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Matthias Schweighöfer „Ich gehe nie auf Partys“

17.02.2010 ·  Matthias Schweighöfer lebt auf einem Vierseitengehöft mit 6000 Quadratmetern Land nebst Brunnen und Streuobstwiese. Stefan Locke über einen Schauspieler, der trotz seiner vielen Erfolge er selbst geblieben ist und das sehr genießt.

Von Stefan Locke
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Matthias Schweighöfer sitzt bestens gelaunt in einem Restaurant in Berlin-Mitte und zitiert mit überbordender Begeisterung ein paar der letzten Kritiken über ihn. „Die ist Wahnsinn!“, sagt er, und: „Hört euch das mal an!“ Egal, was in letzter Zeit über ihn geschrieben wurde, es war gut. Gleich drei Kinofilme mit ihm sind vor kurzem angelaufen, und dann war da auch noch der „Tatort“ mit dem Titel „Weil sie böse sind“, dessen Rezensionen ihn überschwänglich lobten. „Schweighöfer macht diesen Film sehenswert“, „Schweighöfer ist brillant“ und „Schweighöfer spielt alle an die Wand“ hieß es da, und im Feuilleton war sogar davon die Rede, dass, wenn das so weitergehe, er einmal unsere Filmwelt aus den Angeln heben werde. Der so hoch Gelobte freut sich darüber wie ein Schneekönig. Es ist eine ehrliche, beinahe kindliche Freude. „So was hab ick noch nie über mich jelesen“, berlinert er stolz, aber ohne jede Eitelkeit, wie man sie bei Filmstars seines Kalibers erwarten könnte.

Ein Star ist Matthias Schweighöfer zweifellos; er weiß das und weist es doch weit von sich. Seit zwölf Jahren ist der Achtundzwanzigjährige im Filmgeschäft; er hat für Fernsehen, Kino und auch schon für Hollywood gearbeitet, hat Friedrich Schiller, den Baron von Richthofen, Rainer Langhans und Marcel Reich-Ranicki verkörpert, in „Operation Walküre“ an der Seite von Tom Cruise gespielt und immer wieder das ganz normale, verrückte Leben dargestellt, als Jugendlicher in „Soloalbum“, Rettungsassistent in „Kammerflimmern“, reicher Schnösel im „Tatort“ und erlebnishungriger Ossi in dem vor einigen Wochen angelaufenen Film „Friendship!“. Er hat in seinem jungen Schauspielerleben schon so viel erreicht und so viel zu tun, dass er ohne weiteres in einem Loft in Berlin-Mitte, Hamburg oder München wohnen, nein, residieren könnte. Doch Schweighöfer ist nach Brandenburg gezogen, auf einen Bauernhof.

Ein Vierseitengehöft mit 6000 Quadratmetern Land

Seit einem Jahr wohnt er auf dem Vierseitengehöft mit 6000 Quadratmetern Land nebst Brunnen und Streuobstwiese, umgeben von Wald und nicht weit von einem See. „Es war einfach eine unfassbar günstige Gelegenheit“, sagt er, als könne er es noch immer nicht fassen. „Alles war schon fertig, ich habe nur noch die Wände weiß gemalt.“ Dann zog er mit Freundin Anni ein; vor einem halben Jahr kam Tochter Greta auf die Welt, und seitdem ist das Leben noch schöner. Die kleine Greta ist auch der Hauptgrund, warum Schweighöfer sich immer wieder fürs Landleben entscheiden würde. „Das ist etwas für die Zukunft. Ich glaube, wenn meine Tochter etwas älter ist, wird sie sich riesig freuen, da draußen aufzuwachsen, mitten im Grünen, in der Natur.“

Matthias Schweighöfer selbst war das nicht vergönnt. Er wurde im vorpommerschen Anklam geboren; als er drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern, und er zog mit der Mutter erst nach Frankfurt an der Oder und später nach Chemnitz. Die Wochenenden verbrachte er meist bei seinem Vater in Berlin. Mit ihm teilt er sich bis heute eine kleine Wohnung in Mitte, aber wann immer es geht, fährt er raus auf den Hof und zu seiner Familie. „Es ist mir einfach wichtig, mal drei Tage dort zu sein und die Tür zuzumachen hinter diesem ganzen Berlin.“ Schweighöfer führt kein Party- und kein Jetset-Dasein, er zieht die Ruhe, ja die Besinnlichkeit des Landlebens allemal der großstädtischen Hektik vor.

Erstaunliche Bekenntnisse sind das

„Auf dem Land hast du eine ganz andere Normalität. Dort herrscht ein völlig anderes Tempo, du packst etwas zu essen ein, setzt dich an den See und redest über ganz andere Dinge als in der Stadt.“ Erstaunliche Bekenntnisse sind das für einen noch nicht mal dreißigjährigen Filmstar, dem die Post Einladungen zu Galas, Partys und Premieren täglich im Dutzend liefert. Doch Schweighöfer geht nicht hin. „Ich gehe nie auf Partys. Ich bin nicht der Typ dafür. Ich fühle mich dort eher unwohl, weil ich nie so richtig weiß, welche Leute ich da treffe und warum die überhaupt mit mir reden.“ Seit zwei Jahren schon war er auf keiner (fremden) Filmpremiere mehr, und auch sonst lebt er eher nach der Devise: „Da ist was los? Geil! Ich bleib' zu Hause.“

Geschickt entzieht er sich den vermeintlichen Zwängen der Stars-und-Sternchen-Welt; er braucht das alles nicht, das Sehen und Gesehenwerden, diese oft gekünstelten Freundlichkeiten, das geheuchelte Interesse und affektierte Lachen. Und selbst wenn er nicht so erfolgreich wäre, würde er wohl, statt auf Partys zu feiern, lieber hinaus aufs Land fahren, um den See joggen oder zum Beispiel Holz hacken. Er hat diese Arbeit schon ein paarmal öffentlich gelobt und meint das ernst. „Das ist wirklich sehr inspirierend, eine ganz geradlinige Angelegenheit“, erklärt er und zeigt mit den Händen, wie man mittig auf den Holzscheit draufschlagen und dabei auch die Axt richtig halten müsse, um sich nicht zu verletzen. „Es tut wirklich gut, mal ganz simple Dinge zu tun.“

„Wenn die Tür zu ist, atme ich durch“

Noch dazu, wenn sie auch nötig sind. Denn bei Schweighöfers werden mit dem selbstgehackten Holz der Kamin im Wohnzimmer und der Herd in der Küche bestückt. Holz holen und anfeuern gehört zu seinen Ritualen, wenn er nach Hause kommt. „Wenn die Tür zu ist, atme ich durch, zünde den Kamin an, koche was zu essen, setze mich vor den Fernseher oder lese ein Buch und füttere die Katzen.“ Die hat er vom Vorbesitzer, dem ehemaligen Potsdamer Theaterintendanten Ralf-Günter Krolkiewicz, übernommen. Um den Garten freilich kümmert sich ein Nachbar; dafür hat der Jungstar keine Zeit und bekennt obendrein, dass er sich „da nur verzetteln“ würde.

Überhaupt hat er mit seinen Nachbarn Glück. Obst pflücken, Wein ernten, Gras mähen oder kleine Reparaturen, das alles erledigt ein Mann von nebenan. Vor kurzem hat er sogar Lavendel angebaut, weil es gut aussieht und so schön riecht. Freilich zahlt Schweighöfer dafür auch, bekommt aber weit mehr zurück als erhofft. Anonymität gibt es hier im Gegensatz zur Stadt nicht und gegenseitigen Neid kaum. „Als ich neulich nach Hause kam, stand ein Karton mit Quittensaft und Quittengelee vor der Tür.“ Beim Einzug vor einem Jahr haben er und seine Freundin sich den unmittelbaren Anwohnern vorgestellt; seitdem unterstützten sie sich gegenseitig. „Jeder macht was füreinander. Wenn ich auf Reisen bin, bringe ich ihnen was mit, und sie geben uns etwas. Weihnachten hieß es zum Beispiel: ,Hier, wir haben Stollen gemacht.'“

„Der sah doch echt aus wie Marlon Brando“

Mag sein, dass das auch mit seinem Promibonus zu tun hat, aber allein damit lassen sich die ihn so faszinierende Güte und Hilfsbereitschaft, der Zusammenhalt und auch der Humor seiner Nachbarn nicht erklären. „Es ist ein sehr cooles und lustiges Dorf. Ich glaub's immer noch nicht, dass ich solche Nachbarn hab.“ Klar habe er sich Land und Leute da draußen anfangs eher konservativ vorgestellt. „Das gibt es da alles auch.“ Aber mittlerweile inspiriert ihn das Dorfleben sogar, etwa als neulich einer der Anwohner vorbeikam, bekleidet mit Jeans, Wollpullover, schwarzer Pudelmütze und blauem Schal. „Der sah doch echt aus wie Marlon Brando. Ein unfassbar schöner Mann mit 65!“

Die Stadt freilich kann und will Schweighöfer nicht völlig hinter sich lassen. Zehn Minuten sind es bis Potsdam, maximal dreißig bis ins Berliner Zentrum; er fährt ausschließlich mit dem Auto. In der Stadt erledigt er alles Geschäftliche, wozu auch Treffen mit der Presse zählen. Nie würde es ihm einfallen, Reporter und Fotografen in sein Haus zu lassen. Der Hof bleibt sein privater Rückzugsraum, auf den er sich wie verrückt freut, wenn er mal wieder lange - und dann meistens in Städten - unterwegs war. Häufig hat er in München, Frankfurt, Hamburg zu tun und ist immer wieder in Berlin. Hier hat er seinen Agenten, trifft sich mit Autoren, bespricht Drehbücher und Filmstoffe, seit neuestem auch für seine eigene Produktionsfirma mit Sitz auf dem Ku'damm. Ob Daniel Brühl oder Jürgen Vogel - viele von Schweighöfers Kollegen haben bereits eigene Firmen. Und überhaupt: „Ich werde jetzt bald dreißig, und das ist ein gutes Alter, um mal was anderes zu machen.“

„Ohne das Land würde ich kaputtgehen“

Mehr als Firma und Beruf aber teilt er mit seinen Schauspielkollegen kaum. „Ich mache mehr mein eigenes Ding, das war schon immer so.“ Zu seinen engsten Freunden zählt er nur einen Schauspieler, Milan Peschel. Der Einundvierzigjährige sei sein „größter Theaterheld“, was ihn umgehend als Paten für die kleine Greta prädestinierte, die mit zweitem Namen Sophie heißt - so wie auch Peschels Tochter. Pate Nummer zwei ist Andreas Nowak, genannt Nowi und Schlagzeuger bei Silbermond. So gebe es einen, der schon Erfahrung mit Kindern habe, und einen, der aus der gleichen Ecke komme wie der Papa. Schweighöfer freut es, wenn sich die Dinge irgendwie fügen.

Das Landleben, sagt er, habe seine Freundschaften gefestigt. „Es klingt unglaublich, aber seit ich da draußen wohne, sehe ich meine Freunde häufiger als zuvor.“ Joko etwa, der MTV-Moderator Joachim Winterscheidt, sei fast jeden zweiten Abend da, die Nähe zu Berlin sei eben günstig; zudem könnten sie auf dem Land ohne Ablenkung über alles reden. „Die Stadt gibt dir den Rhythmus vor, und da draußen bist du es, der den Rhythmus vorgibt. Das ist ein großer Unterschied.“

Sagt es und verabschiedet sich zum nächsten Termin. Er muss an seinem Englisch arbeiten, um in amerikanischen Castings zu bestehen. „Das fängt ja schon bei Wörten wie ,what' an. So wie ich das ,wh' spreche, sagt jeder Amerikaner sofort: ,Deutscher.'“ Hollywood aber sei sein Traum, und wie die Dinge liegen, könnte der schon bald Wirklichkeit werden. Der Brandenburger Bauernhof würde dann wohl nur temporär verwaist sein. „Ohne das Land“, sagt Matthias Schweighöfer, „würde ich kaputtgehen.“

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