischen Hollywoods, in dem jährlich bis zu 60 Serien produziert werden, dominierte ihr Gesicht die Boulevardpresse. Die deutsch-türkische Schauspielerin hatte die Rolle unter 2000 Bewerberinnen bekommen – obwohl sie die türkische Sprache nicht beherrscht. Innerhalb eines Tages entschied sie sich, Berlin zu verlassen, um nach Istanbul zu ziehen.

27231161 © IMAGO Vergrößern Die schöne Herrscherin, so klug wie intrigant: Meryem Uzerli in der Serie „Muhteşem Yüzyıl“.

Die Serie basiert auf der Geschichte des Osmanisches Reichs. In ihrer Rolle als Roxelane, einer versklavten Priestertochter aus der heutigen Ukraine, verführt sie, nun mit dem Namen Hürrem Sultan, im Harem den Sultan. Um sich am Tod der Eltern zu rächen, bezirzt sie den Sultan, bis sie – als Gattin und als Mutter von drei Söhnen und einer Tochter – zur mächtigsten Frau des Reiches aufsteigt. Um sich selbst am Leben zu erhalten, müsse man töten, erklärte die echte Hürrem einst. Für ihre Kinder und sich selbst wird sie so weit gehen, dass sie den Sohn ihrer Rivalin Mahidevran, der ersten Frau des Sultans, vom eigenen Vater erdrosseln lässt.

Hürrem prägt die Weiberherrschaft, die noch heute herrscht

Die schöne Herrscherin ist so klug wie intrigant. Es ist ein Überlebenskampf der Frauen des Sultans, der heute in ähnlicher Konstellation in vielen türkischen Haushalten herrscht. In einer Welt, von der man im Westen annimmt, sie sei von Männern dominiert, spielt sie die Rolle jener Frau, die als erste Haremsdame an der Seite des Sultans Macht ausübt. Damit prägt sie die Weiberherrschaft, die heute noch unter türkischen Dächern dominiert. Wer die Hosen anhat, wird im Türkischen als osmanische Frau bezeichnet. Ihre Popularität zeigt, dass sich viele Frauen mit ihrer Rolle als kämpfende Frau identifizieren. Mit ihrer Ausstrahlung und Schauspielleistung lockte sie jede Woche mehr als 20 Millionen Zuschauer vor den Fernseher.

Mag die Türkei auch ein Vielvölkerstaat sein, in dem Kurden, Armenier, Griechen, Araber, Lasen und Zazas leben – die Serie erzählt die Geschichte der Vorfahren vieler Türken, die sich als Söhne und Töchter der Osmanen begreifen. Die promiskuitive Inszenierung des Sultans und die Sklaverei des Osmanischen Reichs verärgerten Ministerpräsident Erdogan so sehr, dass er die Serie verbieten wollte. Weder Proteste noch Morddrohungen brachten die Schauspielerin dazu, abzubrechen. Ende Mai kehrte sie dennoch nach Deutschland zurück. Die Finalsendung fand ohne sie statt. Ein ganzes Land spekulierte, ob sie je wieder zurückkommen würde.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Nüchtern dank Gott Alice Cooper spricht über seine Alkoholsucht

Ein Schock-Rocker erzählt von seiner Bindung zu Jesus, in München werden schwedische Fahnen geschwungen, und der Urenkel von Queen Elizabeth feiert seinen vierten Geburtstag – der Smalltalk. Mehr 25

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden