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Menashe Lustig im Interview : „Ich dachte, die Leute würden beim ersten Jiddisch gehen“

Schauspieler Menashe Lustig (links): „Ich bin mit diesem Talent geboren.“ Bild: Berlinale

Menashe Lustig ist in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde aufgewachsen, ohne Internet oder Fernsehen. Schauspieler wollte er trotzdem immer werden. Jetzt läuft sein erster Film im Kino.

          Herr Lustig, Sie sind in einer chassidischen Gemeinde aufgewachsen, ohne Fernsehen oder Internet...

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ja, und ohne Filme, ohne Restaurants, ohne Zeitungen, ohne SMS. New Square, wo ich aufgewachsen bin, ist eine kleine Stadt etwa eine Stunde von Manhattan. Sie wurde vom Rabbi meines Vaters gegründet. Er war ein Holocaust-Überlebender aus der Ukraine und hatte beschlossen, ein Dorf zu bauen, weg von der Stadt in den Wäldern, in dem man so leben konnte, wie sein Vater es getan hat. Er hat alle möglichen Leute dort aufgenommen, nicht nur Ukrainer auch Bulgaren, Polen. Und die nächste Generation, also meine, ist dann so aufgewachsen.

          Wie sind Sie in so einer Umgebung darauf gekommen, Schauspieler zu werden?

          Ich bin mit diesem Talent geboren. Ich habe 13 Geschwister, sechs oder sieben von ihnen haben das Talent auch, aber sie benutzen es nicht. Auch meine Mutter nicht, sie war sehr fantasievoll und poetisch. Ich war immer ein lustiges Kind. Als ich zwölf Jahre alt war, entdeckte ein Lehrer mein Talent und ließ mich in einem Stück mitspielen. Und seitdem habe ich es weiterverfolgt.

          Der Film „Menashe“ erzählt zu großen Teilen die Lebensgeschichte des Schauspielers.
          Der Film „Menashe“ erzählt zu großen Teilen die Lebensgeschichte des Schauspielers. : Bild: Berlinale

          Und irgendwann haben Sie angefangen Clips auf Youtube zu stellen...

          Ich bin nach London gezogen, um meine Frau zu heiraten. Ein Freund dort sagte mir, man könne in der öffentlichen Bibliothek Filme bekommen. Ich war sehr an Geschichte und Filmen über den Holocaust interessiert, also habe ich sie mir dort ausgeliehen. Und das hat mich offener gemacht. In London habe ich dann angefangen, diese kleinen Comedy-Clips auf Youtube zu stellen. Manche Menschen haben mich gefragt: Machst Du das wegen der Aufmerksamkeit? Nein, ich mach das für mich. Weil es mir Spaß macht, weil es mein Talent ist. Ich habe viele Ideen. Und spätestens alle drei Monate muss ich meine Kamera aufstellen und einen Clip drehen. Ich habe auch angefangen zu schreiben. Und wenn ich damit unter hundert oder tausend Leuten einen erreiche, genügt mir das. Meine Frau in London hat es verstanden, wir haben kurz vor ihrem Tod noch einmal darüber gesprochen, ob es sie stört, dass ich dieses Interesse verfolge. Sie sagte, dass sie versteht, dass es mein Talent ist und ich dem nachgehen muss.

          Der Film „Menashe“ erzählt zu großen Teilen Ihre Lebensgeschichte. Die Hauptfigur kämpft darum, nach dem Tod seiner Frau den Sohn allein bei sich aufzuziehen zu dürfen, obwohl das nur verheirateten Paaren erlaubt ist. Was war die größte Schwierigkeit für Sie während des Drehens?

          Als erstes habe ich meinen Freunden erklärt: Bitte denkt nicht für eine Sekunde, dass ich meine Religion aufgegeben habe. Es war sehr hart für mich, bis die Leute akzeptiert haben, dass ich etwas anders bin, nicht sehr, ich bin nur ein bisschen aufgeschlossener. Ich bin ja nicht hier um ein Star zu sein, ich möchte etwas kreatives machen, etwas kreieren. Und ich habe sehr lange darauf gewartet, dass ich jemanden finde, mit dem ich zusammenarbeiten kann. Als ich dann den Regisseur Joshua Z. Weinstein traf und er den Film mit mir machen wollte, bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen. Es war sehr hart für mich, physisch und emotional. Es gab Nächte, in denen ich nicht geschlafen habe und darüber nachgegrübelt: Ist das das Richtige, das ich hier mache? Werden die Leute es als angemessen aufnehmen? Ich war sehr zerrissen. Aber man muss das Risiko eingehen, wenn etwas gutes herauskommen soll.

          Der Film war bereits auf dem Festival in Sundance gezeigt worden und hatte dort viel Lob von den Kritikern bekommen. Mit welchem Gefühl sind Sie nach Berlin gefahren?

          Ich war sehr nervös, bevor ich nach Berlin gekommen bin. Ich wusste nicht, wie die Leute den Film aufnehmen werden. Ich dachte, wenn sie einen Film mit Juden auf jiddisch sehen, werden sie nach den ersten Szenen heimlich das Kino verlassen. Und dann bin ich hier und sehe mit eigenen Augen, dass die Leute bis zum Schluss sitzen bleiben und mit meiner Geschichte etwas anfangen können. In Utah beim Sundance Filmfestival suchen die Zuschauer mehr die Unterhaltung, hier in Berlin wollen die Leute etwas entdecken, sich bilden. Wenn wir nach dem Film noch Fragen beantworten, verlässt vielleicht eine Person das Kino nach dem Abspann, alle anderen bleiben sitzen und hören zu.

          Bei der Premiere in Berlin sagten Sie, als Sie sich das erste Mal auf der Leinwand sahen, haben Sie geweint.

          Es sind die Menschen im Kino, die mich bewegen. Jedes Mal lachen sie an anderen Stellen und verstehen auch Szenen, bei denen man es nicht erwarten würde. Und manchmal weine ich auch jetzt noch bei den Vorstellungen, dann aber einfach aus Freude und ich frage mich, ob ich gerade träume. Ich glaube, wenn ich zurück zuhause bin, werde ich das erst alles richtig verstehen können.

          Der Film

          „Menashe“ ist noch bis 19. Februar in der Forum-Reihe der Berlinale zu sehen. Es ist der erste Film in jiddischer Sprache seit rund 70 Jahren.

          Quelle: F.A.Z.

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