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Megakirche in Brasilien Aerobic für den Herrn

 ·  Marcelo Rossi ist der charismatischste katholische Priester Brasiliens. Jetzt weiht er in São Paulo seine Megakirche ein.

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© Thomas Milz Vergrößern Wie bei den Evangelikalen: Katholische Brasilianer geben sich bei der Eröffnung der Megakirche Marcelo Rossi hin

Er konnte es gar nicht erwarten und erschien schon vor dem Beginn der Messfeier auf seiner neuen Bühne. Marcelo Rossi, Brasiliens katholischer Hoher Priester des Sakropop, brauchte seine Schäflein aber nicht erst in Feierstimmung zu versetzen. Sie waren es schon. Es genügte, die ersten Takte seiner beliebtesten Songs anzustimmen, und sie schallten ihm aus Tausenden Kehlen entgegen. Padre Rossi hat mit einem Gottesdienst in unkonventioneller liturgischer Gestaltung, die seine Messfeiern zu einem Kult eigener Art machen, seine neue Megakirche „Mãe de Deus“ (Mutter Gottes) im Süden von São Paulo eingeweiht.

Doch fertig ist sie noch lange nicht. Acht Jahre lang ist schon an ihr gebaut worden. Vollendet wird sie sein, „wann Gott es will“, wie Rossi sagt, also vielleicht in vier oder mehr Jahren. Hunderttausend Gläubige soll die „größte Kirche Lateinamerikas“ in ihrem Inneren und auf den umliegenden Freiflächen einmal fassen. Zur Eröffnungsfeier hatten die Behörden einen Teil des Bauwerks für 20 000 Personen freigegeben. Gekommen sind nach Angaben der Polizei 50 000 - nicht mitgezählt die Tausenden, die auf den umliegenden Straßen im Stau steckenblieben.

Umarmen, schunkeln, mit den Armen wedeln

Während überall in Brasilien der katholischen Kirche die Gläubigen davonlaufen und viele Enttäuschte Zuflucht bei den evangelikalen Gemeinschaften suchen, die sie mit interaktiven Zeremonien, Teufelsaustreibungen und dem Versprechen eines besseren Lebens im Diesseits locken, hat der 45 Jahre alte Padre Rossi erkannt, wie sich seine Herde zusammenhalten und gar vermehren lässt. Köder ist die bei den protestantischen Kirchen populär gewordene musikalische Ausgestaltung mit Songs nach Blues-Rock-Art, die im sambatrunkenen Brasilien noch mehr mitreißt als andernorts in Lateinamerika. Das Umarmen, Schunkeln und rhythmische Wedeln mit den Armen - Spötter nennen es „Aerobic für den Herrn“ - lässt ein größeres Gemeinschaftsgefühl entstehen als das Absingen altbackener Kirchenlieder.

Die Frohe Botschaft Marcelo Rossis besteht indes aus nichts anderem als den traditionellen Werten des Christentums wie Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Demut. Die Popularität des Geistlichen gründet auf einem Buch, in dem er diese Tugenden predigt. „Agape“ (Liebesmahl) ist in dem Land, in dem der Gewalt fast wie in einem Kult gehuldigt wird, zu einem Bestseller geworden. Mehr als acht Millionen Exemplare sind bisher verkauft worden. Selbst Supermärkte bieten das Büchlein an, das von bescheidener literarischer Qualität und geringem theologischen Erkenntniswert ist.

Marcelo Rossi hat einen ähnlich ausgeprägten Geschäftssinn wie die Tele-Evangelisten und die Star-Apostel der evangelikalen Kirchen. „Agape“ gibt es auch als Kinderbuch. DVDs und CDs zu dem Buch ließ er ebenfalls produzieren. Von seinen Popliedern hat er schon 14 Millionen CDs abgesetzt. Zwei Bibelfilme sind zu Kassenschlagern in den Kinos geworden. Den Gewinn aus der multimedialen Vermarktung seiner Produkte investierte der Padre in den Kirchenbau von pharaonischen Ausmaßen auf dem Gelände einer ehemaligen Bierfabrik, das er für umgerechnet zwei Millionen Euro erwarb. Die Hallenkonstruktion mit dem blauweißen Dach, die einem riesigen Zirkuszelt gleicht, entwarf der brasilianische Stararchitekt Ruy Ohtake kostenlos für ihn. Bei der Planung dachte Padre Rossi an die mittelalterlichen Kathedralen, die für die Ewigkeit gebaut sind. Die Bausubstanz seiner Kirche dürfte dem Anspruch jedoch nicht ganz gewachsen sein. Immerhin, 700 Jahre soll das Gotteshaus durchhalten.

Von Papst Benedikt XVI. geehrt

Ranghohe Kleriker der Amtskirche sehen den Evangelisierungserfolg des Padre Rossi mit gemischten Gefühlen. Doch der rege Zulauf lässt Kritiker verstummen. Der Klassik-Liebhaber Papst Benedikt XVI., in dessen Ohren die religiös verbrämten Popsongs schrill klingen müssen, hat Rossi sogar mit einer Auszeichnung bedacht. Und bei der Einweihungsfeier von „Mãe de Deus“ sind hohe geistliche Würdenträger wie der apostolische Nuntius Giovanni d’Aniello und der Kardinal von São Paulo, Odilo Scherer, erschienen. In Brasilien ist die Religion inzwischen tief in die Politik eingedrungen. So verwundert es nicht, dass auch Politiker wie der Gouverneur von São Paulo und der Oberbürgermeister der Hauptstadt, Gilberto Kassab, bei der Einweihungsfeier dabei waren.

Der Zweimetermann Marcelo Rossi ist eine majestätische Erscheinung. Er tritt inzwischen eher bedächtig auf, wirkt wie entrückt. Das macht ihn bei seinen Anhängern zu einem Quasi-Heiligen. Er leidet aber unter körperlichen Gebrechen, angeblich wegen eines Sportunfalls beim Joggen, den er vor zwei Jahren erlitt. Bevor er ins Priesteramt eingetreten war, frönte er dem Sport, er habe sogar Anabolika als Doping-Mittel zu sich genommen, bekannte er einmal. Unter seinem weißen Messgewand trägt er angeblich immer noch einen Jogginganzug. Jedenfalls tritt er selbst bei so feierlichen Anlässen wie der Einweihung seiner Megakirche in Turnschuhen auf.

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